Einer der Gründer der Samisdat-Zeitschrift „Beszélő“, Politiker, Mitgründer des Netzes Freier Initiativen und des Bundes Freier Demokraten, Vorsitzender des Helsinki-Komitees für Menschenrechte in Budapest.

Ferenc Kőszeg wurde 1939 in Budapest geboren. Er entstammt einer Ärztefamilie. Noch vor der Ungarischen Revolution von 1956 beteiligte er sich als Gymnasiast an Diskussionen des Petőfi-Kreises (Petőfi Kör). An den unmittelbaren Kämpfen während des Volksaufstandes konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen. Nach der sowjetischen Invasion am 4. November 1956 engagierte er sich jedoch beim Druck und dem Verteilen von Flugblättern. Am 21. Oktober 1957 wurde er festgenommen, die Ermittlungen wurden jedoch nach sieben Wochen eingestellt. Kőszeg erhielt eine Verwarnung von der Staatsanwaltschaft und wurde wieder freigelassen.

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Ungarische Revolution 1956: Barrikaden auf dem Lujza-Blaha-Platz in Budapest

Von 1957 bis 1962 studierte er ungarische und klassische Philologie an der Loránd-Eötvös-Universität Budapest. In den Jahren 1963–75 war er im Verlag „Szépirodalmi Kiadó“, von 1975 bis 1980 im Europa-Verlag als Redakteur tätig. 1970 lernte er dank seiner literarischen Kontakte, vermittelt über András Lakatos und János KenediGyörgy Bence und die anderen Schüler des Philosophen Georg Lukács kennen, welche spätere führende Vertreter der demokratischen Opposition werden sollten. Kőszeg, der sich selbst nie als Marxist betrachtete, sympathisierte aber mit den marxistischen Reformern. 1970 nahm er an Seminaren teil, die in György Bences Haus stattfanden, ab 1972 veranstaltete er dann in seiner eigenen Wohnung Seminare zur Ästhetik.

1978 unterzeichnete er eine Petition gegen die Verhaftung von Unterstützern der Charta 77. Wegen der Teilnahme an einer Unterschriftensammlung verlor er seine Arbeit im Europa-Verlag.

Seine aktive Oppositionstätigkeit begann 1980. Er engagierte sich für den Armenhilfefonds (Szegényeket Támogató Alap; SZETA). Ab 1981 war er an den Redaktionsarbeiten für die von ihm mitgegründete Untergrundzeitschrift „Beszélő“ (Sprecher) beteiligt. Er verfasste auch selbst viele Beiträge, in denen er vor allem Menschenrechtsfragen thematisierte. 1982 gab er die Samisdat-Anthologie „Fekete“ (Schwarz) heraus.

In den Jahren 1982 bis 1984 arbeitete er als Verkäufer in einer Buchhandlung, ab 1986 verdiente er seinen Lebensunterhalt mit der Erteilung von Deutschunterricht. Zur Parlamentswahl 1985 traten dank Kőszegs Initiative auch Vertreter der Opposition an (László Rajk, Gáspár Miklós Tamás, Ferenc Langmár, Tamás Bauer). Dies war möglich, da für diese Wahl erstmals auch Kandidaten von einer sogenannten Bevölkerungsliste aufgestellt werden durften.

Von Herbst 1985 bis Sommer 1986 weilte er zu einem Forschungsaufenthalt an der New School for Social Research in New York. An den Universitäten Columbia und Berkeley hielt er Vorlesungen zu den politischen Reformen in Osteuropa und zu den ungarischen Parlamentswahlen. Gemeinsam mit Sándor Szilágyi, der sich damals ebenfalls in den USA aufhielt, gründete er das Samisdat-Archiv. Zusammen wendeten sie sich mit Vorträgen zur ungarischen Opposition an die ungarischen Emigranten in den USA.

1986 sammelte Kőszeg in Warschau Unterschriften polnischer, ungarischer, tschechischer, slowakischer und ostdeutscher Bürgerrechtler für eine Erklärung zum 30. Jahrestag der Ungarischen Revolution von 1956. Nach der Rückkehr aus Warschau zogen die Behörden seinen Pass ein. Kőszeg bat daraufhin im „Beszélő“ alle diejenigen um Kontaktaufnahme, denen ebenfalls die Pässe abgenommen worden waren. Als Ergebnis veröffentlichte er 1987 ebenfalls in „Beszélő“ eine Studie, in der er zeigte, wie die Herrschenden die Reisefreiheit beschränkten und die Menschen daran hinderten, das Land zu verlassen. Im Juli 1988 trat er dann aus Protest gegen die Beschränkung der Reisefreiheit gemeinsam mit acht anderen Bürgerrechtlern in einen einwöchigen Hungerstreik, der damit endete, dass den Teilnehmern Pässe ausgestellt wurden. 1989, ein Jahr später, wurden dann per Gesetz die bestehenden Beschränkungen aufgehoben.

Im Januar 1988 organisierte Kőszeg eine Postwurfaktion, in der die Ungarn auf Flugblättern aufgerufen wurden, aus den offiziellen Gewerkschaftsverbänden auszutreten. Er gründete eine unabhängige Rechtshilfeorganisation, deren Aufgabe zum einen darin bestand, die Verletzung von Bürgerrechten durch den Staat zu dokumentieren, zum anderen sollte sie von solchen Bürgerrechtsverstößen betroffenen Personen helfen. Auch an der Entstehung des Netzes Freier Initiativen war Kőszeg beteiligt. Dieses Netzwerk zur Koordinierung oppositioneller Aktivitäten entstand im Mai 1988, aber bereits im August desselben Jahres kam Kőszeg zu dem Schluss, das Netzwerk müsse in eine selbstständige politische Organisation umgestaltet werden. Gemeinsam mit Bálint Magyar und Miklós Szabó ergriff er die Initiative zu einer Vollversammlung der Mitglieder des Netzwerkes, in deren Ergebnis am 13. November 1988 die Partei Bund Freier Demokraten (Szabad Demokraták Szövetsége; SZDSZ) gegründet wurde. 1988 war Kőszeg Mitglied des Landesrates, bis Dezember 1990 dann Sprecher der Partei. Er war auch einer der Gründer des Helsinki-Komitees für Menschenrechte, das am 19. Mai 1989 in Ungarn seine Tätigkeit aufnahm.

Zwei Legislaturperioden lang, von 1990 bis 1998, war er Abgeordneter für den Bund Freier Demokraten (Szabad Demokraták Szövetsége; SZDSZ) im ungarischen Parlament, war Fraktionssprecher, saß im Parlamentsausschuss für Nationale Sicherheit und bekleidete von 1996 bis zum Ende der Legislatur die Funktion des Stellvertretenden Parlamentspräsidenten. Als Parlamentsmitglied war Kőszeg an der Erarbeitung von Gesetzen beteiligt, die unter anderem die Kompetenzen des Ombudsmanns für Menschenrechte und der Polizei sowie die Kontrolle hoher staatlicher Funktionsträger betrafen. Zu seinen Arbeitsbereichen gehörten auch die Einsetzung eines Amts für Geschichte (das die Ressourcen des Innenministeriums erforschen sollte), die nationale Sicherheit sowie ein neues Asylgesetz.

1998 zog er sich aus der Politik zurück, war fortan publizistisch tätig und bis 2006 Vorsitzender des Ungarischen Helsinki-Komitees (anschließend dessen Alterspräsident). Bis heute engagiert er sich in Minderheiten- und Flüchtlingsfragen.

Sándor Szilágyi
Aus dem Polnischen von Gero Lietz
Letzte Aktualisierung: 06/15