Tschechien

Jiří Dienstbier

Jiří Dienstbier, 1937–2011

Radiojournalist und Sprecher der Charta 77. Erster nichtkommunistischer Außenminister der Tschechoslowakei

Jiří Dienstbier wurde 1937 in Kladno geboren. Er studierte an der philosophischen Fakultät der Karls-Universität in Prag Bohemistik und Journalismus. 1958 trat er in die Kommunistische Partei ein und begann, in der Redaktion des Auslandsradios der Tschechoslowakei zu arbeiten. Während der Kubakrise im Oktober 1962 gehörte er zu einer Gruppe von Journalisten, die sich das Recht erkämpften, für ihre Sendungen Informationen westlicher Nachrichtenagenturen verwenden zu dürfen. 1967 gab Dienstbier das Buch „Die Nacht begann um drei Uhr morgens“ (Noc začala ve tři ráno) mit Reportagen aus Indonesien heraus. In den 60er Jahren gehörte Dienstbier zu den Intellektuellen, die sich für einen demokratischen Wandel in Medien, Kultur und gesellschaftlichen Organisationen einsetzten. In den ersten Tagen des Einmarsches von Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei zur Niederschlagung des Prager Frühlings beteiligte er sich an Radiosendungen, die von konspirativen Studios an verschiedenen Orten in Prag aus die Besetzung der Tschechoslowakei kritisierten.

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Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings und die beginnende „Normalisierung“: Jugendliche und Studenten demonstrieren am 28. Oktober 1968 vor der Prager Burg

Im Herbst 1968 ging er als Korrespondent in die USA. Als der spätere langjährige Außenminister Bohuslav Chňoupek Dienstbiers Vorgesetzter wurde, wurde er im November 1968 zur Rückkehr in die Tschechoslowakei gezwungen. Kurz danach wurde er zusammen mit Karl Kuncl und anderen beim Rundfunk entlassen und sowohl aus dem Tschechoslowakischen Journalistenverband als auch aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Sein Reisepass wurde eingezogen und es ihm selbst jede Form von publizistischer und öffentlicher Tätigkeit für die nächsten zwanzig Jahre unmöglich gemacht.

Dienstbier arbeitete daraufhin von 1970 bis 1979 als Archivar bei der Prager Bauverwaltung. Ende 1976 gehörte er zu den ersten Unterzeichnern der Erklärung der Charta 77 und gründete ein Jahr später er die außenpolitische Untergrundzeitschrift „Čtverec“ (Quadrat), von der insgesamt vier Ausgaben erschienen. Dienstbier war einer der 17 Gründungsmitglieder des Komitees der zu Unrecht Verfolgten (Výbor na obranu nespravedlivě stíhaných; VONS), das sich am 27. April 1978 konstituierte. Ende der 70er Jahre schrieb er auch Theaterstücke: „Das Weihnachtsgeschenk“ (Vánoční dárek) erschien 1978 im Untergrundverlag Edice Petlice (Edition Türriegel) und „Der Wettbewerb“ (Kontest) sowie „Die Gäste“ (Hosté) ebenfalls im Samisdat 1980 in der Edition Expedice (Expedition).

Ab Februar 1979 war Jiří Dienstbier gemeinsam mit Václav Benda und Zdena Tominová Sprecher der Charta 77. Am 29. Mai 1979 wurde er zusammen mit neun Mitgliedern des Komitees zur Verteidigung der zu Unrecht Verfolgten verhaftet und wegen „staatsfeindlicher Tätigkeiten“ angeklagt. Am 23. Oktober 1979 verurteilte das Prager Stadtgericht Petr Uhl zu fünf Jahren Haft, Václav Havel zu viereinhalb Jahren, Otka Bednářová und Jiří Dienstbier zu je drei Jahren Haft. Dana Němcová erhielt eine zweijährige Haftstrafe, die aber für fünf Jahre auf Bewährung ausgesetzt wurde. Die sogenannte „staatsfeindliche Tätigkeit“ dieser Gruppe habe darin bestanden, dass sie „Material verfasst, vervielfältigt und in großem Maßstab auf dem Gebiet der Tschechoslowakei und im Ausland verteilt haben, das das Gericht für schädlich befindet.“ Das bezog sich hauptsächlich auf die Informationen, die in den Mitteilungen des Komitees zur Verteidigung der zu Unrecht Verfolgten verbreitet worden waren. Im Dezember bestätigte das Oberste Gericht das Urteil und Jiří Dienstbier kam zunächst in das Gefängnis in Ostrava-Heřmanice, wo er im Wechsel mit Václav Havel an einer Stahlschneidemaschine arbeitete. Später wurde er in das Bory-Gefängnis in Pilsen verlegt, wo er in der Buchbinderei tätig war. Vor seiner Entlassung im Mai 1982 gaben ihm Offiziere des Staatssicherheitsdienstes seinen Reisepass zurück und machten ihm das Angebot, ins Ausland zu reisen, was Dienstbier jedoch ablehnte. In Freiheit bemühte er sich daraufhin neun Monate lang vergeblich, eine Arbeit zu finden. Erst im Februar 1983 gelang es ihm, eine Anstellung als Nachtwächter zu erhalten. Ein Jahr später wurde er als Heizer eingestellt, als der er bis 1989 arbeitete.

Im Januar 1985 übernahm Dienstbier erneut das Amt des Sprechers der Charta 77, dieses Mal zusammen mit Eva Kantůrková und Petruška Šustrová. Er veröffentlichte Artikel und Kommentare in internationalen und Exilzeitschriften und gab die in unregelmäßigen Abständen erscheinende Zeitschrift „Komentáře“ (Kommentare) zur Außenpolitik heraus. 1986 publizierte er das Buch „Träume von Europa“ (Snění o Evropě) im Samisdat. Zwei Jahre später publizierte er ebenfalls im Untergrund gemeinsam mit Karl Lánský den Band „Radio gegen die Panzer“ (Rozhlas proti tankům) über die Rundfunksendungen im August 1968. Ab Januar 1988 war Dienstbier Mitglied und später Leiter des Redaktionsrats der Samisdat-Zeitung „Lidové noviny“ (Volkszeitung). Er war außerdem Mitglied des Kreises der Tschechoslowakisch-polnischen Solidarität (Československo-polská solidarita) und der Bewegung für Bürgerfreiheit (Hnutí za občanskou svobodu; HOS).

Während der Samtenen Revolution war Dienstbier im Bürgerforum (Občanské fórum; OF) aktiv. Im Namen des Prager Koordinationszentrums des Forums sprach er auf der ersten großen Demonstration in Bratislava. Später wurde er Sprecher des OF und organisierte die täglichen Pressekonferenzen im Theater „Laterna magica“ in Prag, wo sich das Koordinationszentrum befand.

Am 10. Dezember 1989 wurde Dienstbier tschechoslowakischer Außenministers in der Regierung der Nationalen Einheit. In den ersten freien Wahlen im Juni 1990 wurde er als Vertreter des Bürgerforums in die Volkskammer der Föderalversammlung gewählt. Nach dem Zerfall des Bürgerforums Ende Februar 1991 wurde er zum Vorsitzenden der Nachfolgepartei Bürgerbewegung (Občanské hnutí; OH) gewählt. Außenminister und Parlamentsabgeordneter blieb er bis zu den nächsten Wahlen im Juni 1992, bei denen die Bürgerbewegung eine Wahlniederlage erlebte.

Nach 1992 war Dienstbier Mitglied verschiedener UN-Kommissionen, zeitweise Mitglied des Prager Stadtrates, er unterrichtete Ende der 90er Jahre an amerikanischen Universitäten und arbeitete von 1998 bis 2001 als Sonderbeauftragter der Menschenrechtskommission der UNO im ehemaligen Jugoslawien. Jiří Dienstbier starb nach langer Krankheit 2011 in Prag.

Luboš Veselý
Aus dem Polnischen von Tim Bohse
Letzte Aktualisierung: 06/15