Erinnerungskultur in Russland

Im Zuge von Glasnost und Perestroika und der damit einhergehenden schrittweisen Lockerungen der repressiven Politik entstanden in Russland Menschenrechtsgruppen wie Memorial, das Sacharow-Zentrum sowie andere zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich mit seit Jahrzehnten verschwiegenen Themen, insbesondere mit dem „Großen Terror“ und dem GULag-System sowie deren Millionen Opfer befassten. In vielen Orten wurden von lokalen Initiativen Denkmäler errichtet, die an die Opfer des Terrors und der Repression erinnern, und Ausstellungen in den Heimatmuseen greifen auch bislang heroisierte oder tabuisierte Themen auf. Dies bezieht sich nicht nur auf das Thema GULag und stalinistische Repression, sondern ebenso auf den Afghanistan-Krieg oder den Krieg in Tschetschenien, wie zum Beispiel das von Afghanistan-Kämpfern in Jekaterinburg betriebene Museum zeigt. Man führte offizielle Gedenktage zur Erinnerung an die Opfer der Repression ein, wie den 5. August, an dem 1937 das Dekret über den „Großen Terror“ beschlossen wurde, oder den 30. Oktober als dem offiziellen Gedenktag für die Opfer der politischen Repression.

Bereits seit der ersten Amtszeit Wladimir Putins als Präsident der Russischen Föderation im Jahr 2000 haben sich die Bedingungen für unabhängige historische Aufarbeitung immer weiter verschlechtert. So orientierte sich die Geschichtspolitik in Russland weg von den „negativen“ Seiten der sowjetischen und russischen Geschichte hin zu den „positiven“ Seiten orientiert. In der Folge kam es zu einer Marginalisierung der stalinistischen Repressionen und Umdeutung der Verfolgungen wie beispielsweise in Perm-36, dem einzigen GULag-Museum an einem historischen Lagerort. Allerdings ist diese Entwicklung durchaus widersprüchlich. So schließt sich das 2015 eröffnete staatliche GULag-Museum in Moskau der in Perm praktizierten Umdeutung der Lager- und Verfolgungsgeschichte nicht an. Dennoch werden nichtstaatliche Institutionen, die sich mit dem Thema beschäftigen, immer mehr in ihrer Arbeit behindert. Insbesondere, wenn sie international vernetzt sind, werden sie zudem bedrängt, sich gemäß dem 2012 verabschiedeten „Gesetz über ausländische Agenten“ als solche registrieren zu lassen. So erging es der Organisation Memorial, die Ende 2016 zum „ausländischen Agenten“ erklärt wurde. Ebenfalls 2016 wurde der bekannte Memorial-Aktivist Juri Dimitrijew, der maßgeblich für die Lokalisierung von Massengräbern aus der Stalinzeit in Karelien sorgte, unter zweifelhaften Anschuldigungen verhaftet. Zur gleichen Zeit veröffentlichte die Universität Petrosawodsk eine Untersuchung, in der behauptet wurde, die in Sandormoch aufgefundenen Massengräber würden nicht von Mordaktionen des NKWD stammen, sondern seien Massengräber durch finnische Truppen getöteter Kriegsgefangener. Parallel zur fortgesetzten Einschüchterung und Behinderung unabhängiger Organisationen wie Memorial wurden staatliche Institutionen gegründet (wie zum Beispiel 2008 die Stiftung Historische Erinnerung), die für die Verbreitung regierungsoffizieller Geschichtsbilder sorgen sollen. Wie widersprüchlich die russische Politik im Hinblick auf die Erinnerungskultur ist, zeigt sich auch daran, dass am 30. Oktober 2017 auf dem Sacharow-Platz in Moskau ein staatlich finanziertes Denkmal für die Opfer politischer Repressionen, „Die Mauer der Trauer“, errichtet wurde.

Eine Übersicht der Denkmäler zur Erinnerung an die Opfer des stalinistischen Terrors befindet sich im Buch von Anna Kaminsky „Erinnerungsorte an den Massenterror 1937/38“, Berlin 2007.

Vgl.: Museen und Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer der kommunistischen Diktaturen, hrsg. v. Anna Kaminsky, erarbeitet v. Anna Kaminsky, Ruth Gleinig und Lena Ens, Dresden 2018, S. 284–287.