Kranführerin auf der Danziger Lenin-Werft; Mitglied der Freien Gewerkschaften der Küste; 1980/81 eine der bekanntesten Aktivistinnen der Solidarność.

Anna Walentynowicz wurde 1929 in Równe (heute ukrainisch Riwne) in Wolhynien geboren und verlor bereits im Alter von zehn Jahren beide Eltern. Fremde Leute nahmen sie bei sich auf und zogen mit ihr 1942 in die Nähe von Warschau. Sie besuchte lediglich vier Jahre die Grundschule. Nach dem Krieg arbeitete sie auf einem Bauernhof bei Danzig, dann in einer Bäckerei und in einer Margarinefabrik.

Ihre Entscheidung, 1950 eine Arbeit in der Danziger Lenin-Werft aufzunehmen, schilderte sie folgendermaßen: „Mich beeindruckte die an der Mauer prangende Losung ‚Die Jugend baut Schiffe‘. Ich begann eine Schweißerausbildung, die ich begeistert absolvierte. Ich war der Volksrepublik Polen dankbar, dass sie es mir ermöglichte, zu arbeiten und zu leben.“ Walentynowicz war Vorzeigeaktivistin, sie schaffte 270 Prozent der vorgegebenen Norm, in den Zeitungen erschien ihr Foto. Später arbeitete sie als Kranführerin.

1951 fuhr Walentynowicz als Mitglied des polnisches Jugendverbandes „Bund der Polnischen Jugend“ (Związek Młodzieży Polskiej; ZMP) zu den Weltfestspielen der Jugend und Studenten nach Ost-Berlin. „Damals begegnete mir zum ersten Mal die Lüge. Erstmals sollte ich im Namen meiner Organisation andere anlügen“, erzählte sie. Sie trat daraufhin aus dem Jugendverband aus, aber dem Frauenbund (Liga Kobiet) bei, weil verlangt wurde, dass sie sich weiterhin gesellschaftlich engagiere. Durch ihr öffentliches Auftreten gegen alle Arten von Ungerechtigkeit erlangte sie Achtung und Anerkennung. Bereits in den 60er Jahren wurde sie vom Staatssicherheitsdienst vorgeladen und verwarnt. Sie wurde mehrfach festgenommen, aber gleichzeitig auch von der Staatsführung ausgezeichnet.

Der erste Versuch, Walentynowicz aus der Danziger Lenin-Werft zu entlassen, erfolgte 1968, nachdem sie versucht hatte, einen Fall von Veruntreuung von Hilfsfondsgeldern aufzuklären. Die Proteste der Arbeiter der Werksabteilung W-3 bewirkte jedoch, dass Walentynowicz lediglich in eine andere Abteilung (W-2) versetzt wurde. Am 25. Januar 1971 gehörte sie zu einer Delegation von Werftarbeitern, die mit dem neuen Ersten Sekretär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, Edward Gierek, Gespräche führte.

Im Mai desselben Jahres wurde Walentynowicz Mitglied der Freien Gewerkschaften der Küste (Wolne Związki Zawodowe Wybrzeża; WZZ Wybrzeża) und wirkte in der Redaktion von deren Zeitschrift „Robotnik Wybrzeża“ (Arbeiter der Küste) mit. Sie beteiligte sich an der Weiterverbreitung illegaler Schriften und Flugblätter und organisierte Gedenkveranstaltungen zu den Jahrestagen der Ereignisse im Dezember 1970. Ihre Wohnung wurde zu einer Anlaufstelle und zum Ort von Versammlungen von Mitgliedern der Freien Gewerkschaften der Küste. Im Juli unterzeichnete sie die „Charta der Arbeiterrechte“ (Karta Praw Robotniczych), ein programmatisches Dokument der unabhängigen Gewerkschaftsbewegung.

Die Folge war, dass Walentynowicz immer wieder für 48 Stunden in Polizeigewahrsam genommen und schikaniert wurde. Man untersagte ihr, während der Arbeitspausen ihren Kran zu verlassen, sperrte sie im Umkleideraum ein, unterzog sie Leibesvisitationen, sprach Verwarnungen und Verweise aus. Eine der gegen sie verhängten Geldstrafen ließ sie auf gerichtlichem Wege annullieren. Mit ihrer Haltung wollte sie anderen ein Beispiel sein: „In Polen mag es arme Menschen geben, es darf aber keine eingeschüchterten Menschen geben.“

Im Dezember 1978 wurde sie für vier Monate in ein anderes Werk strafversetzt, das mit der Danziger Werft kooperierte. Am 31. Januar 1980 – nach einem weiteren Versuch, sie zu entlassen – traten die Arbeiter der Danziger Werft in einen dreiwöchigen Streik. Im Februar versetzte man sie in das Lager der Werft, woraufhin sie vor Gericht zog und nach einigen Monaten ein für sie günstiges Urteil erstritt. Am 7. August 1980 (fünf Monate vor ihrem Rentenbeginn) wurde der Arbeitsvertrag mit Anna Walentynowicz gekündigt. Sie selbst erfuhr erst einen Tag später von der Kündigung: Als sie ihren Lohn abholen wollte, wurde sie von der Werkwache ohne Umschweife des Werkgeländes verwiesen.

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Streik in der Danziger Lenin-Werft: Vor den Werfttoren verfolgen am 31. August 1980 zahlreiche Menschen die Ansprache Lech Wałęsas, der die Unterzeichnung der Danziger Vereinbarung verkündet.

Die Wiedereinstellung von Anna Walentynowicz war die erste Forderung der Streikenden in der Danziger Lenin-Werft, die – einem Aufruf von Bogdan Borusewicz und anderen Aktivisten der Freien Gewerkschaften der Küste folgend – mit ihrem Ausstand am 14. August begannen. Auf Verlangen der Protestierenden wurde Walentynowicz schließlich mit dem Dienstwagen des Werftdirektors auf das Werksgelände gebracht. Nach dem erfolgreichen Streikende hielt sie am 16. August gemeinsam mit Alina Pieńkowska und anderen die Werftarbeiter zurück, die nach Hause zurückkehren wollten und bewegte diese dazu, weiter auf dem Werftgelände zu bleiben. Damit verstieß sie zwar gegen die vom Streikkomitee mit der Werftleitung ausgehandelte Vereinbarung, trug aber so zum Beginn eines Solidaritätsstreiks mit den anderen bestreikten Betrieben an der Ostseeküste bei. Später wurde sie Präsidiumsmitglied des Überbetrieblichen Streikkomitees (Międzyzakładowy Komitet Strajkowy; MKS), das unter Leitung von Lech Wałęsa die Verhandlungen mit der Regierungsseite führte.

Am 1. September 1980 wurde Walentynowicz in Danzig Mitglied des Präsidiums des Überbetrieblichen Gründungskomitees (Międzyzakładowy Komitet Założycielski; MKZ) der Unabhängigen Selbstverwalteten Gewerkschaft (Niezależny Samorządny Związek Zawodowy; NSZZ), die fortan Solidarność (Solidarität) genannt wurde. Ihr Zuständigkeitsbereich waren unter anderem die Finanzen, sie sammelte zum Beispiel Geld für den Bau eines Denkmals für Werftarbeiter, die während der Ereignisse im Dezember 1970 ums Leben gekommen waren. Neben Lech Wałęsa wurde Walentynowicz zur populärsten und prägendsten Gestalt der neuen Gewerkschaft. Basierend auf ihrer Biografie sollte ein Spielfilm entstehen, sie ist auch in einer Szene in Andrzej Wajdas Film „Der Mann aus Eisen“ (Człowiek z żelaza) von 1981 zu sehen. In jener Zeit war sie im britischen Parlament und beim französischen Staatspräsidenten zu Gast, in den Niederlanden wurde sie zur Frau des Jahres gekürt.

Piotr Adamowicz
Aus dem Polnischen von Gero Lietz
Letzte Aktualisierung: 08/16