Es gibt eine Reihe von Frauen und Männern, die ganz zu Recht Mütter oder Väter der ostdeutschen Revolution von 1989 genannt werden. Nur ganz wenige aber können behaupten, auch zu den Architekten des Systemumsturzes zu zählen. Dazu bedurfte es neben moralischer Entrüstung, humanen Empfindens und energischen Mutes auch intellektueller Redlichkeit, optimistischer Geschichtssicht und Lust auf die Rückkehr von Geschichte und Politik in die eigene Gesellschaft. Der Kampf gegen die Feinde der offenen Gesellschaft hat Martin Gutzeit nicht nur Spaß gemacht, er hat dabei auch Gespür und Sinn für die Frage entwickelt, die eine Revolution erfolgreich und irreversibel werden lässt: die Machtfrage. Mit der Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR im Herbst 1989 haben Gutzeit und Markus Meckel, auf den Schultern des Weltgeistes stehend gewagt, wozu viele andere ihrer Freunde in der Opposition noch nicht bereit waren – das Machtmonopol der Kommunisten nicht nur zu hinterfragen, sondern unmissverständlich anzugreifen und die von den Herrschenden entworfene Selbstlegitimation nachhaltig zu unterhöhlen. Gutzeit und Markus Meckel bildeten viele Jahre ein Team, und doch gebührt Martin Gutzeit allein der unverdiente Titel, eine der am meisten unterschätzten und verkannten Persönlichkeiten der Opposition und der Revolution von 1989/90 zu sein.

In einem Dorf bei Cottbus wuchs Martin Gutzeit auf, nachdem er am 30. April 1952 das Licht der Welt erblickt hatte. Sein Vater war Pfarrer, der mehrere Dörfer betreute. Vor 1945 gehörte er zur Bekennenden Kirche. Die Mutter starb bereits 1957. Die politische Haltung von Gutzeits Vater war deutlich gegen das kommunistische System ausgerichtet, es herrschte geistige Offenheit im Pfarrhaus. Anfang der 90er Jahre formulierte Martin Gutzeit einmal mit Blick auf sein Elternhaus: „Es gibt gewisse Werte, Normen, Prinzipien, Verantwortung, zu denen man steht. Und da spielt es keine Rolle, was andere Menschen dazu sagen, ob man diskreditiert wird oder nicht.“ Diese Überlegung hat Gutzeits Weg und Entwicklung maßgeblich begleitet und beeinflusst.

Abitur durfte er nicht ablegen, da stand das Elternhaus politisch aus Sicht der SED im Wege. Deshalb begann Gutzeit 1968 in Calau eine Elektromonteurlehre, die er 1970 erfolgreich abschloss. Gleichzeitig belegte er an einer Abendschule in Cottbus einen Abiturkurs. Die Hochschulreife erwarb Gutzeit 1971, obwohl sein Betrieb versucht hatte, ihm auch diesen Bildungsweg zu untersagen. Was er genau mit dem Abitur anfangen würde, wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Am liebsten hätte er Mathematik studiert. Seine Vorliebe für Logik war längst ausgeprägt. Die aufregenden Zeiten in den 60er und frühen 70er Jahren haben Marlin Gutzeit nicht unberührt gelassen. Literatur und Musik beeinflussten ihn, während seine Haare immer länger wurden. Der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King avancierte zu seinem Vorbild. Die Studentenunruhen, das antiautoritäre Auftreten faszinierten den freiheitsliebenden jungen Mann an der deutsch-polnischen Grenze. Ebenso schaute er voller Begeisterung in die Tschechoslowakei, wo reformkommunistische Kräfte versuchten, im Prager Frühling einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu praktizieren. Als der Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei die wahre Fratze des Kommunismus wieder zum Vorschein bringt, ist Gutzeit weniger geschockt und entsetzt als viele andere. Zwar hatte auch er Hoffnungen gehegt, aber so viel hatte er schon von Macht, Geschichte und Kommunismus verstanden, dass rollende Panzer gegen die eigene Bevölkerung durchaus immer im Bereich des Möglichen lagen. Er war enttäuscht und zugleich motiviert, verstehen zu wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Seine christliche Prägung kam 1971 nicht nur dadurch zum Ausdruck, dass er den Armeedienst total verweigerte, Gutzeit arbeitete zugleich als Diakoniehelfer auf dem Martinshof in Rothenburg (Oberlausitz). Er wusste zu gut, was Totalverweigerung hieß, denn nach Rothenburg war gerade ein Diakon nach zwei Jahren Zuchthaus zurückgekehrt. Als Gutzeit hingegen weder verhaftet noch eingesperrt wurde, stellte sich die Frage, was nun zu tun sei. „Es gab für mich zwei Möglichkeiten. Studieren war bei keiner staatlichen Universität möglich. Entweder ich machte eine Diakonieausbildung […] oder ich studierte Theologie an einer kirchlichen Ausbildungsstätte.“ 1972 nahm er ein Theologie- und Philosophiestudium am Berliner Sprachenkonvikt auf. Hier konnte frei und unabhängig im Schutzwinkel der Kirche und mit finanzieller Unterstützung des Westens studiert werden. Philosophie und Philosophiegeschichte wurden das Steckenpferd des Theologiestudenten Martin Gutzeit.

1974 lernte er Markus Meckel kennen, der sein 1971 in Naumburg begonnenes Theologiestudium nun am Sprachenkonvikt fortsetzte. Im Kern der Debatten, die Gutzeit, Markus Meckel und andere führten, standen Fragen nach Freiheit, Eigentum, Recht, Staatsbeschaffenheit, Gesellschaft und „Was ist Politik?“. Diskutiert wurden die großen Philosophen ebenso wie aktuelle Texte der Opposition. Dass dabei Rudolf Bahro, Robert Havemann oder Wolf Biermann auf viel Sympathie bei Gutzeit stießen, ist fast selbstverständlich, aber für ihre politischen Überzeugungen und Annahmen galt das nicht in gleichem Maße. Der Protestant Gutzeit, der sein Denken an Hegel und Kant schulte, konnte mit kommunistischen Gesellschaftsentwürfen, und seien sie noch so gegen die kommunistischen Machthaber gerichtet, nicht viel anfangen. In einem eigenen Hegel-Kreis, der 1977–81 vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) überwacht wurde, haben Gutzeit, Markus Meckel und einige andere ihre philosophischen Debatten auch mit Fragen der Gegenwart und Zukunft zu verbinden gewusst.

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Markus Meckel

Ende der 70er Jahre ließ sich Martin Gutzeit übrigens auch seine langen Haare abschneiden. Er hielt die Zeit für gekommen, weil er seine Widerständigkeit gegen verordnete Normen nicht mehr symbolisch vor sich hertragen musste. Innerlich war er nun so unabhängig, sich die Freiheit zu nehmen, die er zum Leben benötigte.

1979 endete Gutzeits Studium offiziell. Mit Gelegenheitsjobs hielt er sich über Wasser, um seine Studien privat am Sprachenkonvikt fortführen zu können. Erst 1982 trat er eine Pfarrstelle in Mecklenburg an. Seine Frau Gudrun, mit der er seit 1973 verheiratet ist, kam ein halbes Jahr später nach und machte dort zunächst zwei Jahre ein Vikariat, ehe sich das Ehepaar ab 1984 die Pfarrstelle teilte. Neben dieser zeit-und kraftaufwändigen Arbeit betrieb Gutzeit weiterhin seine philosophischen Studien und arbeitete mit Markus Meckel in der unabhängigen Friedensbewegung mit. Friedens- und Menschenrechtsseminare, die mobilen Mecklenburger Friedensseminare und der Vipperower Friedenskreis sind nur einige der Schlagwörter, die im politischen Leben Gutzeits eine große Rolle in den 80er Jahren spielten. Er pflegte intensive Kontakte vor allem nach West-Berlin, in die Bundesrepublik und die Niederlande.

Neben der Gemeindearbeit war die geistige Auseinandersetzung mit Gesellschaftstheorien immer ein Standbein von Gutzeits Arbeit. Ab 1984 arbeitete er im Arbeitskreis Theologie und Philosophie beim Bund der Evangelischen Kirchen mit, ab 1986 wirkte er dann als Assistent von Richard Schröder erneut am Sprachenkonvikt. Er unterrichtete Philosophie, lehrte Sprachen und schrieb an einer Dissertation über Hegels Logik und Religionsphilosophie. Zum Glück, so würde Gutzeit wohl sagen, konnte er die ihm eng ans Herz gewachsene Arbeit nicht zu Ende schreiben, weil das eintrat, woran kaum jemand geglaubt hatte: der Kommunismus verschwand.

Zu den wenigen, die sich einen solchen Untergang schon lange und konkret vorstellen konnten, gehörte Martin Gutzeit. In den Oppositionsgruppen, die er zumeist kannte, fühlte er sich nicht recht wohl. Es war ihm dort zu wenig Theorie und vor allem zu wenig Politik. Ihm fehlte bei vielen anderen der Drang, die nichtlegitimierte Macht zu beseitigen.

Im Frühjahr 1988, nach den Ereignissen im Zusammenhang mit der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration im Januar, kam Gutzeit zu der Einsicht, dass die bisherige Arbeit der Opposition in der DDR praktisch gescheitert sei. Der Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM) zum Beispiel warf er vor, keine klaren politischen, auf die Systemüberwindung orientierten Ziele zu haben. Die Arbeit müsse insgesamt neu orientiert und organisiert werden. Gutzeit arbeitete gemeinsam mit Markus Meckel ein Vereinsprojekt „Bürgerbeteiligung“ aus. Satzungsziel sollte die Herstellung einer demokratischen Öffentlichkeit, die Demokratisierung und Pluralisierung der Gesellschaft sein, was auf die Abschaffung der kommunistischen Diktatur hinauslief. In diesem Projekt fanden die Erfahrungen und Ideen der letzten Jahre zusammen. Vom Ansatz ähnelte diese Idee den späteren Bürgerbewegungen wie Neues Forum und Demokratischer Aufbruch.

Bei seiner Beschäftigung mit Hegels Philosophie kam Gutzeit immer mehr zu dem Schluss, dass die ihn umgebende Wirklichkeit nicht nur aufgebrochen werden müsse, sondern dass dies auch möglich sei. Jahre später schrieb er einmal über diesen Erkenntnisprozess: „Ich verhehle nicht, dass mich eine euphorische Stimmung erfasste, als ich glaubte, eine Gegenlogik gegen die scheinbar unüberwindlichen Machtverhältnisse gefunden zu haben, denen ich mich bis dahin ziemlich ohnmächtig ausgeliefert fühlte.“ Zugleich überkamen ihn aber auch Zweifel, ob mit einem Verein tatsächlich das Gewaltmonopol des Staates entscheidend herausgefordert werden könne. Gutzeit war im Gegensatz zu vielen anderen Oppositionellen kein prinzipieller Gegner des Staates – sehr wohl aber des totalitären Staates. Vor diesem Hintergrund reifte immer stärker die Einsicht, nur mit einer neuen Partei wirklich etwas bewegen und Staat wie Gesellschaft demokratisieren zu können.

Mit Markus Meckel, der sogleich angetan war, besprach er die Idee. Als Meckel im Februar 1989 auf einem Oppositionstreffen erste vage Überlegungen zur Gründung einer Partei vortrug, wurden diese abgelehnt. Ein solches Vorhaben überforderte die meisten Oppositionellen noch erheblich. Weder Markus Meckel noch Gutzeit waren von dieser Ablehnung sonderlich überrascht, kannten sie doch – wie sie sagen würden – „ihre Pappheimer“.

Ilko-Sascha Kowalczuk
Letzte Aktualisierung: 12/16