Schriftsteller und Publizist, im Londoner Exil vom bulgarischen Geheimdienst ermordet. Sein Wirken prägte die bulgarische Opposition über seinen Tod hinaus.

Georgi Markow wurde 1929 in Sofia geboren. Er studierte Industriechemie und arbeitete nach dem Studium zunächst einige Jahre in seinem Beruf. Ab 1959 lebte er von seiner literarischen Tätigkeit. Beeindruckender Start seiner Schriftstellerkarriere war 1962 der Roman „Măže“ (Männer), den die junge Generation als kollektives autobiografisches Dokument begriff.

Der kritische Geist und der moralische Maximalismus Markows ließen sich jedoch nicht in Übereinstimmung mit den Anforderungen bringen, die für einen Schriftsteller im Sozialismus galten. Immer stärker wurde seine Aversion gegen die Doppelmoral der kommunistischen Funktionäre deutlich sowie gegen die Grausamkeit und Primitivität Todor Schiwkows, des Ersten Sekretärs der Bulgarischen Kommunistischen Partei. Unmittelbarer Anlass zu einem scharfen Konflikt mit den das Kulturleben überwachenden Zensurbehörden waren einige von Markows Theaterstücken, die eins nach dem anderen auf den Index gesetzt wurden, zum Teil bereits nach der ersten Vorstellung. Nach einer „geschlossenen“ Premiere seines Stückes „Az bjach toj“ (Das war ich), der am 15. Juni 1969 im Sofioter Satirischen Theater ausschließlich Parteifunktionäre und treu ergebene Kritiker beiwohnten, beschloss Markow, ins Exil zu gehen.

Eine Zeitlang wohnte er in Italien und West-Deutschland, bevor er 1970 nach London ging, wo er für die bulgarische Redaktion der BBC arbeitete und auch mit der Deutschen Welle kooperierte. Die Akten des bulgarischen Staatssicherheitsdienstes belegen, dass von Anfang an jeder seiner Schritte im Exil streng überwacht wurde. Bezeichnend ist auch der Tarnname, unter dem Markow in den Akten geführt wurde: „Skitnik“ (Weltenbummler).

Ende 1972 inszenierten die Behörden in Sofia gegen Markow einen Prozess in Abwesenheit. Er wurde zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er sich angeblich „fremden Organisationen, die der Volksrepublik Bulgarien schaden, angedient“ und weil er „um die Volksmacht zu schwächen, Kommentare und Essays mit verleumderischem Inhalt über die Staats- und Gesellschaftsordnung verfasst“ habe. In den Folgejahren konnte allein schon die öffentliche Erwähnung seines Namens zu Verfolgungsmaßnahmen führen.

Seine Aufgabe im Exil sah Markow darin, seine im sozialistischen Bulgarien zurückgebliebenen Landsleute über den Unterdrückungscharakter und die Verlogenheit des totalitären Systems aufzuklären. Vertreter der bulgarischen Machthaber und der Geheimdienste warnten ihn mehrfach und riefen ihn dazu auf, seine antikommunistische Tätigkeit einzustellen. Die Warnungen betrafen in erster Linie seine Radiosendung „Fernreportagen aus Bulgarien“, die 1977/78 wöchentlich von Radio Freies Europa ausgestrahlt wurde. In Bulgarien verfolgte man die Sendung aufmerksam; sie spielte eine entscheidende Rolle für die Herausbildung antikommunistischer Überzeugungen und oppositioneller Haltungen zahlreicher Bulgaren.

In der Sendung „Mila Rodino, ti si zemen raj“ (Liebe Heimat, du bist das Paradies auf Erden), deren Titel an den Beginn der bulgarischen Nationalhymne anknüpfte, sagte Markow einmal: „Die Partei ist also Bulgarien. Und Bulgarien ist natürlich die Partei. Jeder ist nur so viel Bulgare, wie er zusammen mit der Partei voranschreitet. Andernfalls ist er kein Bulgare – egal, ob er seine Heimaterde noch so liebt, ob er noch so stolz auf seine Geschichte ist, ob er noch so gut die bulgarische Sprache beherrscht.“ Und in der Sendung „Ljubovta kym Golemija Brat“ (Die Liebe zum Großen Bruder) betonte er: „Mir scheint, das einzige kollektive Gefühl, das das gesamte bulgarische Volk gegenüber einem konkreten Staat hegt, ist das Gefühl gegenüber der Sowjetunion, und dabei geht es – gelinde gesagt – um eine Gefühl der Abneigung. […] Allmählich ebbt die antisowjetische Welle etwas ab, und das Gefühl des Hasses ist der Apathie gewichen. Für die große Mehrheit ist Bulgarien für ewige Zeiten an die Sowjetunion ‚verkauft‘ worden, und solange dieser Staat besteht, kann sich daran auch nichts ändern.“

Michail Nedeltschew
Aus dem Polnischen von Gero Lietz
Letzte Aktualisierung: 08/17