Erinnerungskultur in Albanien

Erste Aufarbeitungsbemühungen in Albanien nach den ersten freien Wahlen im April 1991 verliefen im Sande. Für die Verbrechen der kommunistischen Herrschaft wurde niemand zur Verantwortung gezogen. Vielmehr etablierten sich die alten Eliten erneut an der Macht. Zwar war bereits 1991 im Historischen Nationalmuseum eine Ausstellung über die politischen Verfolgungen und Repressionen des Regimes eröffnet worden, Regelungen zur Entschädigung und Rehabilitierung der Opfer wie auch die strafrechtliche Aufarbeitung der Verbrechen des Regimes jedoch blieben weitgehend aus. Besonders schmerzhaft war für viele ehemals Verfolgte, dass hochrangige Mitglieder der kommunistischen Partei, Staatsanwälte und Richter, die im kommunistischen Regime an Repressalien und Todesurteilen beteiligt waren, erneut zu politischer Macht kamen. Die Überlebenden schlossen sich in Opferverbänden zusammen, ihre Hoffnung auf Entschädigung und Rehabilitierung wurde jedoch lange Zeit ignoriert. Bis heute warten sie teilweise auf eine – ohnehin geringe – Entschädigung. Enteignete Familien erhielten zum Teil ihr Eigentum zurück, aber auch dieser Prozess gestaltete sich schwierig, da der Nachweis über die Enteignungen oft schwer zu erbringen war. 2010 wurde das Institut zur Erforschung der Verbrechen des Kommunismus in Albanien gegründet, das von einstmals Verfolgten geleitet wird und Zeitzeugenberichte sammelt. Das Institut versucht, mit Bildungs- und Zeitzeugenprogrammen in den Schulen über die Diktatur aufzuklären. Erst nach mehr als 20 Jahren konnten an Orten des Terrors Gedenkstätten und Erinnerungszeichen errichtet werden. 2013 wurde in der Hauptstadt am Eingang zum einstigen „Blloku“, dem abgeschot­teten Wohnviertel der kommunistischen Elite, ein erstes Denkmal zur Erinnerung an die Verbrechen und die Überwindung der Diktatur eingeweiht und 2014 in Shkodra, einem Zentrum des antikommunistischen Widerstands, die bisher einzige Gedenkstätte in einem früheren Sigurimi-Gefängnis eröffnet.

Ein lange umstrittenes Kapitel war die Öffnung der Sigurimi-Akten. Diese werden erst seit 2017 in einer eigenen Behörde zusammengetragen und zugänglich gemacht. Im einstigen Sigurimi-Hauptquartier in Tirana, dem „Haus der Blätter“, wurde eine Gedenkstätte eröffnet, die an die Überwachung der Gesellschaft und an die Opfer erinnert. In Lushnja wurde im Frühjahr 2017 schließlich ein Denkmal für die Opfer der dortigen Internierungslager eingeweiht. Weitere Initiativen ehemaliger Häftlinge und Verbannter, aber auch junger Leute versuchen, in einstigen Lagern (zum Beispiel in Tepelene) und Gefängnissen wie in Spaç oder Burrel Gedenkstätten und Denkmäler zu errichten. In Tirana informieren mittlerweile zwei große Ausstellungen in den berüchtigten Bunkern, die Hoxha seit den 70er Jahren zu Hunderttausenden im ganzen Land errichten ließ, über die Repression unter der kommunistischen Diktatur.

Vgl.: Museen und Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer der kommunistischen Diktaturen, hrsg. v. Anna Kaminsky, erarbeitet v. Anna Kaminsky, Ruth Gleinig und Lena Ens, Dresden 2018, S. 16–17.