Glossar

„Magyar Füzetek”

Von Péter Kende gegründete ungarische Emigrantenzeitschrift, die 1978–89 in Paris herausgegeben wurde. In den „Magyar Füzetek” (Ungarische Hefte) erschienen Beiträge aus der ungarischen Untergrundpresse, in speziellen Themenheften wurden Essays und Aufsätze zu sozialen und politischen Fragen abgedruckt, darunter auch Texte über die Aktivitäten der ungarischen Opposition. Beispiele: „Was taugt die Manuskript-Literatur, wenn sie ungarisch ist?” (Mit ér a kéziratos irodalom, ha magyar?, Nr. 2), „Wir, die Osteueropäer” (Mi, kelet-európaiak, Nr. 3), „In der Minderheit” (Kisebbségben, Nr. 5). Insgesamt 20 Nummern der Zeitschrift erschienen, dazu noch 13 Bücher, darunter: „Ausgewählte Schriften (Válogatott írások), M. Haraszti: „Akkordarbeit” (Darabbér); G. Konrád: „Versuchung der Autonomie” (Az autonómia kísértése), G. Bence/J. Kis: „Die Gesellschaft sowjetischen Typus mit marxistischen Augen betrachtet“ (A szovjet típusú társadalom marxista szemmel).

„Manifest der 2.000 Worte“

Am 27. Juni 1968 wurde das „Manifest der 2.000 Worte“ (Dva tisíce slov) in mehreren tschechoslowakischen Tageszeitungen veröffentlicht. Der Autor Ludvík Vaculík rief in diesem Text die Bevölkerung dazu auf, den Reformprozess im Land zu unterstützen. Ludvík Vaculík war davon überzeugt, dass ein möglichst breites gesellschaftliches Eintreten für den Reformprozess diesen beschleunigen würde. Der Text wurde von vielen bekannten Persönlichkeiten des Landes aus Kultur, Wissenschaft und Sport unterschrieben. Die Führung der KPdSU und Teile der tschechoslowakischen Parteiführung reagierten hingegen mit scharfer Kritik. Auch einige kommunistische Reformanhänger kritisierten den Text aus der Angst heraus, die Sowjetunion könnte diesen als Vorwand für eine militärische Intervention nutzen. Kurz nach dem Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei wurde das „Manifest“ als „konterrevolutionäres Programm“ eingestuft und viele seiner Unterzeichner waren staatlichen Repressionen ausgesetzt.

Memorandum der Estnischen Demokratischen Bewegung und der Estnischen Volksfront

Ein Appell an die Generalversammlung der Vereinten Nationen vom 24. Oktober 1972, in dem die dauerhafte sowjetische Besetzung Estlands hervorgehoben und auf die zunehmende Russifizierung hingewiesen wurde. Die Autoren forderten die Wiedererlangung der Unabhängigkeit Estlands in den Grenzen des Friedensvertrages zwischen Sowjetrussland und der Estnischen Republik von 1920, die Aufnahme Estlands als ehemaliges Völkerbund-Mitglied in die Vereinten Nationen, den Abzug der sowjetischen Truppen und die Durchführung von freien Wahlen unter Aufsicht der UNO. Aus unbekannten Gründen gelangte der Text erst zwei Jahre, nachdem er verfasst worden war, in den Westen. Innerhalb kürzester Zeit wurden die Aktivisten der „Estnischen Demokratischen Bewegung“ und der Estnischen Volksfront Sergei Soldatow, Artem Juskevitš, Kalju Mätik, Mati Kiirend und Arvo Varato verhaftet und verurteilt.

Memorial

Gesellschaftliche Massenbewegung, die in der Sowjetunion der Perestroika-Zeit entstanden war, um die Erinnerung an den Staatsterror, die politischen Verfolgungen und den gesellschaftlichen Widerstand gegen den Totalitarismus zu fördern. Die erste Memorial-Gruppe bildete sich im August 1987. Im Januar 1989 wurde die „Allunionsvereinigung für geschichtliche Aufklärung, soziale Fürsorge und Menschenrechte ‚Memorial’“ gegründet. Seit 1991 heißt sie „Internationale Vereinigung ‚Memorial’“. Heute umfasst die Vereinigung etwa 100 Regionalorganisationen in Russland, der Ukraine, Kasachstan und Litauen sowie Ableger in Deutschland und Italien.

Memorial erforscht die Geschichte der politischen Verfolgung in der Sowjetunion, sammelt Informationen über die Lage von Gräbern, erinnert an die Opfer des Totalitarismus, setzt sich für die Verteidigung der Menschenrechte ein, leistet rechtliche und soziale Hilfe für ehemalige politische Häftlinge und Verbannte, betreibt Bildungsarbeit und verlegt Bücher. Bei der Verteidigung der Menschenrechte greift die Vereinigung auf Prinzipien zurück, die sowjetische Menschenrechtler in den 60er bis 80er Jahren entwickelt hatten. Viele ehemalige Dissidenten und politische Häftlinge engagieren sich bei Memorial. Den Vorsitz der russischen Organisation hatte ab 1990 Sergei Kowaljow inne. Das Moskauer Archiv des Forschungs-, Informations- und Bildungszentrums von Memorial besitzt eine der weltweit größten Quellensammlungen der Geschichte der Dissidentenbewegung in der UdSSR. In den letzten Jahren geriet Memorial in Russland zunehmend unter Druck der Behörden. So musste sich die Organisation unter anderem als sogenannter „ausländischer Agent“ registrieren lassen.

In der Ukraine ist neben der Regionalorganisation der „Internationalen Vereinigung ‚Memorial’“ eine eigene ukrainische Memorial-Organisation tätig, die nach Wasyl Stus benannt ist. In Belarus entstand Ende der 80er Jahre eine Organisation mit ähnlichen Aufgaben und Zielen wie Memorial: „Martyraloh Belarusi“. Einen Ableger von Memorial gibt es auch in Georgien.

Mordwinische Lager

Komplex von Arbeitsbesserungslagern in den Gebieten Subowo-Poljanski und Tenguschewski in der Mordwinischen Sowjetrepublik, in dem bis 1987 politische Häftlinge festgehalten wurden. Ab 1929 bestand dort das Temnikowski-Arbeitsbesserungslager, das 1948 in das Dubrawny-Arbeitsbesserungslager umgewandelt wurde. Dieses wurde „ŽCH-385“ abgekürzt und „DubrawLag“ bzw. in der Erinnerungsliteratur auch oft „Dubrowlag“ genannt. Zuweilen wurde das Lager als „Potschminski-Lager“ nach der Siedlung Potma (Pot‘ma) benannt, wo sich ein Durchgangslager für politische Häftlinge befunden hatte. Bis 1954 hatte es den Status eines Speziallagers des Gulag („Osoblag Nr. 3“).

Die Lagerverwaltung befand sich in der Siedlung Jawas. Zwischen 1961 und 1972 war das DubrawLag das einzige Lager in der UdSSR, in dem angebliche „besonders gefährliche Staatsverbrecher“ festgehalten wurden, also Personen, die wegen „antisowjetischer Agitation und Propaganda“ (Artikel 58, Paragraf 10 Strafgesetzbuch der RSFSR und Artikel 70 Strafgesetzbuch der RSFSR), „Hochverrat“ (Artikel 58, Paragraf 1 Strafgesetzbuch der RSFSR und Artikel 64 Strafgesetzbuch der RSFSR) oder „Beteiligung an einer antisowjetischen Organisation (Artikel 71 des Strafgesetzbuches der RSFSR) verurteilt worden waren.

In der zweiten Hälfte der 50er Jahre waren neben dem DubrawLag auch das Arbeitsbesserungslager Workuta in der Autonomen Sowjetrepublik Komi, das Oserlag im Gebiet Irkutsk und das Frauenlager in der westsibirischen Siedlung Suslowo im Gebiet Kemerowo politische Lager. 1961 wurden die Häftlinge des Oserlag nach Mordwinien gebracht, die anderen Lager waren schon früher geschlossen worden. Das DubrawLag setzte sich aus etwa 20 Unterlagern zusammen, die über einen Abschnitt von 60 Kilometern entlang einer Schmalspureisenbahn und in geringer Entfernung von zehn bis 20 Kilometern von ihr lagen. Die politischen Häftlinge, die von den kriminellen Gefangenen isoliert waren, wurden in Gruppen von maximal sieben bis acht Personen festgehalten. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft der RSFSR vom Juli 1965 befanden sich im DubrawLag ungefähr 10.000 Häftlinge, darunter 3.816 angeblich „besonders gefährliche“ Gefangene. Angaben zu späteren Gefangenenzahlen liegen nicht vor.

Unter den politischen Gefangen, die wegen sogenannter „antisowjetischer Agitation und Propaganda“ verurteilt worden waren, bildeten Dissidenten und Personen, die im Samisdat geschrieben oder diesen verbreitet hatten, sowie Mitglieder von Untergrundvereinigungen, Nationalbewegungen und verbotenen Religionsgemeinschaften die Mehrheit. Unter den sogenannten „Vaterlandsverrätern“ bildeten die nach dem Krieg verurteilten Kämpfer des bewaffneten Untergrunds in der Ukraine, in Litauen, Lettland und Estland mit Haftstrafen von 15 oder 25 Jahren die größte Gruppe; aber auch Personen, die für die Kollaboration mit den Deutschen während des Zweiten Weltkrieges bei der Polizei, in Militäreinheiten und in der Verwaltung verurteilt worden waren, wurden hierher geschickt. In diese Kategorie fielen auch Personen, die bei Fluchtversuchen aus der Sowjetunion gefasst worden waren. 1972 wurde die Mehrheit der politischen Häftlinge in die neu eröffneten Permer Lager gebracht. Bis 1987 bestand noch das einzige politische Lager für Frauen in der Siedlung Baraschewo. Das Dubrawny-Arbeitsbesserungslager besteht bis heute und ist der russischen Strafvollzugsverwaltung unterstellt.

Informationen über das DubrawLag gelangten 1966 an die Öffentlichkeit, als nach einem aufsehenerregenden Prozess Andrei Sinjawski und Juli Daniel dorthin kamen. 1967 erschien im Samisdat das Buch „Meine Geständnisse“ (Moe zeznania) von Anatoli Martschenko und die „Reportage aus dem Berija-Reservat“ von Valentin Moros. Beide waren Häftlinge des DubrawLag und des Wladimir-Gefängnisses. Seitdem war das Schicksal politischer Häftlinge ständiges Thema der unabhängigen Publizistik.

Moskauer Appell

Einer der bekanntesten Texte des sowjetischen Samisdat, der am 13. Februar 1974 nach der Nachricht von der Verhaftung Alexander Solschenizyns veröffentlicht wurde. Der „Moskauer Appell“ (Moskovskoe obraščenie) enthielt die Forderung, Alexander Solschenizyns Buch „Archipel Gulag“ in der UdSSR zu veröffentlichen, Akten über die Tätigkeit der Strafverfolgungsorgane unter Stalin öffentlich zu machen und ein internationales Tribunal zur Aufdeckung der durch den Staat verübten Verbrechen abzuhalten. Der Appell endete mit dem Aufruf, Alexander Solschenizyn vor Verfolgung zu schützen und ihm die Arbeit in seinem Heimatland zu ermöglichen. Anfänglich unterschrieben zehn sowjetische Dissidenten den Brief (darunter Andrei Sacharow, Larisa Bogoras-Bruchman, Pawel Litwinow und Wladimir Maximow), später schlossen sich noch einige Dutzend weitere Personen an. Unterschriften wurden auch in anderen Ländern gesammelt, 50.000 allein in der Bundesrepublik. Der Appell führte zur Gründung des unabhängigen historischen Almanachs „Pamjat‘“.

Moskauer Helsinki-Gruppe

Vollständige Bezeichnung: „Öffentliche Gruppe zur Förderung der Erfüllung der Verträge von Helsinki in der UdSSR“ (Obščestvennaja gruppa sodejstvija vypolneniju Chel’sinskich soglašenij w SSSR). Sie war die größte Menschenrechtsvereinigung in den 70er Jahren und wurde am 12. Mai 1976 in Moskau gegründet. Die Gründung wurde von Juri Orlow initiiert, der auch der erste Leiter war. Das Ziel der Moskauer Helsinki-Gruppe (Moskovskaja chel‘sinkskaja gruppa) war es, Informationen über Menschenrechtsverletzungen und andere humanitäre Probleme zu sammeln, zu überprüfen und zu veröffentlichen, wie sie in Korb III der Schlussakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) festgeschrieben wurden, die am 1. August 1975 in Helsinki von den Staatsführern der europäischen Länder unterzeichnet worden war. Dokumente zu besonderen Themen wurden an die Moskauer Botschaften der Unterzeichnerstaaten der Schlussakte von Helsinki verschickt und an westliche Journalisten auf Pressekonferenzen übergeben. Im Verlauf von sechs Jahren erarbeitete die Gruppe 195 Dokumente sowie einige Berichte und gab zusammen mit anderen Organisationen eine Reihe von Erklärungen heraus. Die Dokumente der Moskauer Helsinki-Gruppe zeichneten sich durch ihren hohen Grad an Glaubwürdigkeit sowie durch den Verzicht auf emotionale Rhetorik und politische Erklärungen aus.

Die Moskauer Helsinki-Gruppe vereinte in sich die Initiativgruppe zur Verteidigung der Menschenrechte in der UdSSR und das Komitee für Menschenrechte in der UdSSR und wurde die erste professionelle Menschenrechtsorganisation der Sowjetunion. Zwischen 1976 und 1977 entstanden im Rahmen der Moskauer Helsinki-Gruppe zwei spezialisierte Organisationen, die Arbeitskommission zur Erforschung des Einsatzes der Psychiatrie zu politischen Zwecken (Rabočaja komissija po rassledovaniju ispol‘zowanija psichiatrii w političeskich celach) und das Christliche Komitee zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen in der UdSSR (Christjanskij komitet zaščity prav verujuščich v SSSR). Nach Vorbild der Moskauer Helsinki-Gruppe wurden in anderen Sowjetrepubliken ähnliche Gruppen gegründet: die Litauische Helsinki-Gruppe, die Ukrainische Helsinki-Gruppe, die *Georgische Helsinki-Gruppe und die Armenische Helsinki-Gruppe.

Im Ausland wurden Monitoring-Gruppen und Komitees gegründet, die die sowjetischen Helsinki-Gruppen unterstützten und später ihr Tätigkeitsfeld ausdehnten und nicht nur Informationen über Menschenrechte in der UdSSR, sondern auch in anderen Ländern sammelten. Mit der Zeit schlossen sie sich in der „Internationalen Helsinki-Föderation“ zusammen, die bis zu ihrer Auflösung 2007 eine der einflussreichsten und angesehensten Menschenrechtsbündnisse weltweit war.

Sofort nach Gründung der Moskauer Helsinki-Gruppe war diese den verschiedensten Repressionen ausgesetzt. Anfang 1977 begann der sowjetische Geheimdienst mit der Umsetzung eines von KGB-Chef Juri Andropow ausgearbeiteten Planes zur Ausschaltung der Helsinki-Bewegung. Ein gutes Dutzend Mitglieder der Moskauer Helsinki-Gruppe wurde verhaftet und verurteilt, einige in die Emigration gezwungen. Im Herbst 1982, als ein Strafprozess gegen die 75-jährige Sofia Kallistratowa – eine der drei in Freiheit verbliebenen Mitglieder – eröffnet wurde, erklärte die Moskauer Helsinki-Gruppe die Einstellung ihrer Tätigkeit.

1989 nahm die Gruppe ihre Arbeit in neuer Zusammensetzung wieder auf. Anfänglich bildete sie einen Klub ehemaliger Dissidenten, der Erklärungen zu aktuellen Themen herausgab. Larisa Bogoras-Bruchman trat der Gruppe bei und organisierte ein ständiges Seminar für Aktivisten aus regionalen Menschenrechtsorganisationen. 1996 verlieh die neue Leiterin Ljudmila Alexejewa der Moskauer Helsinki-Gruppe eine effektivere Organisationsstruktur, die die Menschenrechte im heutigen Russland verteidigt.

„Myšlienka a čin“

Samisdatzeitschrift aus dem Umfeld von Alexander Dubček, die 1988–89 in Bratislava herausgegeben wurde. Insgesamt erschienen 52 Ausgaben von „Myšlienka a čin“ (Denken und Handeln). Die Zeitschrift hatte kein Impressum, auch die Artikel wurden anonym ohne Autorennamen gedruckt. Zur Redaktion gehörten Ivan Laluha, Hvězdoň Kočtúch und Ivan Tirpák. Ihr Untertitel gab sie als Zeitschrift der Organisationen „Sozialistische Erneuerung der Slowakei“ und „Sozialistisch-Revolutionär Erneuerung“ aus, laut Ivan Laluha existierte jedoch keine dieser beiden Organisationen. Die Zeitschrift hatte eine begrenzte Reichweite und erschien nur in einer Auflage von 20–30 Exemplaren.

Ihr Ziel war es, die nach 1969 aus der kommunistischen Partei ausgeschlossenen Reformer und ihre Sympathisanten wieder zu mobilisieren. Sie schrieb sich auf ihre Fahne, die Ideen des Prager Frühlings wieder salonfähig zu machen. Dafür betonte sie ihre politische Verbundenheit mit der Perestroika-Politik Michail Gorbatschows. In „Myšlienka a čin“ wurden auch Abhandlungen zur neuesten slowakischen Geschichte und zur Geschichte der linken Bewegungen abgedruckt. Daneben erschienen Artikel, die aktuelle Fragen des politischen Lebens behandelten, wie beispielsweise das Verhältnis zu den Exilslowaken, die Diskussion um eine neue Verfassung sowie die negative Haltung der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei gegenüber den politischen Veränderungen in der Sowjetunion, Polen und Ungarn. Auch wurden mehrere Essays über die slowakische Intelligenz veröffentlicht.

In der 21. Ausgabe aus dem Jahr 1989 veröffentlichte die Redaktion ein neues Verfassungsprojekt. Die Verfasser forderten die Gleichberechtigung des slowakischen Landesteils und seiner Symbole mit denen Tschechiens und die Annahme der Verfassungen beider Teilrepubliken, auf deren Grundlage dann die Rechte und Pflichten des Bundesstaates beschlossen werden sollten. Gleichzeitig wiesen sie alle Vorstellungen eines zentralistischen und unitären Einheitsstaates zurück. Beide Republiken sollten eine begrenzte Autonomie erhalten, auch in einigen außenpolitischen Fragen. Die Redaktion von „Myšlienka a čin“ unterstrich, dass die neue Verfassung das Recht der Nationen und Nationalitäten achten müsse, sie in einem Referendum bestätigt und von „herausragenden Repräsentanten der beiden Völker, die durch freie und demokratische Wahlen legitimiert worden waren“, beschlossen werden solle.

März 1968

Durch den Prager Frühling inspirierter Massenprotest Jugendlicher und Studenten gegen die staatliche Kulturpolitik und die Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten. Unmittelbarer Anlass der Proteste war die Absetzung des Theaterstücks „Totenfeier“ (Dziady) von Adam Mickiewicz, das Kazimierz Dejmek am Warschauer Nationaltheater inszeniert hatte. Das Stück ist ein politisches Drama aus der Zeit der Teilungen Polens und des polnischen Unabhängigkeitskampfes, in dem das Publikum Anspielungen auf die aktuelle politische Situation in Volkspolen erkannte. Während der letzten Vorstellung am 30. Januar 1968 applaudierten die Zuschauer insbesondere an russlandkritischen Stellen des Stückes; als sich der Vorhang bereits gesenkt hatte, skandierten sie: „Unabhängigkeit ohne Zensur“. Nach dem Ende der Vorstellung organisierte eine Gruppe oppositioneller Studenten, die sich „Kommandotrupp“ nannte (mit dabei waren Adam Michnik und Henryk Szlajfer, deren geistige Väter Jacek Kuroń und Karol Modzelewski waren) eine Demonstration vor dem Mickiewicz-Denkmal. Einen Tag darauf begann eine Unterschriftensammlung für eine Petition an den Sejm, mit der die Rückkehr des Stückes auf den Theaterspielplan erreicht werden sollte. Allein in Warschau unterschrieben 3.145 Personen diese Petition. Am 29. Februar unterstützte die Warschauer Ortsgruppe des Bundes Polnischer Literaten den Studentenprotest und kritisierte die Zensur, da sie die nationale Kultur bedrohe und unweigerlich zu ihrer „fortschreitenden Verödung“ führe.

Im März wurden Adam Michnik und Henryk Szlajfer zwangsexmatrikuliert. Als Antwort darauf organisierte das Umfeld des Kommandotrupps am 8. März 1968 im Innenhof der Warschauer Universität eine Protestkundgebung, die von einem massiven Aufgebot der Miliz und „Arbeiteraktiven“ brutal auseinandergetrieben wurde. Diese „Arbeiteraktive“ bestanden größtenteils aus Mitarbeitern des Staatssicherheitsdienstes, die mit Bussen aus Produktionsbetrieben zum Ort der Demonstration gebracht worden waren. Viele Mitstreiter des Kommandotrupps kamen in Haft. An den Folgetagen kam es im ganzen Land zu Solidaritätskundgebungen und Studentenstreiks; vielerorts schlossen sich auch Arbeiter den Protesten an. Höhepunkt des Streiks an der Universität Warschau war die Verabschiedung der von Jakub Karpiński, Marcin Król und anderen verfassten „Deklaration der Studentenbewegung“ (Deklaracja ruchu studenckiego). In diesem programmatischen Dokument wurden substantielle demokratische Veränderungen im Land gefordert.

Das zweite Element der Märzereignisse in Polen war der vom Regime geführte Kampf um die Vorherrschaft der Partei, die von einer Propagandakampagne mit deutlich antisemitischen Zügen geprägt war. Brutal angegriffen wurden insbesondere „revisionistische“ Professoren, die als vermeintliche Anstifter der Unruhen an den Universitäten gebrandmarkt wurden (darunter Leszek Kołakowski und Zygmunt Bauman). In Betrieben fanden Belegschaftsversammlungen statt, auf denen unter dem Deckmantel der Bekämpfung des „Zionismus“ (also der Politik Israels) bestimmte, nach antisemitischen Kriterien ausgewählte Mitarbeiter an den Pranger gestellt wurden. Im Gefolge der März-Ereignisse verließen etwa 13.000 polnische Staatsbürger jüdischer Herkunft das Land.

Ein gutes Dutzend der aktivsten Kommandotrupp-Mitglieder wurde zu Gefängnisstrafen von bis zu zweieinhalb Jahren verurteilt. An einigen Hochschulen wurden ganze Fakultäten einfach aufgelöst; die Einschreibung der Studierenden begann von Neuem. Hunderte junge Menschen wurden zur Strafe zum Militärdienst einberufen, viele mussten Geldstrafen zahlen. In den 70er Jahren engagierten sich viele Teilnehmer dieser Studentenbewegung in der sich formierenden demokratischen Opposition und später in der Solidarność.

Bartosz Kaliski