Ungarn

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Ungarische Revolution 1956: Demonstration am Budapester Kossuth-Platz

Geschichte der ungarischen Opposition

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Der ungarische Volksaufstand, die Ungarische Revolution von 1956, wurde mit besonderer Härte niedergeschlagen. Über 500 Menschen wurden hingerichtet, Zehntausende kamen in Internierungslager oder ins Gefängnis, 200.000 Menschen verließen das Land. Grund dafür, dass die ungarische Gesellschaft sich mit der Rückkehr zur Diktatur abfand, war jedoch nicht allein die Angst. Auch die Partei zog aus der Revolution die Schlussfolgerung, dass die Geduld der Gesellschaft ihre Grenzen hat. Das sich konsolidierende kommunistische System stellte die Massenverfolgungen ein und sorgte über längere Zeit für einen steigenden Lebensstandard – selbst um den Preis einer immensen Auslandsverschuldung. Der „Gulaschkommunismus“ – halblegale private Initiativen in den Nischen der verstaatlichten Wirtschaft – ermöglichten es einer großen Anzahl von Bürgern, im Rahmen des bestehenden Systems eigene Interessen zu verwirklichen. Dafür mussten sie jedoch diverse Kompromisse in Kauf nehmen.

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Niederschlagung der Ungarischen Revolution 1956: In ganz Budapest fahren sowjetische Panzer auf, wie hier an der Margaretenbrücke.

Die Zensur wurde mit der Zeit immer liberaler. Solange bestimmte Tabuthemen in der Literatur vermieden wurden, war sogar eine durchaus kritische Beschreibung gesellschaftlicher Phänomene möglich. 1963 wurden im Rahmen einer Amnestie die verurteilten Revolutionäre von 1956 aus den Gefängnissen entlassen. Unter schärfster Beobachtung der Sicherheitsbehörden befanden sich jedoch die kommunistischen „Revisionisten“, die nicht einmal im Traum an eine wie auch immer geartete politische Betätigung denken konnten.

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Ungarische Revolution 1956: Demonstranten demolieren die gestürzte Stalin-Statue auf der Rákóczi-Straße in Budapest.

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Niederschlagung der Ungarischen Revolution 1956: Panzerabwehrkanonen in der Budapester Práter-Straße

Das relativ hohe Lebensniveau und die Überzeugung, jegliche oppositionelle Aktivitäten könnten die politische Lage in der Diktatur nur verschlimmern, waren die Ursache dafür, dass die ersten zaghaften Versuche einer Wiederbelebung oppositioneller Tätigkeit erst Mitte der 70er Jahre aufkamen – im Umkreis der Budapester Intelligenz und der Schule des Philosophen Georg Lukács. Es entstanden damals Werke mit einer fundierten Kritik des Marxismus. György Márkus und die zwei wichtigsten Persönlichkeiten des Lukács-Kreises, György Bence und János Kis, legten in ihrem umfangreichen Werk „Wie ist eine kritische Wirtschaftslehre möglich?“ (Hogyan lehetséges kritikai gazdaságtan?) eine kritische Analyse der strukturellen Fehler im Marx’schen „Kapital“ vor. Ähnlich äußerte sich Miklós Haraszti, der nach seiner Zwangsexmatrikulation (wegen maoistischer Ansichten) in einer Budapester Fabrik arbeitete und seine dortigen Erfahrungen in dem Buch „Akkordarbeit“ (Darabbér) beschrieb. Er stellte fest, dass der Sozialismus kein einziges seiner Versprechen gehalten habe, so auch nicht die Verheißung, dass an die Stelle der Entfremdung durch Arbeit eine Beschäftigung treten werde, die zu Emanzipierung, Entwicklung und Selbstverwirklichung führen würde. In Wirklichkeit befinde sich der Arbeiter im „Arbeiterstaat“ heute in einer größeren Abhängigkeit als im Kapitalismus.

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Ungarische Revolution 1956: Die Budapester beerdigen ihre gefallenen Kämpfer in den Grünstreifen am Straßenrand. Budapest, Magyar-Straße

Auch viele andere Mitglieder der Lukács-Schule wurden an den Pranger gestellt und in ihrer wissenschaftlichen Arbeit behindert (unter anderen Márkus). Haraszti wurde wegen Aufwiegelung vor Gericht gestellt und zu einer Bewährungsstrafe von acht Monaten verurteilt. Das Manuskript des Buches „Der Weg der Intelligenz an die Macht“ (Az értelmiség utja a hatalomhoz) von György Konrád und dem Soziologen Iván Szelényi wurde „nur“ beschlagnahmt, zu einem Prozess gegen die beiden kam es nicht.

Aus den Erfahrungen der erwähnten Autoren mit dem staatlichen Verlagswesen ließ sich eine eindeutige Lehre ziehen: Ein freier intellektueller Austausch war nur im Rahmen eines nicht der staatlichen Kontrolle unterliegenden freien Verlagsmarktes möglich.

Bester Beweis dafür, dass auch in Ungarn ein Samisdat-Markt gebraucht wurde, war eine Initiative des Film- und Literaturkritikers János Kenedi. Ihm ist es zu verdanken, dass im März 1977 ein tausend Seiten umfassendes Manuskript mit dem Titel „Profil“ herauskam, in dem sich literarische und (geistes-)wissenschaftliche Beiträge fanden, die in den Jahren zuvor von verschiedenen Verlagsredaktionen unter dem Vorwand abgelehnt worden waren, sie passten nicht zum Verlagsprofil. Die erste politische Samisdat-Publikation in Ungarn war 1977 die Anthologie „Marx im vierten Jahrzehnt“ (Marx a negyedik évtizedben), in der frühere Anhänger des Marxismus sich endgültig von diesem lossagten.

In der zweiten Hälfte der 70er Jahre kam es auch zum Erstarken der politischen Aktivität ungarischer Dissidenten. Nachdem am 6. Januar 1977 in Prag drei Bürgerrechtler der Charta 77 verhaftet worden waren (unter ihnen Václav Havel), unterzeichneten drei Tage später insgesamt 34 Vertreter der ungarischen Intelligenz ein Memorandum, mit dem sie gegen diese Verhaftungen protestierten. Der Wortlaut dieses Dokuments und die Unterzeichnerliste wurden von Radio Freies Europa verlesen. Damit war die Grenze zur Opposition überschritten, denn nach staatsoffizieller Lesart sendete Radio Freies Europa feindliche Propaganda.

Obgleich die meisten Initiatoren und Unterstützer dieser ersten öffentlichen Kritik aus dem Kreis um Lukács stammten, war sie nicht mehr ausschließlich ein Ausdruck der früheren „Subkultur“ aus der ersten Hälfte der 70er Jahre. Ab Herbst 1978 traten an die Stelle der in Privatwohnungen abgehaltenen Seminare offene Vorlesungen, die totgeschwiegene Themen aufgriffen, wie zum Beispiel die Geschichte der kommunistischen Partei in der Sowjetunion oder die Situation der ungarischen Intelligenz im rumänischen Siebenbürgen. Eine von Miklós Szabó initiierte Vorlesungsreihe wurde nach ihrem Veranstaltungstag Freie Montagsuniversität genannt.

Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre entstand neben dem Lukács-Kreis ein zweites bedeutendes Zentrum der Opposition im Umkreis des Soziologen István Kemény. Wegen seiner Teilnahme an der Ungarischen Revolution von 1956 verurteilt, durfte er sich auch nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis lange Zeit nicht wissenschaftlich betätigen. Erst zehn Jahre später begann er mit Forschungsarbeiten zu den ärmsten Schichten der Gesellschaft: den Roma und den Arbeitern in großen Industriebetrieben. Seine Forschungsergebnisse durfte er jedoch immer seltener publizieren, bis er dann 1977 zum Verlassen des Landes gezwungen wurde. Seine Schüler versuchten den Familien der in die soziologischen Untersuchungen einbezogenen Menschen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, sie sammelten für sie Geld und Kleidung und leisteten juristische Unterstützung. Zugleich, und damit führten sie die Arbeit Keménys fort, war es ihr Ziel, die Öffentlichkeit darüber aufzuklären, dass der Sozialismus beileibe nicht die Armut abgeschafft und auch nicht die Lebensumstände der armen gesellschaftlichen Randgruppen verbessert habe, insbesondere nicht die der Minderheit der Roma. Die Initiatoren dieser Aktion – Ottilia Solt, András Nagy, Gábor Iványi, Bálint Nagy, Gabriella Lengyel – riefen 1979 den Armenhilfefonds (Szegényeket Támogató Alap, SZETA) ins Leben, die erste eindeutig oppositionell geprägte Organisation.

Als im Oktober 1979 die führenden Vertreter der Charta 77 zu hohen Haftstrafen verurteilt wurden, fanden in Ungarn als Zeichen des Protests zwei voneinander unabhängige Unterschriftenaktionen statt. Eine von ihnen entsprang dem linksgerichteten Milieu, die andere wurde von Schülern Keménys organisiert. György BenceJános Kenedi und János Kis erklärten in einem von der Pariser „Le Monde“ publizierten offenen Brief ihre Solidarität mit den Sprechern der Charta 77. Beide Protestbriefe wurden von insgesamt 254 Personen unterzeichnet, 57 von diesen unterschrieben sogar beide Briefe. Der Protest gegen die Prager Urteile gilt in Ungarn als die Geburtsstunde der demokratischen Opposition.

Diese breitangelegte Protestaktion zog eine besonders massive Reaktion der Machthaber nach sich. Etliche Teilnehmer der Proteste verloren ihre Arbeit, andere wurden durch Drohungen eingeschüchtert. Im Endeffekt gelang es dadurch, die oppositionellen Kreise für längere Zeit zu isolieren. Durch die zahlreichen Kündigungen wurden jedoch immer mehr Intellektuelle von ihren Arbeitsstellen hin zum Rand der Gesellschaft gedrängt, wo sie – da sie nichts mehr zu verlieren hatten – Untergrundschriften herausgaben, diese verteilten und so zu aktiven Akteuren der demokratischen Opposition wurden.

Ein entscheidender Moment für die Konsolidierung der ungarischen Opposition war im Jahre 1980 die Herausgabe der Bibó-Festschrift (Bibó Emlékkönyv). Geplant war sie ursprünglich als Geschenk zum 70. Geburtstag des großen ungarischen Vordenkers István Bibó. Dieser starb jedoch 1979, und so wurde aus dem als Geschenk gedachten Buch ein Gedenkband. Zu den Autoren gehörten neben Vertretern der demokratischen Opposition führende ungarische Intellektuelle, Literaten und Wissenschaftler.

Die sich rund um diesen Gedenkband formierende „Volksfront“ rief die verunsicherten Herrschenden auf den Plan. Im Dezember 1980 wurde vom Zentralkomitee der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei mit Unterstützung des stellvertretenden Innenministers eine Operativgruppe ins Leben gerufen, deren Hauptaufgabe es sein sollte, die Bekämpfung der Opposition zu koordinieren. Die Taktik war erprobt: Es kam weiterhin zu Verhaftungen, an die Stelle von Prozessen traten diverse Druckmittel, die Intellektuellen sollten unter Androhung des Verlusts ihrer Existenzgrundlage von der aktiven Oppositionsarbeit ferngehalten werden.

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Niederschlagung der Ungarischen Revolution 1956: Barrikaden in Budapest mit der Aufschrift „Geht nach Hause!“ auf Ungarisch und Russisch

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Sowjetische Panzer schlagen die Ungarische Revolution 1956 gewaltsam nieder. Straßenszene am József-Boulevard, Ecke Csepreghy-Straße in Budapest

Ferenc Kőszeg
Aus dem Polnischen von Gero Lietz
Letzte Aktualisierung: 08/15