Architekt, Politiker, einer der wichtigsten Vertreter der demokratischen Opposition, Gründer des Samisdat-Buchladens „Butik“, Mitgründer des Netzes Freier Initiativen und des Bundes Freier Demokraten.

László Rajk wurde 1949 in Budapest geboren. Sein Vater gleichen Namens hatte in den 30er Jahren im spanischen Bürgerkrieg gekämpft; während des Zweiten Weltkriegs engagierte er sich in der illegalen kommunistischen Bewegung in Ungarn und bekleidete dann nach Kriegsende hohe Funktionen in der Partei (Mitglied des Politbüros) und in der kommunistischen Regierung (1946–48 Innenminister, 1948/49 Außenminister). Im Mai 1949 wurde László Rajk sen. unter dem Vorwurf der „Anführung einer Gruppe titoistischer Spione“ verhaftet und in einem Schauprozess zum Tode verurteilt. Seine Hinrichtung fand am 15. Oktober 1949 statt. Noch vor dem Ausbruch der Ungarischen Revolution 1956 wurde er rehabilitiert.

Sohn László Rajk wurde zwei Wochen nach der Verhaftung seines Vaters in ein Kinderheim eingewiesen, wo er bis 1953 unter dem Namen István Kovács lebte. Während dieser Zeit wurde auch seine Mutter verhaftet, die nächsten Verwandten verloren ihre Arbeit. Im Frühjahr 1953, nach dem Tod Stalins, nahm die Schwester seiner Mutter ihn zu sich. Er trug ihren Namen und lebte in dem Glauben, die Tante und der Onkel seien seine Eltern.

Nach der Niederschlagung der Ungarischen Revolution wurde er gemeinsam mit seiner Mutter (die 1954 aus der Haft entlassen wurde) und einer Gruppe von Mitarbeitern Imre Nagys nach Rumänien deportiert. Von dort kehrte er erst 1958 nach Ungarn zurück. Er kam wieder in seine alte Schulklasse; sein einjähriges Fehlen in der Schule wurde auf dem Zeugnis mit dem Vermerk „Krankheit“ begründet. 1967 legte er das Abitur ab und bekam einen Studienplatz an der Fakultät für Architektur der Technischen Universität Budapest.

1969 kam es zu einem ersten Konflikt mit der Staatsmacht. Während einer Tanzveranstaltung im Budapester Park der Jugend gab es eine tätliche Auseinandersetzung zwischen den Ordnungskräften einerseits und Rajk und einigen ihn begleitenden polnischen und französischen Studenten andererseits. Sie wurden verhaftet und erst am nächsten Tag mittags wieder freigelassen. Nach Verhören, die die ganze Nacht dauerten, wurde ihnen die „Beteiligung an einer gegen die Staatsmacht gerichteten bewaffneten Gruppierung“ vorgeworfen. Aus Mangel an Beweisen wurde das Verfahren jedoch eingestellt.

Zur Dissidentenbewegung stieß Rajk über das Künstlermilieu. Da er sich bereits als Architekturstudent für Theater interessierte, knüpfte er Kontakte zu Studenten der Fachrichtung Regie. Er entwarf Bühnenbilder für Stücke, deren Autoren nach alternativen Ausdrucksformen suchten. So schloss er unter anderem Bekanntschaft mit dem Grafiker György Galántai, der für seine Happenings in Balatonboglár und seine Vernissagen in kleinen ungarischen Dorfkirchen bekannt war. Im Gefolge seiner Zusammenarbeit mit Galántai musste Rajk eine Hausdurchsuchung an seinem Arbeitsplatz über sich ergehen lassen.

Rajk war auch Mitglied des István-Kovács-Studios, einer alternativen Theatergruppe, deren Vorstellungen schon kurze Zeit später von den Behörden verboten wurden. Er knüpfte Kontakte zu Miklós Haraszti und János Kenedi. Als er 1973 sein Studium abschloss, war er bereits ein recht engagierter Oppositioneller. Er unterzeichnete alle möglichen Protestbriefe, so unter anderem eine Petition zur Legalisierung der Abtreibung, die auch von dem mit ihm gemeinsam im Projektbüro Iparterv arbeitenden Bálint Nagy unterschrieben wurde. In jener Zeit kam Rajk auch in Kontakt mit György Konrád, der gerade zusammen mit Iván Szelényi das Buch „Die Intelligenz auf dem Weg zur Macht“ (Az értelmiség utja a hatalomhoz) verfasste.

1976 übermittelte er dem Almanach „Profil“ einen Text über Architektur ohne die erforderlichen Genehmigungen. Dieser Text war zuvor von der Monatszeitschrift „Valóság“ mit der fadenscheinigen Begründung abgelehnt worden, er passe nicht zum Profil der Zeitschrift. 1977 und 1979 unterzeichnete er Solidaritätsbekundungen mit den inhaftierten Sprechern der tschechoslowakischen Charta 77. Auf Bitten von György Bence reiste Rajk 1979 nach Polen, um sich dort in der Produktion und Vervielfältigung von Untergrundliteratur weiterzubilden. Während seines Aufenthalts in Polen traf er auch Adam Michnik, der ihn mit polnischen Bürgerrechtlern bekannt machte.

Im Februar 1979 eröffnete er noch vor dem Startschuss für „Beszélő“ (Sprecher) einen Buchladen speziell für Untergrundliteratur, die sogenannte Samisdat-„Butik“. Im September 1981 ließen die Behörden ein ganzes Netzwerk auffliegen – ein von Magda Matolay und Zsuzsa Horváth betriebenes „Schreibzentrum für Texte“, von wo aus die „Butik“ beliefert wurde. Während der Durchsuchung wurden viele illegale Materialien beschlagnahmt, die Organisatoren hingegen erhielten eine Polizeiliche Verwarnung. Auch die Wohnung Rajks wurde durchsucht, woraufhin gegen ihn Ermittlungen wegen Verletzung des Presserechts eingeleitet wurden. Er wurde für 24 Stunden in Haft genommen; die in seiner Wohnung gefundenen Druckerzeugnisse wurden beschlagnahmt. Die nächste Wohnungsdurchsuchung erfolgte am 21. Dezember 1981. Am 23. Januar 1983 wurde er aus der Wohnung geworfen, in der er die „Butik“ betrieben hatte. Der Buchladen wurde zwar an einen anderen Ort verlegt, aber die ständigen Polizeieinsätze führten schließlich dazu, dass Rajk dieses Projekt beendete.

1983 entwarf Rajk auf Bitten ungarischer Emigranten in Frankreich einen symbolischen Grabstein für Imre Nagy und seine Kampfgefährten. Das Ehrenmal ist auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise zu sehen.

In den 80er Jahren war die Situation an Rajks Arbeitsplatz bereits so schwierig geworden, dass er (gemeinsam mit Bálint Nagy) letztlich selbst die Kündigung einreichte.

1985 wollte er eigentlich bei der Parlamentswahl antreten, aber durch eine Fälschung bekam er keinen Platz auf der erstmals von der Staatsmacht genehmigten unabhängigen Kandidatenliste. 1988 war Rajk einer der Mitgründer des Netzes Freier Initiativen sowie des Bundes Freier Demokraten (Szabad Demokraták Szövetsége; SZDSZ), dessen Sprecher er bis 2001 blieb. Nach dem Ende der Diktatur wurde er 1990 als Abgeordneter ins freigewählte Parlament gewählt. 1996 reichte er im Zusammenhang mit einer Korruptionsaffäre, in die der Bund Freier Demokraten verwickelt war, seinen Rücktritt ein. Ab 1998 war er Vorsitzender des Präsidiums der Partei in Budapest.

László Rajk ist ein anerkannter Architekt. 1989 entwarf er gemeinsam mit Gábor Bachman die baulichen Installationen anlässlich der Beisetzungsfeierlichkeiten für Imre Nagy auf dem Budapester Heldenplatz. Weitere architektonische Werke von ihm sind die Rekonstruktion des Wiener Collegium Hungaricum, der Corvin-Filmpalast in Budapest, die Lehel-Halle in Budapest, das Archäologische Zentrum Aquincum, die ungarische Ausstellung in Auschwitz. Bis heute ist er sowohl als Architekt als auch wissenschaftlich tätig, so unter anderem als Professor an der Budapester Hochschule für Theater, Film und Fernsehen (SZFE).

Fanny Havas
Aus dem Polnischen von Gero Lietz
Letzte Aktualisierung: 06/15