Ungarn

György Konrád

György Konrád, geboren 1933

Schriftsteller, einer der bekanntesten Autoren des literarischen Untergrunds, Sprecher der Demokratischen Charta, Mitglied des Landesrates des Bundes Freier Demokraten.

György Konrád wurde 1933 in Debrecen geboren. Er entstammt einer religiösen jüdischen Familie eines wohlhabenden Kaufmanns. Er war zunächst Schüler des Reformierten Gymnasiums in Debrecen und anschließend des Imre-Madách-Gymnasiums in Budapest. In den Jahren 1951–56 studierte er ungarische Philologie an der Loránd-Eötvös-Universität Budapest.

Während der Ungarischen Revolution 1956 war er Mitglied der Nationalgarde. Nach der Niederschlagung des Aufstandes verzichtete er aus Angst vor Repressalien auf den bewaffneten Kampf, entschloss sich jedoch nicht zur Emigration. 1956/57 war er Mitarbeiter der Zeitschrift „Életképek“ (Weltbilder) und hatte anschließend zwei Jahre lang keine feste Arbeit.

HU_BIO_KONRAD_fortepan_40164_Budapest.jpg

Ungarische Revolution 1956: Budapest, Josephboulevard

In den Jahren 1959–65 war er im VII. Budapester Bezirk als Jugendschutzinspektor tätig. Konráds erster, 1969 erschienener Roman „Der Besucher“ (Látogató) basiert auf den Erfahrungen dieser Jahre. Konrád arbeitete auch für den Verlag Helikon, er redigierte Texte russischer Klassiker und gab eine Anthologie neuer französischer Prosa heraus.

Von 1965 bis 1973 arbeitete er gemeinsam mit Iván Szelényi als Soziologe am Institut für Planung und Städtebau. Konrád und Szelényi verfassten gemeinsam zwei Texte. In dem Beitrag „Soziologische Probleme neuer Wohngebiete“ (Az új lakótelepek szociológiai problémái) legten sie dar, dass das bürokratische System der Wohnungszuteilung entgegen der offiziellen Propaganda nicht nur zur Aufrechterhaltung der sozialen Ungleichheiten im Sozialismus beiträgt, sondern sogar deren Verstetigung fördere. Der zweite Essay trägt den Titel „Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht“ (Az értelmiség útja az osztályhatalomhoz). Darin erklären sie den Lesern, die in den osteuropäischen Gesellschaften herrschende Klasse sei nicht die Arbeiterklasse, ja nicht einmal die Parteinomenklatur, sondern die Intelligenz, die sich im Interesse der Aufrechterhaltung ihrer Privilegien auf eine Zusammenarbeit mit den „Eliten“, das heißt den Parteikadern, eingelassen habe.

Während Konrád und Szelényi ihre Essays verfassten, hatten sie ihre Arbeit bereits verloren und waren als Intellektuelle ausgegrenzt. Anlässlich einer ideologischen Säuberung mussten sie dann das Institut endgültig verlassen. Da sie wussten, dass sie von der Polizei überwacht wurden, vergruben sie sicherheitshalber Abend für Abend drei Exemplare ihrer Manuskripte in einem Garten in Csabánka, wo sie gemeinsam arbeiteten. Zugleich baten sie den Fotografen und Dichter Tamás Szentjóby, von den Manuskripten, an denen sie gerade arbeiteten, Mikrofilme anzufertigen. Nach einigen Tagen durchsuchte die Polizei unter dem Vorwand, pornografisches Material zu suchen, die Wohnung von Szentjóby. Sie beschlagnahmte die Manuskripte und verhaftete den Fotografen. Konrád und Szelényi wurden für sieben Tage in Untersuchungshaft genommen. Die Ermittler konnten jedoch nicht beweisen, dass das gefundene Manuskript außer den Autoren noch jemand gelesen hatte. Damit konnte keine Anklage wegen „Aufwiegelung“ erhoben werden und die Angelegenheit endete mit einer Verwarnung durch den Staatsanwalt. Den drei Festgenommenen wurde jedoch nahegelegt, Ungarn zu verlassen, anderenfalls hätten sie mit ernsten Konsequenzen, also mit einer Haftstrafe, zu rechnen. Während Szelényi und Szentjóby sich für die Emigration entschieden, beschloss Konrád nach längeren Überlegungen, in Ungarn zu bleiben.

Ein Exemplar des Textes „Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht“ fand dann doch noch den Weg in den Westen, wo er in viele Sprachen übersetzt wurde. Auf Ungarisch erschien er erstmals 1978 im Verlag der Freien Protestantischen Universität Bern. Kopien dieser Ausgabe fanden 1985 durch den Untergrundverlag Áramlat Verbreitung. Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre wurden auf Oppositionellentreffen in János Kenedis Wohnung die Ansichten Konráds kritisiert, wonach die ungarische Intelligenz eine reelle Macht besitze. Dass immer mehr Staats- und Parteifunktionäre über einen Hochschulabschluss verfügten und dass von Intellektuellen, Künstlern und Vertretern freier Berufe die Mitgliedschaft in der Partei verlangt werde, zeuge noch nicht von einer Verquickung der Intelligenz mit der Parteibürokratie und schon gar nicht von der Herausbildung einer gesonderten sozialen Schicht.

Konrád gehörte formal keiner der oppositionellen Gruppen an, ihn verbanden jedoch berufliche und freundschaftliche Beziehungen mit der Opposition. Seine Westkontakte nutzte er, um sie über die Aktivitäten der ungarischen Opposition zu informieren.

Neben den gemeinsam mit Szelényi entstandenen Werken sei besonders seine 1980 in Paris erschienene Schrift „Versuchung der Autonomie“ (Az autonómia kisértése) erwähnt, in der Konrád sein Ideal des bewussten Bürgers skizzierte, der – frei von staatlichem und ideologischem Druck – sowohl dem Osten als auch dem Westen gegenüber kritisch eingestellt war. Das zweite Thema, das sich wie ein roter Faden durch Konráds Schaffen zieht, ist die Frage der Identität der ungarischen Juden sowie die Notwendigkeit von Integration und Akzeptanz anstelle einer erzwungenen Assimilation und Anpassung an die Mehrheit.

Im Jahre 1988 wurde Konrád Mitglied des Landesrates des Bundes Freier Demokraten (Szabad Demokraták Szövetsége; SZDSZ). Nach dem Ende des Kommunismus war er ab 1993 Sprecher der Demokratischen Charta – eines informellen Zusammenschlusses, der Demonstrationen und Protestaktionen gegen verschiedenartige Erscheinungen durchführte, die eine Bedrohung der Demokratie darstellten. 1990 wurde er Präsident der internationalen Schriftstellervereinigung P.E.N., eine Funktion, die er bis zum Jahre 2003 ausübte.

György Konrád wurde mit einer Reihe von Preisen geehrt. Dazu gehören der Herder-Preis (1984), der Kossuth-Preis (1990), der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1991), der Internationale Karls-Preis (2001), der Nikola-Tesla-Preis (2003), die Verdienstorden der Republik Ungarn und der Bundesrepublik Deutschland (2003), der Franz-Werfel-Menschenrechtspreis (2007) und die Buber-Rosenzweig-Medaille (2014).

Sándor Szilágyi
Aus dem Polnischen von Gero Lietz
Letzte Aktualisierung: 06/15