Politiker und Außenminister während des Prager Frühlings. Einer der ersten drei Sprecher der Charta 77.

Jiří Hájek wurde 1913 im mittelböhmischen Krhanice bei Benešov geboren. Sein Vater war Schulleiter, seine Mutter Lehrerin. 1924 zog die Familie nach Prag, dort ging er in Vinohrady auf das Gymnasium. 1932 begann er ein Studium der Rechtswissenschaft an der Karls-Universität und besuchte gleichzeitig Vorträge des französischen Ernest-Denis-Institutes. Die Weltwirtschaftskrise und der wachsende Einfluss der Nationalsozialisten in Deutschland waren der Grund, warum Hájek sich linken Jugendorganisationen anschloss. 1932 war er Mitbegründer eines Sozialistischen Seminars der Christlichen Vereinigung junger Männer (CVJM), ein Jahr später trat er der Vereinigung mittelloser und progressiver Studenten und dem Verband sozialdemokratischer Studenten bei. Nach Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs engagierte sich Hájek im Hilfskomitee für das demokratische Spanien. 1937 schloss er sein Jurastudium ab und begann als Finanzbeamter in einer Kreisverwaltung zu arbeiten.

1938 gehörte Hájek zum Führungskreis der „Vereinigung der jungen Tschechoslowakei“, in der die Jugendorganisationen der demokratischen Parteien zusammengeschlossen waren. Nach Unterzeichnung des Münchner Abkommens war er Mitbegründer der Nationalen Bewegung der Arbeiterjugend, in der junge Vertreter verschiedener Parteien vereint waren. Nach der Besetzung Böhmens und Mährens durch Deutschland im März 1939 begann deren konspirative Tätigkeit, obwohl keines der Mitglieder über Erfahrung mit der Untergrundarbeit verfügte. Hájek schrieb Artikel für den „Informationsdienst der nationalen Befreiung“ (Informační služba národního osvobození) und für die Zeitschrift „V boj“ (In den Kampf). Er beteiligte sich an der Demonstration gegen die deutsche Besatzung am 28. Oktober 1939 und an der Beerdigung des Studenten Jan Opletal, der auf der Demonstration am 28. Oktober angeschossen wurde und seinen Verletzungen erlegen war. Am 29. November 1939 wurde Hájek von der Gestapo verhaftet, wegen der Beteiligung an der Widerstandsbewegung angeklagt und zu 12 Jahren Haft verurteilt. Die Haft verbüßte er in Zuchthäusern in Deutschland und Norwegen.

Direkt nach dem Krieg wollte Hájek in die Kommunistische Partei eintreten, aber seine Freunde, allen voran Rudolf Slánský, rieten ihm davon ab. Stattdessen legten sie ihm nahe, zu den Sozialdemokraten zurückzukehren, um so zu helfen, die Beziehungen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten zu verbessern. Er wurde Sekretär des Zentralrates der Gewerkschaften und war gleichzeitig im Tschechischen Jugendverband aktiv, für den er ein Grundsatzprogramm verfasste. Ab 1945 war er außerdem Abgeordneter des Jugendverbandes der Sozialdemokratischen Partei in der provisorischen Nationalversammlung. Ab 1946 war er an der Arbeiterakademie tätig und hielt Vorlesungen an der Hochschule für Politik und Soziales.

Zwischen 1945 bis 1948 bemühte sich Hájek um eine engere Zusammenarbeit von Sozialdemokraten und Kommunisten. Im Februar 1948 beteiligte er sich an der Absetzung der sozialdemokratischen Parteiführung und im April stimmte er für eine Vereinigung von Sozialdemokraten mit der Kommunistischen Partei (KPČ). In den ersten Wahlen wurde er zum Abgeordneten der Nationalversammlung und gleichzeitig zum Mitglied des Zentralkomitees der KPČ gewählt. Gemeinsam mit dem Literaturkritiker Ladislav Štoll reformierte er die Hochschule für Politik und Soziales, um sie auf die Anforderungen des neuen Systems auszurichten. 1952 wurde Hájek Rektor der Hochschule für politische Wissenschaften und Ökonomie. Als diese Hochschule zwei Jahre später aufgelöst wurde, wechselte Hájek ins Außenministerium, wo er eine diplomatische Karriere begann. Ab 1955 war er Botschafter in Großbritannien und ab 1957 Stellvertreter von Außenminister Václav David. 1962 wurde Hájek zum ständigen Vertreter der Tschechoslowakei bei den Vereinten Nationen ernannt. 1965 beendet er diese diplomatische Mission und kehrte in die Tschechoslowakei zurück. Dort übernahm er das Amt des Bildungsministers und hatte diese Position bis 1968 inne.

Während des Prager Frühlings im April 1968 wurde Hájek zum tschechoslowakischen Außenminister ernannt. Er bemühte sich einerseits um eine Verbesserung der Beziehungen zum Westen, überzeugte andererseits aber auch die Vertreter der sozialistischen Staaten, dass in der Tschechoslowakei keine Konterrevolution drohe. Im Augenblick des Einmarsches von Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei befand er sich im Urlaub in Jugoslawien. Hájek flog sofort nach New York zu einer Sitzung der Vereinten Nationen, wo er im Sicherheitsrat entgegen den Instruktionen von Präsident Ludvík Svoboda die Freiheit der Tschechoslowakei verteidigte und die Invasion als Verletzung der UN-Charta und des Warschauer Vertrages bezeichnete. Aufgrund dieses Auftrittes wurde Hájek für Moskau zu einer inakzeptablen Person. Svoboda empfahl ihm, vom Amt des Außenministers zurückzutreten, was er am 9. September 1968 auch tat. Dieser Schritt leitete eine Welle von Zwangsrücktritten von Reformpolitikern der Kommunistischen Partei ein.

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Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei: Straßenszene am 21. August 1968 in Prag während der blutigen Niederschlagung des Prager Frühlings

Vom Außenministerium wechselte Hájek ins Institut für Geschichte der tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften und begann, an der Karls-Universität Vorlesungen zu halten. Im August 1969 wurde er Leiter des neu entstandenen Instituts für Politikwissenschaft der Akademie der Wissenschaften, das wenige Monate später aufgelöst wurde. Im September 1969 schied Hájek aus dem Zentralkomitee der KPČ aus und wurde im März 1970 aus der Partei ausgeschlossen. Am Institut für Geschichte, wo er zu den Vereinten Nationen arbeitete, wurde er 1973 entlassen und ging in den Ruhestand. Von diesem Zeitpunkt an gab Hájek sein öffentliches Wirken auf. Er konzentrierte sich auf Studien zu den Vereinten Nationen und vermied Auseinandersetzungen mit staatlichen Behörden. Er traf sich oft mit Vertretern der ehemaligen Reformbewegung wie František Kriegel, Gertruda Sekaninová-Čakrtová, Zdeněk Mlynář, František Vodsloň und Josef Smrkovský.

Im Dezember 1976 war Hájek an der Verfassung der Erklärung der Charta 77 beteiligt. Zusammen mit Václav Havel und Jan Patočka war er erster Sprecher der Charta 77. Unmittelbar nach der Veröffentlichung der Erklärung setzten Repression ein: regelmäßige Verhöre, Durchsuchungen, Unterbrechungen von Telefongesprächen. Um ihn zur Distanzierung von der Charta 77 zu zwingen, drohte der Staatssicherheitsdienst, Artikel über seinen vermeintlich privilegierten Status in der nationalsozialistischen Haft zu veröffentlichen. Diese wurden später in der Zeitschrift „Signál“ publiziert. Im März 1977 verhinderte die Staatssicherheit die Teilnahme von Hájek und Jan Patočka an den Gesprächen mit dem niederländischen Außenminister Max van der Stoel während dessen Besuches in der Tschechoslowakei.
Nach der Inhaftierung Václav Havels und dem Tod von Jan Patočka war Hájek bis September 1977 der einzige Sprecher der Charta 77. Über sechs Monate lang bis zu dem Moment, als er von Marta Kubišová und Ladislav Hejdánek unterstützt wurde, hing das Schicksal und die Ausrichtung dieser Bewegung von ihm allein ab. Hájek hielt nicht nur dem Druck stand, es gelang ihm auch, verschiedene Unterstützermilieus zu integrieren. 1978 beteiligte er sich intensiv an den Aktivitäten der Charta 77 im Zusammenhang mit der KSZE-Folgekonferenz in Belgrad. Im August 1978 war Hájek Mitverfasser einer Veröffentlichung zum Jahrestag des Einmarsches von Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei, die als eines der bedeutendsten Dokumente der Charta 77 angesehen wird. Ab 1979 war er Berater der Charta 77 und stellte seine zahlreichen internationalen Kontakte zur Verfügung.
Die Repressionen durch die Staatsicherheit betrafen auch Hájeks Familie: Seine Frau wurde an der Ausübung ihres Berufes gehindert und sein Sohn Jan erhielt keinen Studienplatz. 1988 war Hájek Mitbegründer und Vorsitzender des Tschechoslowakischen Helsinki-Komitees und Mitglied des Klubs für sozialistische Umgestaltung „Wiedergeburt“ (Klub za socialistickou přestavbu Obroda), in dem sich ehemalige kommunistische Reformer zusammengeschlossen hatten. Mit finanzieller Unterstützung der Stiftung Charta 77 begann er, seine persönlichen Erinnerungen zu verschriftlichen.
Nach dem Ende des Kommunismus in der Tschechoslowakei nahm Hájek nicht mehr aktiv am politischen Leben teil, beschäftigte sich aber weiterhin mit dem Thema Menschenrechte. So leitete er das Tschechische Helsinki-Komitee, die Georg-von-Podiebrad-Stiftung für Europäische Zusammenarbeit, die Vereinigung der politischen Häftlinge und das Institut für Demokratiestudien. Jiří Hájek starb 1993 in Prag.

Petr Pospíchal
Aus dem Polnischen von Tim Bohse
Letzte Aktualisierung: 06/15