Tschechien

Dana Němcová

Dana Němcová, geboren 1934

Psychologin und Aktivistin in der Untergrundkultur. Mitbegründerin des Komitees zur Verteidigung der zu Unrecht Verfolgten und des Tschechoslowakischen Helsinki-Komitees. Sprecherin der Bürgerrechtsbewegung Charta 77.

Dana Němcová wurde 1934 in Brüx (Most) im Norden der Tschechoslowakei geboren und entstammte einer Lehrerfamilie. Als Kind wurde sie Zeugin der von Tschechen bei der Vertreibung der Deutschen verübten Gewalt. Die öffentliche Kampagne für die Todesstrafe in politischen Prozessen zu Beginn der 50er Jahre war für sie eine ähnlich aufrüttelnde Erfahrung. Eine der damaligen Hauptangeklagten war Milada Horáková.

Nach ihrem Abitur 1952 war sie als Grundschullehrerin tätig. Sie studierte 1953–58 Psychologie und Philosophie an der Karls-Universität in Prag. Während des Studiums konvertierte sie zum Katholizismus und ließ sich taufen. Němcová heiratete 1955 den katholischen Intellektuellen Jiří Němec. Unter dem Eindruck ihres Mannes nahm sie an privaten Seminaren Jan Patočkas teil. Seit den 50er Jahren unterhielt sie gemeinsam mit ihrem Mann zahlreiche Kontakte zu polnischen Katholiken, insbesondere zum Umfeld der Zeitschriften „Znak“ (Zeichen), „Więź“ (Band, Bindung) und „Tygodnik Powszechny“ (Allgemeines Wochenblatt). Sie half bei illegalen Transporten polnischer katholischer Literatur in die Tschechoslowakei. Die Kontakte zu polnischen Katholiken blieben bis Ende der 60er Jahre bestehen.

Nach dem Studium arbeitete Němcová in einer psychiatrischen Klinik. Sie engagierte sich für den Dialog zwischen christlichen Gruppen, der sich im Laufe der Zeit zu einem Dialog zwischen gläubigen Christen und Marxisten entwickelte. Von Mitte der 50er Jahre bis Ende der 60er Jahre wurde sie von der Staatssicherheit überwacht, härtere Repressionsmaßnahmen blieben ihr allerdings erspart.

Nach dem Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei emigrierte sie nach Österreich, kehrte jedoch nach drei Monaten wieder nach Prag zurück. Ihre Familie war mit Persönlichkeiten aus katholischen Kreisen und aus der Kultur- und Musikszene des Undergrounds befreundet, die der Politik der sogenannten „Normalisierung“ Widerstand leisteten. In den 70er Jahren organisierte sie gemeinsam mit anderen Konzerte der Musikgruppe „Plastic People of the Universe“ und Musikfestivals für Underground-Bands. Da diesen Gruppen öffentliche Auftritte verboten waren, mussten ihre Konzerte auf Privatgelände stattfinden, wo sie häufig von der Staatssicherheit erheblich gestört und viele Teilnehmer verhaftet wurden. Nach der Festnahme der Bandmitglieder der „Plastic People of the Universe“ und anderen Persönlichkeiten aus Dana Němcovás Umfeld im Frühjahr 1976 organisierte sie Protestaktionen gegen diese Verhaftungen.

Als eine der ersten unterschrieb sie die Petition der Charta 77 und machte ihre Prager Wohnung zum Treffpunkt für Anhänger dieser Bürgerrechtsbewegung. Im April 1978 war sie an der Gründung des Komitees zur Verteidigung der zu Unrecht Verfolgten (Výbor na obranu nespravedlivě stíhaných; VONS) beteiligt, woraufhin sie im Mai 1979 mit neun anderen Vertretern verhaftet wurde und bis Oktober 1979 in Untersuchungshaft saß. Für den angeblichen „Versuch, die Republik zu stürzen“ wurde sie zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. In den 70er und 80er Jahren genoss Němcová hohes Ansehen und großen Einfluss auf die jüngere Generation. 1988 gehörte sie zu den Gründern des Tschechoslowakischen Helsinki-Komitees (Československý helsinský výbor), ein Jahr später wurde sie Sprecherin der Bürgerrechtsbewegung Charta 77.

Kurz nach der Samtenen Revolution wurde sie als Abgeordnete nachträglich in das tschechoslowakische Parlament, die Föderalversammlung, gewählt (kooptiert) und konnte ihr Abgeordnetenmandat auch nach den ersten freien Wahlen im Juni 1990 behaupten. Im Rahmen des Helsinki-Komitees beschäftigte sie sich in jenen Jahren mit Flüchtlingsfragen und gründete 1993 mit anderen ein Beratungszentrum für Flüchtlinge beim Tschechischen Helsinki-Komitee. Nach dem Tod von Václav Havels Ehefrau Olga 1996 wurde sie zur Vorsitzenden im Verwaltungsrat der Olga-Havlová-Stiftung gewählt.

Petr Pospíchal
Aus dem Polnischen von Jonas Grygier
Letzte Aktualisierung: 05/15