Slowakei

Ján Čarnogurský

Ján Čarnogurský, geboren 1944

Rechtsanwalt, katholischer Bürgerrechtler und Politiker. Verleger der unabhängigen Zeitschriften „Náboženstvo a súčasnost“ und „Bratislavské listy“.

Ján Čarnogurský wurde 1944 in Bratislava (Pressburg) geboren. 1969 beendete er sein Jurastudium an der Karls-Universität in Prag, zwei Jahre später erhielt er den Doktorgrad an der Comenius-Universität in Bratislava. Ab 1970 arbeitete er als Anwalt. Seit Oktober 1976 stand er unter Beobachtung durch den Staatssicherheitsdienst. Im Zusammenhang mit einer Warschaureise, auf der er einen der Klubs der Katholischen Intelligenz (Kluby Inteligencji Katolickiej; KIK) aufsuchte und sich unter anderem mit Andrzej Wielowieyski traf, wurde er das erste Mal verhört. 1981 schloss man ihn aus der Anwaltskammer aus, da er sich für Dissidenten und Kirchenaktivisten eingesetzt hatte. Mit seiner Verteidigung der Unterzeichner der Charta 77 wurde er einem größeren Kreis an Menschen bekannt – in der Slowakei gehörten zu den Unterzeichnern der Priester Marián Zajíček und Robert Gombík. 1981–82 arbeitete er als Fahrer und später wieder als Rechtsanwalt. Ab März 1987 war er arbeitslos.

Čarnogurský war von 1982 bis 1984 Mitherausgeber der unabhängigen Zeitschrift „Náboženstvo a súčasnost“ (Religion und Gegenwart). Über die Herausgabe der Zeitschrift „Bratislavské listy“ (Pressburger Blätter) informierte er das slowakische Kulturministerium in einem Brief vom 25. Juli 1988. Er publizierte ebenfalls in den Samisdatzeitschriften „Katolícky mesačník“ (Katholische Monatsschrift) und „Rodinné spoločenstvo“ (Familiengemeinschaft). Im Ausland veröffentlichte er in der in Zürich herausgegebenen slowakischen Exilzeitschrift „Horizonte“, in der Zeitschrift „Salisbury Review“ und in der kanadischen Zeitschrift „Obzory“ (Horizonte). Seine Texte wurden auch über Radio Freies Europa verbreitet.

Čarnogurský engagierte sich ebenso für die im Untergrund tätigen Franziskanermönche, die am 27. März 1983 von der Staatsicherheit festgenommen wurden. Die bekanntesten Diskriminierungsfälle gegen Gläubige und Geistliche in der Slowakei in den Jahren 1975–85 beschrieb er in seiner Arbeit „Den Gerichten überliefert“ (Vydajú vas), die er mithilfe von Gabi Arnova 1986 in Bern unter dem Pseudonym „Karol“ veröffentlichte. Er hatte Kontakt mit Jozef Jablonický, Miroslav Kusý, Hana Ponicka und Milan Šimečka, denen er auch rechtlichen Beistand leistete. Er traf sich weiterhin mit Václav Benda, Václav Malý, Václav Havel und Stanislav Devátý. Zwischen 1988 und 1989 nahm er an im Ausland stattfindenden Treffen der polnischen und tschechoslowakischen Dissidenten teil. Er selbst unterhielt außerdem Kontakte zu polnischen Bürgerrechtlern, wobei ihm seine sehr guten Polnischkenntnisse halfen. Čarnogurský nahm auch Einfluss auf die Formulierung der Charta 77, insbesondere zu Fragen der Religionsfreiheit (beispielsweise zur Schließung von Klöstern in der Tschechoslowakei) und der nationalen Minderheiten.

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Kerzendemonstration am 25. März 1988 in Bratislava: Auf dem Hviezdoslav-Platz in der Hauptstadt des slowakischen Landesteils versammeln sich rund 2.000 Menschen, um gegen das herrschende kommunistische Regime zu demonstrieren. Ján Čarnogurský war einer der Organisatoren des Protestes.

Im Oktober 1987 unterschrieb er die „Erklärung zur Deportation der Juden aus der Slowakei“ (Vyhlásenie k deportáciám Židov zo Slovenska). Am 25. März 1988, am Tag der Kerzendemonstration, die er zu organisieren mithalf, wurde er verhaftet. Ein halbes Jahr später, am 18. Oktober 1988, veröffentlichte er das Manifest „Demokratie für alle“ (Demokracie pro všechny) der Bewegung für Bürgerfreiheit (Hnutí za občanskou svobodu; HOS). 1989 unterzeichnete er die Petition „Einige Sätze“ (Několik vět). Außerdem unterstützte er die Arbeit der Bewegung „Initiative der Gesellschaftlichen Selbstverteidigung“ und des Tschechoslowakischen Helsinki-Komitees (Československý helsinský výbor).

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Ján Čarnogurský (Mitte links mit Manuskript) spricht am 7. Mai 1989 auf einer Kundgebung am Grab des Mitgründers der Ersten Tschechoslowakischen Republik Milan Rastislav Štefánik in Brezová pod Bradlom.

 

Zum Todestag des Mitgründers der Ersten Tschechoslowakischen Republik (1918–38), Milan Rastislav Štefánik, organisierte er mit anderen im Mai 1989 ein Treffen an dessen Grab in Brezová pod Bradlom.

Am 15. August 1989 kam Čarnogurský ins Gefängnis. Er wurde angeklagt, während eines Treffens von Bürgerrechtlern in Predmier im Kreis Bytča am 4. Juli 1989 freie Wahlen und die Ehrung der Opfer vom Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei 1968 verlangt sowie die Zeitschrift „Bratislavské listy“ herausgegeben zu haben. Verhaftet wurde er für seine Zugehörigkeit zu den sogenannten „Pressburger Fünf“. Der Gerichtsprozess gegen diese Gruppe – zu der neben ihm auch Miroslav Kusý, Hana Ponická, Anton Selecký und Vladimír Maňak gehörten – schweißte die demokratische Opposition und die Untergrundkirche enger zusammen. Eine Petition für die Freilassung der Inhaftierten wurde von vielen Menschen unterzeichnet, unter anderem von Ján Chryzostom Korec und Alexander Dubček. Auch westliche Länder übten politischen Druck auf die tschechoslowakische Regierung aus. Im September 1989 kritisierte US-Außenminister James Baker auf der Sitzung der Vereinten Nationen diesen Gerichtsprozess. Während der Gerichtsverhandlungen fanden wiederholt Demonstrationen zur Unterstützung der Inhaftierten vor dem Gerichtsgebäude statt. Im November 1989 nahmen an diesen Demonstrationen ungefähr 5.000 Menschen teil, unter ihnen auch Dubček.

Im Zuge der der Samtenen Revolution kam Čarnogurský am 10. Dezember 1989 wieder frei und wurde zwei Wochen später der erste Vizepremier in der Regierung der nationalen Verständigung unter Marián Čalfa. 1990 gründete er die Christlich-Demokratische Bewegung mit, dessen Vorsitzender er bis zum Jahr 2000 blieb. Ab Juni 1990 übte er das Amt des Vizepremiers in der slowakischen Regierung aus und war von April 1991 bis Juli 1992 Premierminister des slowakischen Teilstaates. Von 1992 bis 1998 saß er als Abgeordneter im slowakischen Parlament und war 1998–2002 Justizminister der Slowakischen Republik. Seit seinem Rückzug aus der Politik 2002 arbeitet Ján Čarnogurský wieder als Anwalt und betätigt sich publizistisch.

Norbert Kmeť
Aus dem Polnischen von Jonas Grygier
Letzte Aktualisierung: 08/15