Bürgerrechtler, Ökologe und Aktivist der unabhängigen Kultur. Herausgeber regimeunabhängiger Zeitschriften. Zentrale Persönlichkeit der Bürgerrechtsbewegung Öffentlichkeit gegen Gewalt. Politiker und Parlamentsabgeordneter.

Ján Budaj wurde 1952 in Bratislava (Pressburg) geboren. 1971 wurde er für den Versuch, illegal die Staatsgrenze zu übertreten, verhaftet und musste eine einjährige Haftstrafe verbüßen. Er studierte von 1972 bis 1975 Mathematik und Physik am Pädagogischen Institut der Universität Trnava, schloss das Studium jedoch nicht ab. Bis 1989 arbeitete er als Heizer.

Seit 1973 war er mit eigener Aktionskunst in der Pressburger Szene der unabhängigen Kultur aktiv. Er gründete mit anderen zusammen die Künstlergruppe „Degenerierte Generation“ (DG) für bildende Kunst und Performances. Die Künstler dieser Gruppe sahen im künstlerischen Schaffen staatlicher Einrichtungen keinen Wert und bezogen auch die Arbeit von Hochschulen in ihre Kritik mit ein. Zu ihnen gehörten unter anderem Tomáš Petřivý, Peter Sedala, Vladimír Archleb, Igor Kalný und Alexander Szabo. Die Künstler wurden ohne Grund verhaftet und vom Sicherheitsdienst verhört, sie verloren ihre Arbeit und ihre Pässe wurden eingezogen.

Ján Budajs Wohnung diente mehrmals als Treffpunkt für Zusammenkünfte und Gespräche mit Prager Künstlern aus dem Kreis der unabhängigen Kultur. Budaj unterhielt auch Kontakte zur polnischen Opposition, so zu späteren Aktivisten des KOR (Komitee zur Verteidigung der Arbeiter), der Solidarność und zu Personen aus dem Umfeld von Andrzej S. Jagodziński und Aldona Jawłowska.

Mit Gabriel Levicki und anderen organisierte er eine von den staatlichen Behörden nicht zugelassene Ausstellung auf dem Gelände der Badeanstalt Lido in Bratislava. 1977–78 wollten er und andere eine Fliegende Universität aufbauen. Zu den Seminaren luden sie Politiker und Intellektuelle wie etwa Miroslav KusýMilan Šimečka und Tomáš Strauss ein, die ständigen Repressalien durch die Staatsmacht ausgesetzt waren. Ihre Bemühungen wurden jedoch schon nach kurzer Zeit von den Behörden vereitelt.

Obwohl Budaj Kontakte zu den tschechischen Unterzeichnern der Charta 77 hatte, unterschrieb er die Petition nicht. Er vertrat die Ansicht, dass die Petition nicht an seine Generation gerichtet sei, da diese nicht ihr ganzes Leben im Kommunismus verbringen wolle.

1978 organisierte er zusammen mit anderen die „Woche der fiktiven Kultur“. Plakate im Zentrum Bratislavas kündigten Ausstellungen nicht existierender Kunstwerke sowie Veranstaltungen an, die niemals stattfanden. Dies waren beispielsweise Konzerte von Bob Dylan oder Ausstellungen von Salvador Dalí, denen die kommunistischen Machthaber unter keinen Umständen die Zustimmung erteilt hätten.

Ein Jahr später gründete Budaj die „Temporäre Gesellschaft intensiven Erlebens“ (Dočasná spoločnosť intenzívneho prežívania; DSIP), die gegen die „überall herrschende beängstigende Ruhe und den Stillstand“ in der Gesellschaft angehen wollte. In ihren bekanntesten Aktionen legten sich die Künstler auf den Bürgersteig im Zentrum von Bratislava oder ketteten Vladimír Archleb an das Gitter des Hauses für Politische Bildung.

Seit 1978 war Budaj auch in der Ökologie-Bewegung aktiv. 1980 veranstaltete er die Aktion „Drei sonnige Tage“ (Tri slnečné dni), bei der sich Untergrundkünstler, Ökologen und Kunsthistoriker aus Bratislava, Prag, Brünn (Brno) und Warschau trafen. Bereits nach den ersten Tagen löste der Sicherheitsdienst diese Zusammenkunft auf und verhörte die angereisten Teilnehmer. Ein Jahr später startete Budaj eine Initiative zur Rettung der alten Friedhöfe in Bratislava, welche von der Regierung in Parks umgewandelt werden sollten. Die Teilnehmer dieser Aktion wurden sofort verhört und auch die Zeitschrift „Der Naturschützer“ (Ochranca prírody), in der er die Initiative thematisierte und deren Redakteur Budaj war, war daraufhin Schikanen ausgesetzt. Die Zeitschrift wurde vorübergehend eingestellt und unterlag nach ihrem Wiedererscheinen strengeren Zensurbestimmungen. Durch die Kampagne konnten aber einige Friedhöfe vor der Zerstörung gerettet werden.

Der Höhepunkt Budajs ökologischen Wirkens war die Herausgabe des politisch-dokumentarischen Bandes „Bratislava/nahlas“ (Bratislava/laut). Da viele bekannte Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben der Slowakei, die sich zuvor nicht in der Bürgerrechtsbewegung engagiert hatten, ihre Unterstützung zeigten, wurde „Bratislava/nahlas“ zur Zielscheibe einer scharfen Medienkampagne. Außerdem leiteten die Behörden gegen die Autoren und Herausgeber des Bandes ein Strafverfahren ein.

Budaj war schon zuvor publizistisch tätig gewesen. 1981–83 leitete er zusammen mit anderen die Redaktion der Zeitschrift „Kontakt“. In deren erster Ausgabe schrieb er den Essay „Der Pressburger Fußgänger“ (Bratislavský chodec), in der er eine Reise über die Straßen Bratislavas und durch die unbekannte Geschichte der Slowakei beschrieb. Laut Budaj verhindere „das mangelnde Wissen der Slowaken über sich selbst“ eine Verständigung mit den Tschechen. Er unterstrich die Notwendigkeit, offen über den slowakischen Nationalismus und über die Beziehung der Slowaken zu den nationalen Minderheiten zu sprechen und sich dem eigenen Kulturerbe sowie den ausgeblendeten jüdischen, deutschen und ungarischen Traditionen in der Slowakei zu stellen.

In seiner Arbeit „3SD“ (Tri slnečné dni/Drei sonnige Tage) präsentierte Budaj Projekte von slowakischen und ausländischen Künstlern und beteiligte sich an einer Publikation mit dem Titel „Atmosphäre“ (Ovzdušie). 1982 veröffentlichte er das populär gewordene Buch „Selbstverteidigung“ (Sebaobrana), welches eine Anleitung zum richtigen Verhalten bei Verhören beinhaltet. František Mikloško druckte mehrere tausend Exemplare für die Aktivisten der katholischen Untergrundkirche.

Zwischen 1983 und 1989 nahm Budaj an Aktionen der katholischen Untergrundkirche teil. 1987 drehte er einen Dokumentarfilm über das Leben der Mönche, die in den 50er Jahren miterleben mussten, wie ihre Klöster und Ordensgemeinschaften verboten und aufgelöst wurden. Im selben Jahr arbeitete er in der Redaktion der Zeitschrift „K“ mit, die 1988 mit „Fragment“ zu „Fragment K“ zusammengelegt wurde.

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Ján Budaj spricht auf einer Kundgebung der Öffentlichkeit gegen Gewalt im Herbst 1989.

Im Herbst 1989 gründete er die Bürgerinitiative „Ozdravenie“ (Heilung) und gab mit dem Ziel, die politische Opposition und alle oppositionell Eingestellten in der Gesellschaft zu einen, ein Gründungsdokument heraus. Die Initiative „Ozdravenie“ entstand am 10. November 1989 im Rahmen der Aktion „Bratislava – Grenzenlos“, als sich zum ersten Mal Bürgerrechtler aus den verschiedenen Milieus trafen: Ökologen, Künstler, Vertreter der Untergrundkirche und politische Oppositionelle. Obwohl der Veranstaltungsverlauf vom Sicherheitsdienst überwacht wurde und einzelne Personen gezwungen wurden, sich auszuweisen, wurde die Veranstaltung nicht aufgelöst.

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Ján Budaj während der Samtenen Revolution auf einer Kundgebung der Öffentlichkeit gegen Gewalt im Herbst 1989

Während der der Samtenen Revolution in der Slowakei war Budaj einer der Gründer von Öffentlichkeit gegen Gewalt (Verejnosť proti násiliu; VPN) und trat im November 1989 auf verschiedenen Demonstrationen in Bratislava auf. Er übte das Amt des Sprechers aus und fungierte später als Vorsitzender des Koordinationskomitees der Bürgerbewegung. Nach der ersten Sitzung des Parlamentes am 27. Januar 1990 wurde er zu dessen Vorsitzenden gewählt. Im März 1990 erhielt er ein Abgeordnetenmandat und wurde kurz darauf der erste Vizepräsident des Slowakischen Nationalrats. Bei den freien Parlamentswahlen im Juni 1990 kandidierte Budaj im Rahmen der Bürgerbewegung Öffentlichkeit gegen Gewalt. Nach kurzer Zeit trat er jedoch von seiner Kandidatur zurück, da Vorwürfe gegen ihn laut wurden, in einem Dokument der Staatssicherheit als deren Mitarbeiter erwähnt worden zu sein. Eine aktive Tätigkeit für die Geheimpolizei konnte allerdings nicht belegt werden. Im Herbst 1990 trat er auch von seinem Amt des Vorsitzenden der Bürgerbewegung VPN zurück.

1991 unterstützte er die Initiative für eine unabhängige Slowakei. 1992–93 war er Chefredakteur der Tageszeitung „Meridian“ und später als freier Publizist, Fernsehproduzent und liberaler Politiker tätig. Budaj war mit am Zustandekommen der Slowakischen Demokratischen Koalition (Slovenská demokratická koalícia; SDK) beteiligt und zog mit ihr 1998 als Abgeordnete ins slowakische Parlament ein. Im Jahr 2000 gehörte er zu den Mitbegründern der Liberaldemokratischen Union (Liberálnodemokratická únia; LDÚ), deren Vorsitz er übernahm. Die Partei schaffte es jedoch nicht ins Parlament. In den Kommunalwahlen 2006 wurde Budaj zum Abgeordneten der Stadtvertretung von Bratislava gewählt und ist seit Januar 2013 Stellvertretender Oberbürgermeister von Bratislava.

Juraj Marušiak
Aus dem Polnischen von Jonas Grygier
Letzte Aktualisierung: 08/15