Geschichte der russischen Opposition

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Die dissidentischen Aktivitäten in der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) hatten nicht den Charakter einer nationalen Bewegung. Die russischen Dissidenten betrachteten die Einwohner ihrer Sowjetrepublik nicht als ein Volk, dass unter „imperialem Druck“ zu leiden hatte. Die Opposition in Russland – sei es die zivilgesellschaftliche, die politische oder die kulturelle – betrachtete das Regime nicht als Faktor im Verhältnis zum Leben des Volkes und der nationalen Geschichte. Erst recht ging es nicht um einen nationalen Befreiungskampf gegen eine Fremdherrschaft – im Unterschied etwa zu den baltischen Republiken.

In den Kreisen der gemäßigten russischen Nationalisten kursierte die Konzeption einer „Bürde des Imperiums“, deren Hauptanteil das russische Volk zu tragen habe. Einige Vertreter wie zum Beispiel Alexander Solschenizyn gingen in ihren Schlussfolgerungen so weit, dass sie von der Notwendigkeit sprachen, die UdSSR abzuschaffen. Diese Idee blieb jedoch immer nur ein politisches Projekt, das sich nicht einmal im Kreise der Anhänger Alexander Solschenizyns allzu großer Popularität erfreute. In den politischen Diskurs hielt der Gegensatz von zentralistischer Union einerseits und Russland andererseits erst 1990/91 (und auch nur in diesem Zeitraum) im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung zwischen Boris Jelzin und Michail Gorbatschow Einzug. Sinnbild für diesen Gegensatz ist der am 12. Juni begangene Unabhängigkeitstag Russlands, da am 12. Juni 1990 die Souveränität der Russischen Föderation verkündet wurde. Für die breiten Massen ist dieser Tag jedoch kein Nationalfeiertag, sondern lediglich ein zusätzlicher arbeitsfreier Tag im Jahr.

Zwei Dinge seien gleich zu Anfang präzisiert: Erstens gab es natürlich in der RSFSR einzelne Dissidentenbewegungen, die sich in ihrer Arbeit Problemen bestimmter Völkerschaften und ethnischer Gruppen widmeten. So müssen die autonomen, kulturellen und auf Emigration gerichteten Aktivitäten der Wolgadeutschen ganz klar als nationale Bewegungen bezeichnet werden. Auch die jüdische Bewegung der sogenannten Otkazniki trug nationale Züge. Die Feststellung, die russischen Dissidentenbewegungen hätten keinen nationalen Charakter gehabt, sei hier so verstanden, dass sie sich nicht auf eine gesamtnationale ideelle Grundlage stützten, wie es in anderen Sowjetrepubliken der Fall war.

Zweitens machte seit Mitte der 60er Jahre die zahlenmäßig starke und äußerst aktive Bewegung der russischen Nationalisten auf sich aufmerksam, auch „počvenniki“ (nach Russisch počva = Erde, Boden) oder „russische Partei“ genannt. Für verschiedene Strömungen innerhalb dieser Bewegung stehen Namen wie Wladimir Ossipow, Leonid Borodin, Igor Schafarewitsch und Alexander Solschenizyn. Zwar distanzierten sie sich in den 70er Jahren etwas von den übrigen Dissidenten, zugleich hielten sie jedoch persönliche und der Information dienende Kontakte mit Menschenrechtskreisen aufrecht und nahmen an internen Diskussionen dieses Milieus teil. Ihre Namen tauchten zudem regelmäßig in der Samisdat-Presse im Zusammenhang mit politischen Diskussionen wie auch auf Listen politisch Verfolgter auf. Analog dazu erschienen die Namen anderer Dissidenten in Schriften wie „Veče“ (Volksversammlung), „Moskovskij sbornik“ (Moskauer Sammelband) und „Zemlja“ (Erde). In den 70er Jahren bekannte sich auch die Mehrheit der nationalistischen Vertreter zu den dissidentischen Grundprinzipien Gewaltverzicht, Öffentlichkeit und offenes Agieren auf der Grundlage des Rechts.

Dennoch wäre es nicht angemessen, ein Gleichheitszeichen zwischen die Dissidentenbewegung der russischen Nationalisten und den nationalen Bewegungen in der Ukraine, im Kaukasus oder in den baltischen Ländern zu setzen. Zumindest in der Russischen Föderation hatte die nationale Bewegung keinen dominierenden Einfluss, die „russische Idee“ war nur eine von vielen konkurrierenden politisch-ideologischen Programmen in Dissidentenkreisen. Zu nennen wären hier Richtungen wie beispielsweise der „wahre Marxismus-Leninismus“, der nichtkommunistische Sozialismus marxistischer und nichtmarxistischer Prägung, die Idee der Konvergenz von Sozialismus und Kapitalismus im postindustriellen Zeitalter und der „klassische“ Liberalismus.

Die Entwicklung politisch-ideologischer Alternativen zum „real existierenden Sozialismus“ war nur eine der Widerstandsformen gegen das Regime und beileibe nicht die bedeutendste. Das Aufbegehren gegen den herrschenden Totalitarismus nahm verschiedene Formen an. So äußerte sich beispielsweise das Dissidententum in vielgestaltigen kollektiven Initiativen in kultureller, religiöser, politischer, sozialer und nationaler Art sowie in Einzelaktionen. Etliche dieser Initiativen könnten auch im soziologischen Sinne als gesellschaftliche Bewegungen bezeichnet werden.

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Eines von zahlreichen Treffen Oppositioneller in Moskauer Privatwohnungen (etwa 1972/73): Waleri Krischak, Leonid Zipin, Michail Babel, Boris Zitlenok und Anatoli (Natan) Schtscharanski (hintere Reihe v.l.n.r.) zusammen mit Sachar Tesker, Lew Gendin, Alexander Lunz, Jelena Sirotenko und anderen.

Die grundlegende Idee und gemeinsame Klammer für diese vielgestaltigen Menschen, Ideen, Texte und Verhaltensweisen bildeten die Menschenrechte. Dieselbe Konzeption verband auch die russische Dissidentenbewegung mit den nationalen Dissidentenbewegungen in einigen Unionsrepubliken. Der Idee der Menschenrechte ist es zu verdanken, dass von einer sowjetischen Dissidentenbewegung als Gesamtheit gesprochen werden kann. Wenn die Menschenrechtsfrage vor allem ein Instrument zum Schutz vor politischer Verfolgung und ein Mittel zur Formulierung nationaler Aufgaben war – was nicht ausschloss, dass viele „nationale Dissidenten“ die Menschenrechte als gesonderten gesellschaftlichen Wert achteten –, dann konnte über die Menschenrechte in Russland eine Weltanschauung bzw. eine Gemeinschaft kodifiziert werden, die allen Dissidenten gemeinsam war und die sie miteinander verband. Die Menschenrechtsbewegung mit all ihren Spielarten und Verzweigungen hatte die Funktion einer einheitlichen Infrastruktur für dissidentisches Wirken in Russland und in der gesamten Sowjetunion, wobei natürlich die unabhängigen Bewegungen in den einzelnen Republiken eine jeweils eigene Identität aufwiesen. In Russland standen für diese Identität die Menschenrechtsaktivisten – eine nicht sehr zahlreiche Gruppe von 200 bis 300 Personen vor allem aus Moskau. Sie bildeten den Kern der Dissidentenbewegung und errichteten ein Informationsnetzwerk, das unterschiedlichste Strömungen zusammenführte: avantgardistische Künstler, Verfechter der Reinheit des Marxismus-Leninismus, Anhänger der westlichen Demokratie und Marktwirtschaft, russische Nationalisten, jüdische Otkazniki, baptistische Reformkräfte bzw. sogenannte „Initiativniks“ und Gruppen von Menschen, die sich nicht von konkreten Ideen leiten ließen, die aber das Gefühl des moralischen Aufbegehrens gegen den Status quo vereinte.

Heute besteht Einigkeit darüber, dass die russische Menschenrechtsbewegung in der zweiten Hälfte der 60er Jahre entstand. Wo sind jedoch die Quellen und Wurzeln dieser Bewegung zu finden? Was waren die Grundlagen und Ursachen ihrer Entstehung?

Alexander Daniel
Aus dem Polnischen von Gero Lietz
Letzte Aktualisierung: 02/16