Pjotr Grigorenko

Pjotr Grigorenko, 1907–87

Pëtr Grigor’evič Grigorenko

Пётр Григорьевич Григоренко

Militärischer und politischer Funktionär. Menschenrechtsaktivist und Publizist.

Geboren wurde Pjotr Grigorenko (Ukrainisch: Petro Hryhorenko) 1907 in einer Bauernfamilie in dem südukrainischen Dorf Borisowka bei Saporischschja. Er arbeitete als Schlosser, Bahnarbeiter, Heizer und Lokführer und war in der Bewegung des kommunistischen Jugendverbandes Komsomol aktiv. Grigorenko organisierte 1922 eine Komsomol-Gruppe in seinem Heimatdorf, war 1930 Delegierter des Komsomol-Treffens und 1929–31 Mitglied des Zentralkomitees des Komsomol der Ukraine. 1927 trat er der Kommunistischen Partei bei. 1929 schloss er die Arbeiter-Universität ab und studierte anschließend bis 1931 an der Fakultät für Ingenieur-und Bauwesen des Technologischen Instituts in Charkiw im Nordosten der Ukraine.

1931 wurde er Berufssoldat, schloss die Militärische Ingenieurhochschule „W. W. Kuibyschew“ ab, diente von 1934 bis 1937 in der Führung der Roten Armee im Weißrussischen Armeebezirk und studierte anschließend an der Akademie des Generalstabes. 1939–43 diente er im Fernen Osten, wo er 1939 an den Kämpfen am Fluss Chalchin-Gol im japanisch-sowjetischen Grenzkonflikt beteiligt war. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er 1944/45 gegen die Deutschen, wobei er zwei Mal verwundet wurde. Das Kriegsende erlebte er im Rang eines Obersts als Stabschef einer Division. Grigorenko erhielt den Lenin-Orden und andere hohe Auszeichnungen.

Von Dezember 1945 bis September 1961 war er Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Militärakademie „M. W. Frunse“. Er promovierte 1948 in Militärwissenschaften und schrieb zahlreiche Arbeiten zur Geschichte und Theorie des Militärwesens und der Kybernetik. Ab 1959 leitete er im Rang eines Generalmajors den Lehrstuhl für operativ-taktische Ausbildung. Im August 1961 vollendete er seine Habilitationsschrift.

Nach dem XX. Parteitag der KPdSU, auf dem erstmals mit Stalins Verbrechen abgerechnet wurde, zog Grigorenko die Schlussfolgerung, dass das politische System der Sowjetunion nicht den Idealen des Leninismus entspräche. Er entschied sich, seine Meinung öffentlich zu machen und nutzte hierfür die im Sommer und Herbst 1961 stattfindende Diskussion über den Entwurf des KPdSU-Parteiprogramms: „In meiner Seele war ein Durcheinander entstanden. Es fiel mir schwer, die Heuchelei der Regierenden schweigend zu ertragen, obwohl mir gleichzeitig bewusst war, dass ein Aufbegehren mich den vollständigen Verlust meiner stabilen und zufriedenstellenden Verhältnisse kosten würde [...]. Immer heftiger bedrängte mich der bereits seit Langem bestehende Gedanke: Ich darf nicht schweigen.“

Am 7. September 1961 trat Grigorenko auf der Regionalkonferenz der Partei in Moskau mit folgendem Appell auf: „Es ist Nachdruck auf die Demokratisierung von Wahlen und auf die Rotation der Kader zu legen, auf Verantwortung gegenüber den Wählern. Alle Umstände müssen beseitigt werden, die Verstöße gegen leninistische Normen und Prinzipien darstellen, insbesondere die hohen Gehälter und die Unantastbarkeit der Ämter.“ Auf Anordnung des ZK der KPdSU wurde ihm daraufhin wegen „politischer Unreife“ das Mandat als Delegierter entzogen. Kurze Zeit später durfte er keine Vorlesungen an der Akademie mehr halten, er wurde mit einer harten Parteistrafe belegt und in den Armeebezirk Fernost strafversetzt.

In Ussurijsk im äußersten Südosten der Sowjetunion kam er zu der Überzeugung, dass er gegen die Führung der KPdSU vorgehen müsse. Er begann ein kritisches Pamphlet zu schreiben und schickte es an eine Zeitung. Im Herbst 1963, als er im Urlaub in Moskau war, organisierte er eine Gruppe in der Untergrundbewegung für den Kampf um die Wiedergeburt des Leninismus, der sich seine Söhne und einige von deren Freunden – Studenten und Offiziere – anschlossen. Er verfasste sieben Flugblätter, die in Moskau, Wladimir, Kaluga und unter den Soldaten der Armeebezirke Leningrad und Mittelasien verbreitet wurden, einige davon in einer Auflage von bis zu 100 Exemplaren. Die Flugblätter kritisierten die Bürokratisierung des Staates, die repressive Politik gegenüber den Arbeitern, die bei der Niederschlagung von Protesten in Nowotscherkassk, Temirtau und Tiflis zum Tragen gekommen war, sowie die Lebensmittelkrise im Land.

Am 1. Februar 1964 wurde Grigorenko auf dem Flughafen von Chabarowsk vom KGB festgenommen, nach Moskau gebracht und dort in einem KGB-Gefängnis inhaftiert. Beim ersten Verhör lehnte er den Vorschlag des KGB-Vorsitzenden Wladimir Semitschastny ab, Selbstkritik zu üben und so Verhaftung und Gerichtsverfahren zu entgehen. Grigorenko wurde nach Artikel 70 Strafgesetzbuch der RSFSR angeklagt und zur gerichtspsychiatrischen Begutachtung ins Serbski-Institut überstellt. Das Gutachten vom 19. April 1964 stellte seine vermeintliche Unzurechnungsfähigkeit fest und diagnostizierte eine „paranoide Persönlichkeitsentwicklung, die mit psychopathischen Charaktereigenschaften einhergeht“. Nach Grigorenkos Meinung wurde die Entscheidung, ihn für verrückt zu erklären, direkt vom Politbüro getroffen. Anderen Mitgliedern seiner Untergrundorganisation wurde im Ermittlungsverfahren vorgeworfen, „sich unter dem Einfluss eines Geisteskranken zu befinden“ und sie selbst außergerichtlichen Repressionen ausgesetzt.

Am 17. Juli 1964 wurde Grigorenko auf Beschluss des Obersten Militärgerichtes der UdSSR zur Zwangsbehandlung in ein psychiatrisches Krankenhaus besonderen Typs in Leningrad eingewiesen und am 29. August per Ministerratsbeschluss auf den Rang eines einfachen Soldaten degradiert. Dies ließ erkennen, dass die Machthaber ihn nicht als psychisch Kranken, sondern als politischen Verbrecher behandelten. Während seiner Inhaftierung lernte er Alexei Dobrowolski kennen, der wegen konspirativer Tätigkeiten verurteilt worden war.

Kurz nach der Entmachtung Nikita Chruschtschows, der das hauptsächliche Ziel von Grigorenkos Kritik gewesen war, wurde er am 22. April 1965 als „geheilt“ aus dem Krankenhaus entlassen. Er arbeitete fortan als Wächter, Touristenführer, Belader und Meister in einer Baufirma.

Im Frühjahr 1966 machte ihn Alexej Dobrowolski mit Wladimir Bukowski bekannt, über den er in Moskauer Kreise von unabhängig denkenden Menschen gelangte. Grigorenko freundete sich mit dem Altbolschewiken Sergei Pisarew an, der erstmals das System der Strafpsychiatrie in der UdSSR offenlegte, sowie mit dem Schriftsteller Alexei Kosterin. Grigorenko erhielt von ihnen unabhängige Publikationen und schloss sich, nachdem er von den stalinistischen Repressionen gegen kleinere Völker erfahren hatte, dem Kampf der Krim-Tataren um die Rückkehr in ihre historische Heimat an.

Im Herbst 1967 schrieb er die historisch-publizistische Streitschrift „Das Verschweigen der historischen Wahrheit ist ein Verbrechen am Volk“ (Sokrytie istoričeskoj pravdy – prestuplenie pered narodom), in der er eine detaillierte Analyse der Ursachen für die Niederlagen der Roten Armee in der Anfangsphase des Zweiten Weltkrieges entwickelte und mit Stalin und den ihm unterstellten Militärführerern die direkten Schuldigen benannte. Grigorenkos Schrift wurde im Samisdat verbreitet, verschaffte ihm als Autor Popularität und machte ihn zu einer wichtigen Figur in der aufkommenden Dissidentenbewegung.

1967/68 war Grigorenko Mitinitiator und aktiver Teilnehmer an einer Kampagne, in der Petitionen für die Angeklagten im Prozess der Vier verfasst wurden. Er trat auch für die Verteidigung von Anatoli Martschenko, Irina Belogrodskaja und anderer ein. Gemeinsam mit Alexei Kosterin schrieb er im Februar 1968 einen Brief an das Präsidium des Beratungstreffens der kommunistischen und Arbeiterparteien in Budapest mit der Bitte, ihnen beiden als Vertreter der „kommunistischen Opposition“ in der Sowjetunion Rederecht einzuräumen. Nachdem ihr Schreiben ohne Antwort geblieben war, richteten sie einen Appell an die Kommunisten der Sowjetunion und anderer Länder, in dem sie den Stalinismus als „tödliche Krankheit des Kommunismus“ brandmarkten.

In der Zeit des Prager Frühlings unterstützte Grigorenko den demokratischen Wandel in der Tschechoslowakei, war einer der Verfasser eines offenen Briefes an die Mitglieder der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei und an das tschechoslowakische Volk, in dem er diesen zu den Veränderungen in ihrem Land gratulierte. Er schrieb auch einen persönlichen Brief an den tschechoslowakischen Parteichef Alexander Dubček mit Ratschlägen zur Verteidigung seines Landes für den Fall einer sowjetischen Invasion. Diesen Brief übermittelte er an die Botschaft der Tschechoslowakei in Moskau. Grigorenko setzte sich außerdem für die Teilnehmer der Demonstration der Sieben ein und forderte die Sowjetbürger auf, einen Rückzug der Truppen aus der Tschechoslowakei zu verlangen.

Ende 1968 schrieb Grigorenko den Aufsatz „Über psychiatrische Spezialkliniken (Irrenanstalten)“ (O special’nych psichiatričeskich bol’nicach/durdomach), der in das Buch „Mittag“ (Polden‘) von Natalia Gorbanewska aufgenommen wurde: „Die Struktur der Irrenhäuser, die völlige Rechtlosigkeit und das Fehlen einer realen Perspektive, die Freiheit wiederzuerlangen – auf diese furchtbaren Tatsachen trifft jeder, der in eine psychiatrische Spezialklinik eingewiesen wird. Wir müssen für eine vollständige Änderung des Begutachtungssystems und der Einsperrung von Patienten in psychiatrische Kliniken kämpfen, sowie darum, eine tatsächliche gesellschaftliche Kontrolle über die Bedingungen von Unterbringung und Behandlung der Patienten in diesen Krankenhäusern zu erreichen.“

Dmitrij Zubariew, Giennadij Kuzowkin
Aus dem Polnischen von Markus Pieper und Sonja Stankowski
Letzte Aktualisierung: 03/16