Alexander Solschenizyn

Alexander Solschenizyn, 1918–2008

Aleksandr Isaevič Solženicyn

Александр Исаевич Солженицын

Schriftsteller, Publizist und Vordenker der christlich-nationalen Bewegung. Autor von „Archipel Gulag“ und Mitverfasser des Essaybandes „Stimmen aus dem Untergrund“. Gründer des Hilfsfonds für politische Häftlinge und ihre Familien.

Solschenizyns Brief an die Führung wurde durchgehend als Manifest des „aufgeklärten Nationalismus“ verstanden, der früher nur einen Randbereich der dissidentischen Vorstellungswelt ausgemacht hatte und nun unerwartet einen hochgeachteten Dissidenten als Führungsfigur erhielt. Ludmila Aleksejewa: „Der Brief zog eine deutliche Grenze zwischen den Anhängern der russischen Nationalbewegung und den Verteidigern der Menschenrechte, denen mehrheitlich die Idee des demokratischen Rechtsstaats vorschwebt.“

Trotz gegenteiliger politischer Meinung verurteilten zahlreiche Dissidenten einhellig die Verhaftung und Abschiebung Solschenizyns. Schon am 13. Februar 1974 wurde ein Dokument veröffentlicht, das später als Moskauer Appell (Moskovskoe obraščenie) bekannt wurde. Neben selbstverständlichen, sich aus der Situation ergebenden Forderungen wie der Rückkehr Solschenizyns in die Sowjetunion, dem Ende der Repressionsmaßnahmen und der offiziellen Veröffentlichung von „Archipel Gulag“ forderten die Verfasser auch die Offenlegung von Akten, die eine vollständige Bewertung des sowjetischen Terrorapparates erlauben würden, sowie die Gründung eines internationalen Tribunals zur Erforschung der Verbrechen des Regimes. Dieser Appell war der erste Text von Dissidenten, in dem in Anlehnung an Solschenizyn offen erklärt wurde, dass Bürgerinitiativen notwendig seien, um die jüngste Geschichte aus dem Geflecht der Propagandalügen zu befreien und sie aufzuarbeiten. Derartigen Forderungen sollte einige Jahre später während der Perestroika eine grundlegende Rolle zukommen.

Außer den genannten Texten sind zwei weitere Initiativen Solschenizyns zu nennen, die vor dessen Abschiebung vorbereitet und erst nach seiner Emigration verwirklicht wurden: 1972/73 bereiteten Solschenizyn und einige Mitstreiter – der Mathematiker Igor Schafarewitsch, der Literaturkritiker Felix Swetow, der Kunsthistoriker Wadim Borisow und Jewgeni Barabanow – einen Essayband zu religiös-philosophischen und historisch-politischen Themen vor. Der Band mit dem Titel „Stimmen aus dem Untergrund“ stellte sich in die Tradition des Sammelbandes „Wegzeichen“ (Vechi) von 1909 und sollte zur geistigen Erneuerung der russischen Intelligenz beitragen. Er erschien 1974 in Paris und wurde zu einem wichtigen Manifest des christlich-orthodoxen nationalen Flügels der Dissidenten. Die Anthologie enthielt drei Texte von Solschenizyn: Den Artikel von 1969 mit dem Titel „Wenn Atmung und Bewusstsein zurückkehren“ (Na vozvratie dychanija i soznanija), den historisch-philosophischen Essay „Reue und Selbstbeschränkung als Kategorien des nationalen Lebens“ (Raskajanie i samoograničenie kak kategorii nacionalnoj žyzni) vom November 1973, in dem er vorschlug, die geschichtlichen Ereignisse einzelner Völker nach moralischen Kategorien zu beurteilen, sowie den Artikel „Gebildetenpack“ (Obrazovanščina) vom Januar 1974 über die russische Intelligenz, ihre Entartung und Verwandlung in eine seelenlose, feige und berechnende Masse.

Dieser letzte Artikel stand am deutlichsten in der Tradition der „Wegzeichen“ und stellte eine scharfe Kritik an den prowestlich orientierten Publizisten des Samisdat dar, vor allem an Grigori Pomeranz, Boris Schragin, Wladimir Kromer und Gerzen Kopylow, die ihre ganze Hoffnung auf die Intelligenz setzten. Solschenizyn zufolge würden sie lediglich für wirkungslose und risikofreie Formen des Widerstandes werben. Ihrer pädagogischen Mission fehle es an religiöser Fundierung. Selbst wenn sie sich auf die Religion bezögen, würden sie doch die Volksfrömmigkeit verachten und – wie alle Liberalen – das Volk von oben herab und mit Geringschätzung behandeln.

Die zweite Initiative Solschenizyns war die Einrichtung des Hilfsfonds für politische Häftlinge und ihre Familien und die Spende eines Teils der Honorare, die er für die Publikation des „Archipel Gulag“ im Ausland erhalten hatte. Im Winter 1973/74 traf sich Solschenizyn mit Alexander Ginsburg und bot ihm an, die Leitung des Fonds zu übernehmen, dessen Gründung im Frühjahr 1974 öffentlich bekannt gegeben wurde. Später beschränkte sich die persönliche Beteiligung Solschenizyns darauf, dass er die Einkünfte aus den Nachauflagen des „Archipel Gulag“ spendete. Der Hilfsfonds für politische Häftlinge und ihre Familien wurde zu einer der wirkungsvollsten dissidentischen Organisationen, für die Dutzende Personen tätig waren. Für viele Menschen in der Sowjetunion der 70er und 80er Jahre stand er nicht nur für konkrete materielle Hilfe, sondern auch für die Solidarität mit den Verfolgten. Hunderte Familien, die von politischen Repressionen betroffen waren, konnten seine Mittel in Anspruch nehmen.

Im Exil ließ sich Solschenizyn zunächst in der Schweiz nieder und ab 1976 dann im US-Bundesstaat Vermont. 1974–76 erschien der zweite und dritte Band von „Archipel Gulag“, eine Auswahl von Fragmenten aus „Das rote Rad“ unter dem Titel „Lenin in Zürich“ sowie die bereits vor seiner Abschiebung entstandenen, seine literarische Karriere beschreibenden Erinnerungen „Die Eiche und das Kalb“.

Solschenizyn setzte auch in den USA seine schriftstellerische Arbeit fort, beteiligte sich an den politischen und kulturellen Debatten in Exilzeitschriften, wobei er sich als Vertreter eines gemäßigten Nationalismus und als entschiedener Kritiker prowestlicher, liberaler Projekte der russischen Intelligenz profilierte, der die Rückkehr zu den vom Christentum definierten ewigen Wahrheiten befürwortete. Besonders entschieden kamen seine Ansichten in einer öffentlichen Debatte mit dem Philosophen und liberalen Dissidenten Grigori Pomeranz und dem Schriftsteller Andrei Sinjawski zum Ausdruck, als er unter anderem den programmatischen Artikel „Unsere Pluralisten“ (Naši pluralisty) verfasste. In seinen später herausgegebenen Erinnerungen „Zwischen zwei Mühlsteinen“ (Ugodilo sernyško promeš dvuch šernovov) widmete Solschenizyn dieser Diskussion viel Raum.

Während der Perestroika wurde begonnen, Solschenizyn auch in Russland zu verlegen. Im August 1990 bekam er die sowjetische Staatsbürgerschaft zurück und im September 1991 informierte ihn die Staatsanwaltschaft, dass das 1974 gegen ihn eröffnete Strafverfahren wegen Vaterlandsverrates eingestellt werde.

Im Mai 1994 kehrte Alexander Solschenizyn nach Russland zurück. Er flog nach Magadan und unternahm eine zweimonatige Zugreise von Wladiwostok nach Moskau, die er in den größeren Städten unterbrach, um sich mit den Menschen zu treffen. Die wichtigste politische Stellungnahme Solschenizyns in den 90er Jahren war der Artikel „Wie soll Russland wiederaufgebaut werden?“ (Kak nam obustroit Rossiju?) von 1990, der jedoch kaum Reaktionen hervorrief. Später trat Solschenizyn nicht mehr mit politischen Stellungnahmen in Erscheinung, traf sich jedoch mehrmals privat mit den russischen Präsidenten Boris Jelzin und Wladimir Putin.

Die Realität des postkommunistischen Russland bewertete Solschenizyn entschieden negativ. Seinen Standpunkt legte er 1998 in dem Buch „Russland am Abgrund“ (Rossija w obvale) dar. Im Dezember 1998 verweigerte er die Annahme der wichtigsten Auszeichnung Russlands, des Ordens des Heiligen Andrei, mit dem ihn der russische Präsident zu seinem 80. Geburtstag ehren wollte. Seine Entscheidung begründete er mit der katastrophalen Situation des Landes, für die er die politische Führung verantwortlich machte. Ab Mitte der 90er Jahre widmete Solschenizyn politischen Angelegenheiten immer weniger Aufmerksamkeit und konzentrierte sich auf sein literarisches Schaffen.

1997 wurde Solschenizyn Vollmitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften in der Sektion Literatur und Sprache. 2000/01 gab er mit „Zweihundert Jahre zusammen 1795–1995“ (Dvesti lat vmeste 1795–1995) ein Buch über die Geschichte der russisch-jüdischen Beziehungen heraus.

Alexander Solschenizyn starb 2008 in Moskau.

Alexander Daniel, Dmitrij Subarew, Nikolai Mitrochin
Aus dem Polnischen von Tim Bohse
Letzte Aktualisierung: 03/16