Alexander Solschenizyn

Alexander Solschenizyn, 1918–2008

Aleksandr Isaevič Solženicyn

Александр Исаевич Солженицын

Schriftsteller, Publizist und Vordenker der christlich-nationalen Bewegung. Autor von „Archipel Gulag“ und Mitverfasser des Essaybandes „Stimmen aus dem Untergrund“. Gründer des Hilfsfonds für politische Häftlinge und ihre Familien.

Die Idee für „Archipel Gulag“, den Solschenizyn als „Versuch einer literarischen Aufarbeitung“ bezeichnete, entstand noch während seiner Lagerhaft. Ab 1964 arbeitete er an seinem immensen Werk über das sowjetische Gefängnis- und Lagersystem, über die Geschichte des staatlichen Verfolgungsapparates und über den Terror, der von 1917 bis 1956 vom sowjetischen Regime ausgeübt worden war. Tausende Briefe, Erinnerungen und Dokumente, die er von ehemaligen Häftlingen der stalinistischen Lager und ihren Verwandten nach Veröffentlichung von „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ zwischen 1962 und 1964 erhalten hatte, bildeten einen weiteren Impuls für die Wahl des Themas. Bei der Verwirklichung halfen ihm Dutzende anonyme Freiwillige, die Materialien in Archiven und Bibliotheken sammelten, handschriftliche Briefe, Tagebücher und Erinnerungen übertrugen, zusammengetragene Informationen präzisierten und überprüften sowie Manuskriptseiten vervielfältigten und vor der Geheimpolizei versteckten. Trotz der großen Zahl an Mitarbeitern gelang es, das Vorhaben vor dem KGB geheim zu halten. 1967 war die Hauptarbeit abgeschlossen. Die drei Bände des „Archipel Gulag“, die zusammen etwa 2.000 Seiten umfassten, waren in Reinform niedergeschrieben. Ein Exemplar wurde in den Westen mit der Maßgabe gebracht, es nicht zu Lebzeiten des Verfassers ohne seine ausdrückliche Genehmigung zu veröffentlichen, die anderen Exemplare wurden im Land versteckt.

Nach der Konfiszierung des Exemplares, das Jelisaweta Woronjanskaja aufbewahrt hatte, gab Solschenizyn die Anweisung zum Druck des Buches, die er mit folgendem kurzen Kommentar versah: „Schweren Herzens hielt ich die Veröffentlichung des bereits fertigen Textes zurück. Die Verpflichtung gegenüber den Lebenden war wichtiger als die Verpflichtungen gegenüber jenen, die gestorben sind. Aber jetzt, wo die Sicherheitsorgane das Buch ohnehin an sich gerissen haben, bleibt mir nichts anderes, als es umgehend zu veröffentlichen.“

Im Dezember 1973 erschien der erste Band von „Archipel Gulag“ im Pariser Verlag YMCA-Press. Dank der Sendungen westlicher Rundfunkanstalten wurde das Buch auch in der Sowjetunion für Hörer zugänglich, wo es einen überwältigenden Eindruck hinterließ und auch jene erschütterte, die selbst Verfolgungen ausgesetzt gewesen waren.

„Archipel Gulag“ war der wichtigste Versuch, die Grundlage für ein neues nationales Geschichtsbewusstsein zu legen und dem offiziellen Geschichtsbild, das auf Verschweigen und Unwahrheit beruhte, eine Alternative entgegenzusetzen. Diese neue Geschichtsschreibung entstand aus der Verbindung zweier voneinander getrennter Strömungen der Erinnerung an den Terror: aus der unmittelbaren persönlichen Erfahrung der Zeugen und Opfer sowie aus der kritischen Interpretation bisher verschwiegener historischer Tatsachen, die Ende der 50er bis Anfang der 60er Jahre in zahlreichen Texten des Samisdat stattgefunden hatte. Beide Aspekte verband Solschenizyn mit Hilfe von emotionalen und gleichzeitig sorgfältig durchdachten literarischen Kommentaren.

Den umfassenden Einblick in die jüngste Geschichte, den die Leser unabhängig von ihrer Meinung zu den ideologischen Überzeugungen oder geschichtsphilosophischen Ansichten Solschenizyns gewannen, war entscheidend für den tiefen Eindruck, den „Archipel Gulag“ in der Sowjetunion hinterließ. Die Tatsache, dass Mitte der 70er Jahre der Mythos von der heroischen Vergangenheit die abgenutzte marxistische Ideologie verdrängt hatte und praktisch zur einzigen Legitimationsquelle des Regimes geworden war, verstärkte diesen Eindruck noch.

Bis in die letzten Jahre der Perestroika hinein war „Archipel Gulag“ einer der begehrtesten Texte des Samisdat, dessen Besitz auch am strengsten bestraft wurde. Wurde das Buch bei einer Hausdurchsuchung beschlagnahmt, drohte für die Lektüre oder Aufbewahrung der Verlust des Arbeitsplatzes oder die Relegation von der Hochschule und für dessen Verbreitung oder Vervielfältigung sogar Verhaftung und ein Gerichtsprozess. Ungeachtet dessen wurden Exemplare ausländischer Auflagen in die UdSSR eingeschmuggelt und vor Ort hundertfach fotografisch vervielfältigt oder auf Schreibmaschinen abgetippt. 1974 und 1975 ließ Swiad Gamsachurdia in Georgien den „Archipel Gulag“ illegal drucken, was in der Geschichte des Samisdat einmalig war.

„Archipel Gulag“ wurde in viele Sprachen übersetzt und war damit ein Buch mit den höchsten Auflagenzahlen. In der westlichen Welt, wo der Kommunismus als Weltanschauung in seiner ursprünglichen Form weiterhin lebendig war, hinterließ das Buch als glaubwürdiges Zeugnis und unbestreitbarer Beweis für den Preis und die Folgen des kommunistischen Experiments einen schockierenden Eindruck. Die russische Abkürzung „Gulag“ für „Hauptverwaltung der Lager“ (Glavnoe upravlenie lagerej) wurde zum feststehenden Begriff und ging neben Bezeichnungen wie „Auschwitz“ oder „Hiroshima“ in den internationalen Wortschatz als ein Synonym für politisch verursachte humanitäre Katastrophen ein.

Kurz nach Veröffentlichung des ersten Bandes begann im Januar 1974 eine erneute Pressekampagne gegen Solschenizyn. Er wurde als Verräter, Judas und sogar als „Wlassow-Soldat der Literatur“ beschimpft; die Zeitungen druckten „Briefe von Arbeitern“ ab, in denen die Bestrafung des Verräters verlangt wurde.

Am 7. Februar 1974 fiel auf der Sitzung des Politbüros der KPdSU die Entscheidung über das weitere Schicksal Solschenizyns. Das offizielle Protokoll vermerkte zunächst noch, er solle „nur“ strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. Fünf Tage später holte man Solschenizyn dann tatsächlich gewaltsam aus seiner Moskauer Wohnung, sperrte ihn ins Lefortowo-Gefängnis und klagte ihn nach Artikel 58, Paragraf 1 Strafgesetzbuch der RSFSR wegen Vaterlandsverrats an. Auf Beschluss des Präsidiums des Obersten Sowjets wurde Solschenizyn dann jedoch die sowjetische Staatsbürgerschaft entzogen und er wurde des Landes verwiesen. Am 13. Februar 1974 schob man ihn im Flugzeug nach Westdeutschland ab. Ende März reiste auch seine Frau zusammen mit den gemeinsamen Kindern aus. Ihr gelang es, einen Großteil der literarischen Materialsammlung ihres Mannes mitzunehmen. Die sowjetische Zensur wies nicht nur an, alle Bücher Solschenizyns aus den Bibliotheken zu entfernen, sondern auch diejenigen Ausgaben von Zeitschriften, in denen seine Werke veröffentlicht worden waren.

Für den Fall seiner Verhaftung oder Abschiebung hatte Solschenizyn bereits zuvor mehrere Erklärungen vorbereitet. Am Tag seiner Verhaftung gab er bekannt, dass er jedes Gerichtsurteil über Literatur für illegitim erachte und eine Bestrafung nicht akzeptiere. Ein zweiter Text enthielt seine berühmte Losung „Leben ohne Lüge!“ (Žyt‘ nie po lžy!), die eine immense Bedeutung für die Bewusstseinsbildung der sowjetischen Intelligenz hatte. Solschenizyn entwickelte darin eine besondere Strategie des zivilen Ungehorsams, die sowohl den Boykott der verlogenen Zwangsrituale auf Versammlungen, Kundgebungen und Demonstrationen als auch eine Ermutigung zur Verfassung unzensierter Bücher und Artikel enthielt. Diese dem Anschein nach moderaten Forderungen liefen im Wesentlichen darauf hinaus, die Gesellschaft zu ermutigen, sich zahlreichen Regeln des Regimes zu widersetzen. Als Beweis dafür, dass ein Leben ohne Lüge möglich ist, zählte Solschenizyn Beispiele widerständigen Verhaltens sowjetischer Dissidenten und die Entwicklung in der tschechoslowakischen Gesellschaft auf.

Solschenizyns Losung von einem Leben ohne Lüge blieb für viele Jahre in der liberalen sowjetischen Intelligenz populär. Auch wenn sie nicht als Anleitung zum konkreten Handeln taugte, diente sie doch zumindest als Erklärung für das Phänomen der Dissidentenbewegung. Unter den Oppositionellen wurde Solschenizyns Losung aber auch zurückhaltend aufgenommen, da es ihnen fremd war, andere zu etwas aufzurufen. Einige Dissidenten, die Solschenizyn nahe standen, unterstützen jedoch seinen Appell und entwickelten dessen Programmatik weiter. Igor Schafarewitsch beispielsweise versuchte, die Idee eines Lebens ohne Lüge in dem Artikel „Hat Russland eine Zukunft?“ (Jest li u Rossii buduščee?) weiterzuentwickeln und gab im Samisdat unter dem Titel „Leben ohne Lüge“ eine Textsammlung mit Protesterklärungen gegen die Ausweisung Solschenizyns heraus.

Ein dritter Text Solschenizyns jener Zeit war der bereits erwähnte Brief an die Führung der Sowjetunion, der auch ein Programm für politische und soziale Reformen enthielt. Das Dokument war im September 1973 an die Staatsführung versandt und vorerst nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Solschenizyn rief darin die politische Führung der UdSSR auf, ihr Monopol über die kommunistische Staatsideologie aufzugeben, zuzustimmen, dass sich die Mehrzahl der „peripheren Völker“ von der UdSSR löse und die Umwandlung Russlands in einen Nationalstaat voranzutreiben. Außerdem forderte er, auf die umfassenden Industrialisierungspläne und den Ausbau der großen Städte zugunsten der „Erneuerung des Volkes“ durch freie Landarbeit zu verzichten. Die Entwicklung des Nordostens und die Erschließung von schwach entwickelten Gebieten Sibiriens stellte Solschenizyn als ein besonderes nationales Projekt für Russland heraus. Im Austausch für die Garantie bürgerlicher Freiheiten schlug er vor, dass die politische Macht auf unbegrenzte Zeit in den Händen der „Sowjetführung“ verbleiben solle. Da Russland seiner Meinung nach für eine Demokratie nicht bereit sei, solle die kommunistische Diktatur durch einen gemäßigten Autoritarismus ersetzt werden. Dieses letzte Argument führte zu großen Kontroversen in der Opposition. Die national eingestellten Dissidenten überzeugte weniger die Taktik der Argumentation als vielmehr die Tatsache, dass ihr Misstrauen und ihre Skepsis gegenüber dem westlichen Demokratiemodell indirekt zum Ausdruck gebracht wurde. Prowestlich orientierte Oppositionelle waren hingegen von Solschenizyn enttäuscht.

Alexander Daniel, Dmitrij Subarew, Nikolai Mitrochin
Aus dem Polnischen von Tim Bohse
Letzte Aktualisierung: 03/16