Alexander Solschenizyn

Alexander Solschenizyn, 1918–2008

Aleksandr Isaevič Solženicyn

Александр Исаевич Солженицын

Schriftsteller, Publizist und Vordenker der christlich-nationalen Bewegung. Autor von „Archipel Gulag“ und Mitverfasser des Essaybandes „Stimmen aus dem Untergrund“. Gründer des Hilfsfonds für politische Häftlinge und ihre Familien.

1966 las Solschenizyn in Moskau mehrmals öffentlich Auszüge aus seinen Werken und sprach über die Verfolgung, der er ausgesetzt war.

Im Mai 1967 verfasste er einen offenen Brief an den IV. Schriftstellerkongress der UdSSR, der als Brief Alexander Solschenizyns zur Zensur bekannt wurde. Darin rief er zu einer ehrlichen Diskussion über die Willkür der Zensur auf und warf der Leitung des Schriftstellerverbandes vor, dass sie sich, statt Mitglieder vor politischer Verfolgung zu schützen, an Verleumdungskampagnen beteiligen würde. Der Brief fand im Samisdat Verbreitung und wurde im Ausland veröffentlicht. 80 Schriftsteller unterstützten Solschenizyn mit einem gemeinsamen Brief, viele solidarisierten sich mit ihm in privaten Schreiben und Telegrammen wie etwa Georgi Wladimow, Wenjamin Kawerin, Wladimir Kornilow, Wladimir Wojnowitsch, Feliks Swetow, Aleksei Kosterin und Wiktor Konezki. Mit der Verbreitung seines Briefes über die Zensur wurde der Name Solschenizyn zum Symbol des offenen gesellschaftlichen Widerstandes gegen das Regime.

Zur gleichen Zeit erschienen „Krebsstation“ und „Der erste Kreis“ im Samisdat. Trotz des großen Umfangs der Romane, der die Vervielfältigung erschwerte, erlangten sie eine außergewöhnliche Popularität. Um an die mit Schreibmaschinen angefertigten Kopien beider Bücher zu gelangen, musste man lange warten. In intellektuellen Kreisen borgte man sich die Bücher gegenseitig, um sie in einem Zuge über Nacht durchzulesen. Einander fast fremde Menschen schlossen sich zu Gruppen zusammen, um die Bücher gemeinsam zu lesen, indem die gelesenen Blätter von Hand zu Hand weitergereicht wurden.

Im Sommer 1968 wurde Solschenizyn mit einem Artikel vom 26. Juli 1968 in der „Literaturnaja Gazeta“ erstmals in der sowjetischen Presse angegriffen. Er wurde vor allem für seinen Brief an den Schriftstellerkongress kritisiert und dazu aufgefordert, sich von dem „Aufruhr“ zu distanzieren, den „antisowjetische Kreise“ im Westen in seinem Namen anzettelten. Als Reaktion darauf erschien im Samisdat der Artikel „Die Verantwortlichkeit des Schriftstellers und die Unverantwortlichkeit der ‚Literaturnaja Gazeta‘“ (Otvetstvennost‘ pisatelja i bezotvetstvennost‘ Literaturnoj gazety) von Lidija Tschukowskaja.

In der „Literaturnaja Gazeta“ erschien daraufhin eine Erklärung Solschenizyns gegen die unautorisierte Veröffentlichung seiner Werke im Ausland. Dies war das letzte Zugeständnis, das der Staat ihm noch abringen konnte. Als Reaktion auf die endgültige Absage, „Krebsstation“ zu veröffentlichen, erteilte Solschenizyn noch im selben Jahr die Genehmigung, beide Romane im Ausland herauszugeben.

Im November 1969 schloss man Alexander Solschenizyn aus dem Schriftstellerverband aus. Er reagierte darauf mit einem offenen Brief an das Sekretariat des Schriftstellerverbandes der UdSSR, in dem er die Adressaten als „Blindenführer ohne Sehvermögen“ ansprach, die den Kontakt zur Wirklichkeit vollständig verloren hätten. Er erinnerte an frühere Verleumdungskampagnen gegen Anna Achmatowa und Boris Pasternak sowie an aktuelle gegen Lew Kopelew und Lidija Tschukowskaja und warf den Literaturfunktionären vor, überall nur Feinde zu sehen. Solschenizyn führte weiter aus, dass die sowjetische Gesellschaft „schwer krank“ sei und nur eine „ehrliche und umfassende Transparenz“ zu ihrer Gesundung beitragen könne.

Am 8. Oktober 1970 erhielt Alexander Solschenizyn den Literaturnobelpreis. Er wurde mit der Auszeichnung für die „moralische Kraft“ gewürdigt, „mit der er die lebendige Tradition der russischen Literatur fortführt“. Die Preisverleihung rief eine Verleumdungskampagne gegen ihn in der sowjetischen Presse hervor. Solschenizyn reiste nicht zur Verleihungszeremonie nach Stockholm und begründete diese Entscheidung mit seiner Befürchtung, dass er während des Auslandsaufenthaltes seine Staatsbürgerschaft verlieren und nicht mehr in die Heimat zurückkehren könne. In einem zu den Feierlichkeiten der Preisverleihung gesandten Telegramm machte er auf die politischen Häftlinge in der Sowjetunion aufmerksam, die zur Verteidigung ihrer Freiheiten in den Hungerstreik getreten waren. Eineinhalb Jahre lang bemühte sich Solschenizyn darum, den Preis in Moskau entgegenzunehmen, aber die Behörden durchkreuzten im April 1972 endgültig diesen Plan, indem sie dem Vertreter der Schwedischen Akademie der Wissenschaften die Einreise in die UdSSR verweigerten.

Im Sommer 1971 veröffentlichte der Pariser Verlag YMCA-Press Solschenizyns neues Buch „August 1914“ (Avgust četyrnadcatogo), den ersten Band des Romanzyklus „Das rote Rad“ über den Krieg und die russische Revolution. Fortan widmete sich Solschenizyn hauptsächlich der Arbeit an diesem Epos, das er als seine Lebensaufgabe betrachtete.

Dieses Werk und der Einsatz Solschenizyns in der Öffentlichkeit spielten eine wichtige Rolle für die Entstehung der sowjetischen Dissidentenbewegung, obwohl sich Solschenizyn selbst fast nie an Gruppen und oppositionellen Vereinigungen beteiligte und es bevorzugte, allein zu agieren. Eine Ausnahme war seine Mitgliedschaft im Komitee für Menschenrechte in der UdSSR (Komitet prav čeloveka w SSSR) ab Dezember 1970, über die er später jedoch öffentlich sein Bedauern äußerte. Ungeachtet dessen pflegte er Kontakte zu bekannten Dissidenten. Mitte der 60er Jahre lernte er die Brüder Schores und Roi Medwedew kennen. Solschenizyn teilte deren Antistalinismus und unterschrieb im Juni 1970 einen offenen Protestbrief für Schores Medwedew, der in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen worden war. Mitte der 70er Jahre führten Meinungsunterschiede mit den Medwedew-Brüdern, die oppositionelle Kommunisten waren, zu einer deutlichen Abkühlung der Beziehung und zu scharfen polemischen Auseinandersetzungen mit ihnen. Solschenizyn traf sich auch mit Pjotr Grigorenko, hatte jedoch zu dessen Engagement für die Menschenrechte ein ambivalentes Verhältnis. An Andrei Sacharow schrieb er einen Brief, in dem er auf dessen politischen Essay „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“ (Razmyšlenia o progresse, mirnom sosuščestvovanii i intelekualnoj svobode) Bezug nahm. Er schätzte diese freie, öffentliche Stellungnahme sehr, kritisierte Sacharow aber dafür, dass er nicht entschieden genug mit der sozialistischen Ideologie gebrochen habe. Die im Memorandum entwickelte Idee einer Konvergenz von Kommunismus und Kapitalismus bezeichnete Solschenizyn als utopisch. Der Appell von Roi Medwedew, Andrei Sacharow und Walentin Turtschin „An die Führer von Partei und Regierung“ (K rukovoditeljam partii i pravitel‘stva), in dem diese für gemäßigte liberal-demokratische Reformen von oben plädierten, rief noch stärkeren Widerspruch Solschenizyns hervor.

Sein Essayband „Stimmen aus dem Untergrund“ (Iz-pod glyb) war eine polemische Entgegnung auf Andrei Sacharows Memorandum „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“. In seinem Buch „Die Eiche und das Kalb“ schrieb Solschenizyn außerdem, Sacharow seien einige seiner Äußerungen und Aktivitäten von Liberalen innerhalb der Menschenrechtsbewegung aufgezwungen worden, allen voran von Waleri Tschalidse. Es kann davon ausgegangen werden, dass Solschenizyns „Brief an die sowjetische Führung“ (Pismo voždjam Sovetskogo Sojuza), in dem er seine politischen Vorstellungen darlegte, eine Alternative zum Appell von Roi Medwedew, Andrei Sacharow und Walentin Turtschin sein sollte. Später kam es zwischen Solschenizyn und Andrei Sacharow zu einem heftigen Streit. Solschenizyn kritisierte Andrei Sacharow dafür, dass er dem Recht auf Auswanderung unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit schenke, obwohl es seiner Meinung nach eine zweitrangige Bedeutung für die Zukunft Russlands besitze. Bis Mitte der 70er Jahre hielt sich Solschenizyn jedoch mit direkter öffentlicher Kritik an Andrei Sacharow und anderen Publizisten der liberal-demokratischen Strömung und der Menschenrechtsbewegung zurück. Über einige Initiativen der Menschenrechtsbewegung, vor allem über die „Chronik der laufenden Ereignisse“, äußerte er sich sogar anerkennend.

Im August 1973 begann in der sowjetischen Presse eine neue Hetzkampagne gegen Solschenizyn und Andrei Sacharow. Im Artikel „Die Welt und die Gewalt“ (Mir i nasilie), der eine Ergänzung seines Nobelpreisvortrages war, schlug er Andrei Sacharow für den Friedensnobelpreis vor, mit dem dieser im Oktober 1975 tatsächlich ausgezeichnet wurde.

Am 4. August 1973 wurde die Sekretärin Jelisaweta Woronjanskaja vom Leningrader KGB zur Vernehmung abgeführt. Solschenizyn hatte ihr über einen Bekannten, den Literaturwissenschaftler Efim Etkin, einige Manuskripte zum Abschreiben gegeben. Nach fünf Tagen intensiver Verhöre gab die 67-Jährige schließlich die Adresse des Hauses preis, in dem die Kopien der Manuskripte aufbewahrt wurden. Trotz Solschenizyns Warnung hatte sie auch jeweils ein Exemplar für sich selbst behalten. Am 23. August beging Jelisaweta Woronjanskaja Selbstmord. In der angegebenen Wohnung wurde eine Hausdurchsuchung vorgenommen und das am besten versteckte Buchmanuskript Solschenizyns fiel in die Hände der Sicherheitsorgane: der „Archipel Gulag“.

Alexander Daniel, Dmitrij Subarew, Nikolai Mitrochin
Aus dem Polnischen von Tim Bohse
Letzte Aktualisierung: 03/16