Historiker, Publizist. Teilnehmer an den Treffen des Klubs des Krummen Kreises, langjähriger Mitarbeiter von Radio Freies Europa und des „Tygodnik Powszechny“; Mitbegründer und Dozent der Gesellschaft für Wissenschaftliche Kurse, Gründungsmitglied des Komitees zur Verteidigung von aus Gewissensgründen Inhaftierten bei der Landesverständigungskommission der Solidarność, Mitglied des gesellschaftlichen Rates für Volkswirtschaft, Mitautor der „Erklärung der 62“ anlässlich des Papstbesuches in Polen, Pseudonyme: „Jan Kowalski“, „Z. Z. Z.“; nach dem Ende des Kommunismus Publizist, Botschafter und zweimaliger polnischer Außenminister.

Władysław Bartoszewski wurde 1922 in Warschau geboren, sein Vater war Bankbeamter, seine Mutter kam aus einer Familie, die zur Zeit der Polnischen Teilungen in der Unabhängigkeitsbewegung engagiert war. Nach dem deutschen Überfall auf Polen nahm Bartoszewski im September 1939 als Sanitäter an der zivilen Verteidigung Warschaus teil. Am 19. September wurde er von den Deutschen inhaftiert und kam in das Konzentrationslager Auschwitz. Dank der Bemühungen des Polnischen Roten Kreuzes, dessen Mitarbeiter er war, wurde er am 8. April 1941 gemeinsam mit einigen anderen Personen freigelassen.

Von Herbst 1941 bis ins Jahr 1944 studierte er an der Warschauer Universität im Untergrund polnische Philologie. 1942 trat er der katholischen konspirativen „Front der Wiederauferstehung Polens“ bei. Im August wurde er als Soldat der Heimatarmee (Armia Krajowa; AK) vereidigt und nahm die Arbeit im Büro für Information und Propaganda des Hauptstabes auf. Von Ende 1942 bis 1944 arbeitete er in der Innenabteilung der Warschauer Vertretung der Polnischen Exilregierung, wo er sich für Inhaftierte des berüchtigten Pawiak-Gefängnisses und der Dokumentation deutscher Verbrechen an Polen und Juden befasste.

Ab 1942 war Bartoszewski Mitglied des Provisorischen Hilfskomitees für Juden und anschließend von „Żegota“, dem Rat für die Unterstützung der Juden (1966 wurde er dafür als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet). Im Jahre 1943 wurde er stellvertretender Leiter des Judenreferates in der Innenabteilung der inländischen Vertretung der Exilregierung. Vom 1. August bis 2. Oktober nahm er am Warschauer Aufstand teil und wurde mit dem Tapferkeitskreuz ausgezeichnet. In der Zeit der Okkupation war er Redakteur zahlreicher Zeitschriften: „Prawda Młodych“ (Wahrheit der Jugend), „Tygodniowe Sprawozdanie Prasowe“ (Wöchentliche Presseerklärungen), „Wiadomości z Miasta i Wiadomości Radiowych“ (Nachrichten aus Stadt und Rundfunk) und anderen.

Bis zum Oktober 1945 blieb Bartoszewski in der Konspiration: Er arbeitete als Sekretär des „Biuletyn Informacyjny“ (Informationsbulletin) des Hauptstabes der Heimatarmee, gehörte der antikommunistischen Organisation „NIE“ (Nein) und anschließend der Vertretung der Bewaffneter Kräfte der Exilregierung innerhalb Polens an. Im Herbst des Jahres begann er seine Arbeit am Institut für Nationales Gedenken und Hauptkommission zur Untersuchung der deutschen Verbrechen in Polen. Anfang 1946 wurde er Mitglied der Bauernpartei PSL (Polskie Stronnictwo Ludowe), die sich der Sowjetisierung des Landes widersetzte, sowie Redaktionsmitglied ihres Organs „Gazeta Ludowa“ (Volkszeitung).

Für seine Beteiligung an konspirativen Aktivitäten nach Kriegsende und für seine Arbeit in der „Volkszeitung“ wurde Bartoszewski vom 15. November 1946 bis 10. April 1948 und anschließend noch einmal ab 14. Dezember 1949 inhaftiert. Am 29. Mai 1952 verurteilte man ihn für angebliche „Spionage“ zu acht Jahren Gefängnis, die er in Haftanstalten in der Warschauer Rakowiecki-Straße sowie in Rawicz und Racibórz absaß. Am 16. August 1954 wurde er vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen, im März 1955 erkannte das Oberste Militärgericht an, dass er zu Unrecht angeklagt und inhaftiert gewesen war.

Nach seiner Haftentlassung arbeitete er als Verlagsredakteur im Polnischen Bibliotheksverband, 1957–60 als Redakteur und dann als Redaktionssekretär der Wochenzeitschrift „Stolica (Hauptstadt), wo er zum Zweiten Weltkrieg und dem Warschauer Aufstand publizierte.

Seit Anfang der 60er Jahren unterhielt Bartoszewski Kontakte zu deutschen Jugendlichen von „Pax Christi“, die nach Polen reisten, um „durch Geist und Tat an der Versöhnung der Nationen mitzuwirken“. In dieser Zeit nahm er auch Kontakt mit der österreichischen katholischen Zeitschrift „Die Furche“ auf. 1967 gab er (gemeinsam mit Zofia Lewinówna) das Buch „Er ist aus meiner Heimat. Polen, die Juden helfen 1939–1945“ (Ten jest z ojczyzny mojej. Polacy z pomocą Żydom 1939–1945) heraus. Die Arbeit erhielt den Preis von Radio Freies Europa „für das beste Sachbuch des Landes“.

Mit Kreisen der späteren demokratischen Opposition kam er in der Redaktion des „Tygodnik Powszechny“ (Allgemeines Wochenblatt) zusammen, mit dem er ab 1957 zusammenarbeitete, sowie im Klub des Krummen Kreises (Klub Krzywego Koła; KKK). 1963 begann seine Zusammenarbeit mit Radio Freies Europa – vor allem mit Jan Nowak-Jeziorański und Tadeusz Żenczykowski – und er schrieb für dessen Zeitung „Na Antenie“ (Auf Sendung). Im März 1964 half Bartoszewski mit, den Brief der 34 zu verteilen. Wegen seiner Arbeit für Radio Freies Europa wurde seine Wohnung am 1. Oktober 1970 durchsucht, im Dezember erhielt er die Anklage der Staatsanwaltschaft, „zum Schaden der Volksrepublik Polen mit den staatsfeindlichen Kräften von Radio Freies Europa zusammenzuarbeiten“. Es kam zwar zu keinem Prozess, aber Bartoszewski wurde für einige Jahre mit Publikationsverbot belegt.

Bartoszewski führte 1974/75 in Warschau (unter anderem im Hause von Jan Józef Lipski) private Seminare und ein Konversatorium durch, welches der neuesten polnischen Geschichte gewidmet war. 1973–81 hielt er Vorlesungen an der Katholischen Universität Lublin, wo er zur moralischen und intellektuellen Autorität eines Kreises von Geschichtsstudenten wurde, die ab 1977 begannen, die unabhängige Monatsschrift „Spotkania“ (Begegnungen) herauszugeben.

1974 war er Mitautor des an den Polnischen Staatsrat gerichteten Begnadigungsgesuchs für Andrzej Czuma und seinen Bruder Benedykt, die für ihre Beteiligung an der antikommunistischen Organisation Ruch (Bewegung) verurteilt worden waren. Er gehörte im Januar 1976 zu den Mitautoren des Briefes der 14 und war Unterzeichner des Briefes der 101 an das polnische Parlament (Sejm), in denen gegen geplante Verfassungsänderungen protestiert wurde. Im Januar 1977 unterschrieb er einen der Briefe zur Verteidigung der verfolgten Arbeiter von Radom und Ursus (Juni 1976 ). Nach 1976 wirkte Bartoszewski an mehreren Texten mit, die von der Polnischen Unabhängigkeitsallianz (Polskie Porozumienie Niepodległościowe; PPN) im Untergrund herausgegeben wurden (zum Beispiel „Polen und Juden“/Polacy–Żydzi). Er unterschrieb außerdem den Brief des Vorstandes des polnischen P. E. N.-Clubs vom 31. Januar 1978 an den Ministerpräsidenten, in dem die Begrenzung der Zensur auf ein nur durch staatliche Sicherheitsinteressen begründetes Minimum gefordert wurde.

Bartoszewski wurde am 22. Januar 1978 Mitbegründer der Gesellschaft für Wissenschaftliche Kurse (Towarzystwo Kursów Naukowych; TKN). In der mit ihr verbundenen Fliegenden Universität hielt er 1978/79 Vorlesungen über die Geschichte des Zweiten Weltkrieges und der polnisch-jüdischen Beziehungen, die 1980 vom Unabhängigen Verlagshaus NOWA (Niezależna Oficyna Wydawnicza NOWA) unter dem Titel „Der polnische Untergrundstaat 1939–1945“ (Polskie Państwo Podziemne 1939–1945) veröffentlicht wurden. Als einziger Dozent der Fliegenden Universität wurde er im Herbst 1979 von einem Schnellgericht zu einer Geldstrafe verurteilt. Während der „Wochen der christlichen Kultur“ hielt er Vorträge in den Kirchen des ganzen Landes. Er war einer der Unterzeichner, des von der Gesellschaft für Wissenschaftliche Kurse herausgegebenen „Offenen Briefes an die Lehrer und Erzieher“ (List otwarty do nauczycieli i wychowawców) vom 14. Juni 1980, der die Gefährdungen der Jugend durch die staatliche Erziehungspolitik thematisierte.

Marek Kunicki-Goldfinger
Aus dem Polnischen von Markus Pieper und Wolfgang Templin
Letzte Aktualisierung: 08/15