Jurist, katholischer Publizist, Politiker; langjähriges Mitglied des Warschauer Klubs der Katholischen Intelligenz und Chefredakteur der Monatsschrift „Więź“; 1961–72 Parlamentsabgeordneter für die Gruppe „Znak“, ab 1978 Mitglied der Gesellschaft für Wissenschaftliche Kurse, 1980 Vorsitzender des Expertenausschusses des Überbetrieblichen Streikkomitees in der Danziger Lenin-Werft, anschließend Berater Lech Wałęsas und des Landeskoordinierungsausschusses, ab 1981 Berater des Landesausschusses der Solidarność, 1981 und 1989 Chefredakteur des „Tygodnik Solidarność“, ab 1988 Mitarbeit im Bürgerkomitee beim Vorsitzenden der Solidarność; 1989 erster nichtkommunistischer Regierungschef im Ostblock.

Tadeusz Mazowiecki wurde 1927 in Płock geboren. Er studierte Jura an der Universität Warschau. 1949–51 engagierte er sich für die Wochenzeitschrift „Dziś i jutro“. Diese war von katholischen Aktivisten um Bolesław Piasecki gegründet worden, die einen Modus vivendi mit den Kommunisten suchten. 1950–52 war er stellvertretender Chefredakteur der von der gleichen Gruppe herausgegebenen Tageszeitung „Słowo Powszechne“ und wurde dann auch Mitglied der 1952 von Piasecki gegründeten katholischen Vereinigung PAX. 1953–55 arbeitete er als Chefredakteur der Breslauer katholischen Wochenzeitung „Wrocławski Tygodnik Katolicki“. 1955 trat er gemeinsam mit einer Gruppe junger Leute, die wie er mit der politischen Linie Piaseckis nicht einverstanden waren, aus der Vereinigung PAX aus.

1956 gehörte Mazowiecki zu den Gründern des Gesamtpolnischen Klubs der Fortschrittlichen Katholischen Intelligenz (Ogólnopolski Klub Postępowej Inteligencji Katolickiej), in dem er auch einer der Sekretäre war. 1957–63 war er Vorstandsmitglied des Warschauer Klubs der Katholischen Intelligenz (Klub Inteligencji Katolickiej; KIK).

Mazowiecki zielte in seinen Aktivitäten nicht so sehr darauf, fundamentalen Widerstand gegen das Regime zu leisten, sondern wollte das System vielmehr menschlicher gestalten und setzte sich für die Achtung der Menschenrechte ein. 1978 führte er im Warschauer Klub der Katholischen Intelligenz aus, dass es in der politischen Wirklichkeit Volkspolens einen gleitenden Übergangsbereich zwischen dissidentischem und offiziellem Handeln gebe. Die Staatsmacht trachte jedoch danach, Gruppen, die Forderungen stellten, grundsätzlich als Opposition zu behandeln. Deshalb gelte es, so Mazowiecki, diesen Übergangsbereich zu verteidigen.

Diesem Übergangsbereich war die Bewegung Znak (Zeichen) zuzurechnen, in der Mazowiecki von Anfang an eine bedeutsame Rolle spielte. Von 1958 an leitete er 23 Jahre lang eine der wichtigsten Einrichtungen der Znak-Bewegung, die Warschauer Monatsschrift „Więź“. Hinter dieser Zeitschrift stand ein Kreis von jungen katholischen Publizisten, die vor 1956 mit der Vereinigung PAX liiert gewesen waren, sich dann jedoch radikal von deren Ideologie und politischen Vorstellungen abgewandt hatten.

1961 zog Mazowiecki als einer von fünf Abgeordneten der Znak-Gruppe in das polnische Parlament (Sejm) ein. Er war Mitinitiator zahlreicher parlamentarischer Anfragen, so unter anderem am 11. März 1968, als die Znak-Abgeordneten sich für die Studenten einsetzten, die wegen ihrer Teilnahme an den Ereignissen im März 1968 Repressionen ausgesetzt waren.

Als Redakteur der Zeitschrift „Więź“ suchte Mazowiecki den Dialog mit humanistisch orientierten Marxisten. Er gehörte auch zu denjenigen, die den deutsch-polnischen Dialog anstießen mit dem Ziel der Versöhnung auf Grundlage der Anerkennung der Grenze an Oder und Neiße und des Bekenntnisses zu gemeinsamen europäischen und christlichen Werten. Nach den Ereignissen im März 1968 druckte er in „Więź“ Texte von Personen, die in der offiziellen Presse nicht mehr publizieren durften.

Unmittelbar nach den Arbeiterprotesten im Dezember 1970 begab sich Mazowiecki nach Danzig, um sich ein genaues Bild von Ablauf und Zahl der Opfer zu machen. Er forderte die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses, um die Umstände der Ereignisse zu klären. In „Więź“ forderte er Systemreformen, die Ermöglichung einer freien Diskussion, die Anerkennung der Autonomie von Wissenschaft und Kultur sowie die Schaffung „einer effizienten Arbeitervertretung“. Wiedergewonnen werden müssten das gesellschaftliche Bewusstsein einer gemeinsamen Verantwortung für das Land und die authentische Teilnahme am öffentlichen Leben. Die Reaktion der Staatsmacht auf diese Einlassungen war die Streichung Mazowieckis von der Kandidatenliste für die Parlamentswahl 1972.

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Streik in der Danziger Lenin-Werft: Angehörige der Arbeiter versammeln sich vor den Toren des bestreikten Werftgeländes. August 1980

Andrzej Friszke
Aus dem Polnischen von Gero Lietz
Letzte Aktualisierung: 08/16