Historiker, 1978 Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Wissenschaftliche Kurse, in den 80er Jahren einer der führenden politischen Berater der Solidarność und Lech Wałęsas: 1981 Mitautor des Solidarność-Programms, 1987 Mitautor der „Erklärung der 62“ zum Polenbesuch Johannes Paul II., 1988/89 Initiator des Bürgerkomitees beim Solidarność-Vorsitzenden und einer der Architekten der Vereinbarungen des Runden Tisches.

Einen neuen Vorschlag für Gespräche der Solidarność-Opposition mit den kommunistischen Machthabern machte Geremek am 15. Dezember 1987 in einem Interview für die legal erscheinende Zeitschrift „Konfrontacje“ (Konfrontationen; Nr. 2/1988): Er rief das Angebot zu einem „Anti-Krisen-Pakt“ des I. Solidarność-Kongresses in Erinnerung, nannte als Bedingung für die Aufnahme von Verhandlungen jedoch die Legalisierung der Solidarność. Geremek schlug die Machtbegrenzung der Kommunisten auf die auswärtige Politik, die Verteidigungs- und Sicherheitspolitik vor und sprach sich für die Rückkehr zu demokratischen Prinzipien und die Ausweitung der bürgerlichen Freiheitsrechte aus. Konkret schlug er die Einrichtung einer zweiten Parlamentskammer vor, „in der sich verschiedene gesellschaftliche Interessen artikulieren“ können, sowie die freie Betätigung von Vereinigungen und politischen Klubs, die Sozialfürsorgesystems sowie die Wiedereinführung lokaler Selbstverwaltungen. Nicht zuletzt hob er die Bedeutung des Marktes und Probleme des Privateigentums als Schlüsselfragen der Wirtschaftsreform hervor.

Im Mai 1988 erklärte Geremek in einem Interview für die Zeitschrift „Res Publica“: „Die Polen wollen Freiheit und Unabhängigkeit, und sie haben ein Recht darauf. Der Realismus im politischen Denken [...] der 80er Jahre erkannte dagegen sowohl das real existierende politische System als auch die Möglichkeit seiner Reformierbarkeit an.“ Zukunftschancen sah er vor allem in der Wechselwirkung zwischen der von den Machthabern als notwendig erachteten Ausweitung wirtschaftlicher und den sich Freiraum verschaffenden gesellschaftlichen und politischen Freiheiten.

Seit der Zeit der Arbeiterstreiks im August 1988 war Geremek an der Vorbereitung von Gesprächen mit den kommunistischen Machthabern beteiligt. Zusammen mit Andrzej Stelmachowski formulierte er am 24. August 1988 den Aktionsplan der Opposition, der Verhandlungen über die Legalisierung der Solidarność, gesellschaftlich-politischen Pluralismus in Form freier Vereinigungen und politischer Klubs sowie einen Antikrisenpakt vorsah.

Am 26. Oktober 1988 nahm Geremek im „Tygodnik Mazowsze“ (Nr. 268) auf das Programm des I. Solidarność-Kongresses Bezug und definierte Grundsätze für einen neuen „Gesellschaftsvertrag“, auf dem die Reformen des Wirtschaftssystems sowie die „Systemtransformation zur Demokratisierung des öffentlichen Lebens in Polen aufbauen sollten. Die Grundsätze waren: freie Wahlen, die Gleichheit aller Bürger sowie das Prinzip der Vertretung aller gesellschaftlichen Gruppen.“ Diese Veränderungen könnten in einem evolutionären Prozess vonstattengehen, der mit den „Ergebnissen der Beratungen eines Runden Tisches“ beginnen würde. Geremeks Konzeption war die einer „minimalen Zusammenarbeit“ mit den kommunistischen Machthabern, eine Koalitionsregierung mit den Herrschenden sah er nicht.

Nachdem der erste Anlauf für einen Runden Tisch im Oktober 1988 gescheitert war, mahnte Geremek im PEN-Club „die Unabhängigkeit Polens als nationale Aufgabe, als Aufgabe für heute“ an.

Geremek war Mitorganisator des Bürgerkomitees beim Solidarność-Vorsitzenden im Dezember 1988, dessen allgemeine Beratungen er neben der Kommission für politische Reformen leitete.

Am 27. Januar 1989 nahm er zusammen mit Lech Kaczyński, Tadeusz Mazowiecki, Zbigniew Bujak und Lech Wałęsa an den Gesprächen mit Vertretern der Kommunistischen Partei in Magdalenka bei Warschau teil, um die Verhandlungen am Runden Tisch vorzubereiten. Die Grundsatzfragen, um die es dabei ging, waren die Legalisierung der Solidarność, die Zustimmung der Opposition zur Durchführung von „nichtkonfrontativen“ Wahlen zum Sejm, die Zusammensetzung der Teilnehmer und die Tagesordnung des Runden Tisches. Geremek forderte freie Wahlen, den Zugang zu den Massenmedien, die Unabhängigkeit der Gerichte, die lokale Selbstverwaltung, die Zulassung des Unabhängigen Studentenverbandes (Niezależne Zrzeszenie Studentów; NSZ) und der Selbstverwalteten Gewerkschaft der Einzelbauern „Solidarność“.

Marek Kunicki-Goldfinger
Aus dem Polnischen von Markus Pieper und Wolfgang Templin
Letzte Aktualisierung: 10/15