Geschichte der lettischen Opposition

Lettland als unabhängiger Staat entstand im Jahre 1918. Durch das geheime Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt wurde Lettland am Vorabend des Zweiten Weltkrieges dem sowjetischen Einflussbereich zugeschlagen, woraufhin sich die lettische Regierung im Oktober 1939 gezwungen sah, Truppen der Roten Armee ins Land zu lassen. Im Juni 1940 übernahm unter Moskauer Aufsicht eine sogenannte „Volksregierung“ die Macht in Lettland. Diese war eine Marionettenregierung, deren Ziel es war, das Land als Sowjetrepublik in die Sowjetunion einzugliedern. Entsprechend bestätigte der lettische „Volkssejm“ bereits einen Monat später – im Juli 1940 – den Beitritt Lettlands zur Sowjetunion, im August folgte die Bestätigung durch den Obersten Sowjet der UdSSR. Lettland hatte als eigenständiger Staat aufgehört zu existieren.

Mit dem Anschluss Lettlands an die Sowjetunion erfolgten die Verstaatlichung des Privateigentums sowie – bis zur Besetzung des Landes durch deutsche Truppen im Juli 1941 – Repressalien gegen tatsächliche und angebliche Gegner der Sowjetmacht. So kam es am 13. und 14. Juni 1941 zu Massendeportationen.

Während des Krieges erfreute sich Lettland unter nationalsozialistischer deutscher Besatzung einer gewissen Autonomie, und ein bedeutender Teil der Bevölkerung arbeitete mit den Deutschen zusammen, was beispielsweise in der Aufstellung eigener Polizei- und Militäreinheiten zum Ausdruck kam. Die deutschen Besatzer initiierten die Verfolgung und Ausrottung der Juden auch in Lettland. Fast die gesamte jüdische Bevölkerung wurde ermordet. Mit dem Zurückdrängen der Deutschen durch die Rote Armee aus dem größten Teil Lettlands 1944 begann die zweite sowjetische Okkupation. Die Sowjetmacht nahm ihre Repressionen sofort wieder auf, woraufhin 1944 und 1945 Tausende Letten außer Landes flüchteten, die meisten nach Schweden. In späteren Jahren gab es nur noch vereinzelte Flüchtlinge. Vor allem auf dem Lande leisteten zahlreiche Letten bewaffneten Widerstand gegen den kommunistischen Terror. Der lettische Untergrund war in erster Linie national geprägt, weswegen er unterschiedliche politische Kräfte vereinigen konnte. Ab 1944 kämpften Waldbrüder genannte Partisaneneinheiten mit rund 15.000 Kämpfern in den Wäldern des Landes.

Zwischen 1947 und 1949 kollektivierte die Sowjetmacht auch die lettische Landwirtschaft mit repressiven Methoden und zerstörte die tief verwurzelten genossenschaftlichen Traditionen von fast drei Vierteln der lettischen Bauernhöfe. Die Kollektivierung war begleitet von Verhaftungen und Massendeportationen. 1949 wurden Tausende Dorfbewohner in östliche Regionen der UdSSR zwangsausgesiedelt, nach Angaben des Innenministeriums der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik waren dies mehr als 40.000 Menschen. Die Deportationen verstärkten noch einmal den bewaffneten Widerstand gegen die Sowjets, an dem auch in Lettland wohnende Russen teilnahmen. Bis Anfang der 50er Jahre war der lettische Widerstand geprägt von bewaffneten Partisanenkämpfen.

Aber auch in den Städten wurde Widerstand geleistet. In den neu entstandenen Untergrundorganisationen engagierten sich in erster Linie Schüler, Studenten und Intellektuelle. Die zahlenmäßig größte Vereinigung dieser Art war der Bund der Patrioten Lettlands, der 1947 und 1948 aktiv war.

Anfang der 50er Jahre gelang es den Sowjets, den bewaffneten Untergrundkampf endgültig niederzuschlagen, antisowjetische und antikommunistische Stimmungen prägten jedoch auch weiterhin die Situation im Land. Einen Wendepunkt brachte der Tod Stalins 1953, in dessen Folgen zwischen 1954 und 1956 mindestens 30.000 Menschen aus den Gefängnissen und der Verbannung zurückkehrten. Unter ihnen befanden sich Mitglieder der Widerstandsbewegung und zahlreiche Verantwortungsträger staatlicher und gesellschaftlicher Institutionen aus der Zeit des unabhängigen lettischen Staates. Viele unternahmen den Versuch, abgerissene Kontakte wiederherzustellen, etwa mit mittlerweile ins Ausland geflüchteten Letten. Als Beispiel seien die Sozialdemokraten erwähnt – unter ihnen der Vorsitzende des Zentralkomitees der Lettischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Fricis Menders –, die Verbindung zu ihrem in schwedischem Exil reaktivierten Auslandskomitee aufnahmen.

Die Ungarische Revolution von 1956 führte in Lettland zu einer Welle politischer Aktivität, sowohl in spontaner als auch in organisierter Form. Allein zwischen 1955 und 1959 deckte der Staatssicherheitsdienst 48 Untergrundgruppen auf. Auch die Zahl von Protest-Flugblättern stieg kräftig an. Proteste gab es im Übrigen nicht nur unter den Letten: Michail Krasilnikow, der Sohn eines in Riga stationierten sowjetischen Offiziers, skandierte auf einer Demonstration auf dem Leningrader Schlossplatz am 7. November 1956: „Es lebe das freie Ungarn! Es lebe das freie Lettland!“ Er wurde dafür zu vier Jahren Lagerhaft verurteilt.

958/59 bestand eine Dissidentenorganisation unter dem Namen Baltische Föderation. Sie wurde von acht Letten in der Überzeugung gegründet, dass die baltischen Völker aufgrund ihrer Besetzung durch die Sowjetunion ein gemeinsames Schicksal teilten. Das Anliegen der Organisation war es daher, die Unabhängigkeit der baltischen Staaten wieder herzustellen und sie in einer Föderation zu vereinigen. Die Idee der Gemeinschaft der baltischen Völker verfolgte auch der bereits zuvor entstandene Klub Balticum, eine Moskauer Vereinigung von Studenten aus Litauen, Lettland und Estland, die unter anderem die von Hand geschriebene Zeitschrift „Balticum“ herausgab. Einer der Redakteure, Knuts Skujenieks, wurde später im Prozess gegen die Baltische Föderation verurteilt.

Moskau verfolgte jedoch nicht nur jede offene Auflehnung mit Repressionen, sondern zwang der lettischen Bevölkerung auch die sowjetische Art zu denken auf und sowjetisierte den gesamten Alltag. Die russische Sprache wurde im Bildungswesen sowie in dienstlichen Angelegenheiten obligatorisch, lettische Volksbräuche öffentlich lächerlich gemacht. Die Reaktion der lettischen Gesellschaft auf derlei Aktivitäten fiel äußerst scharf aus, denn diese begriff die Politik Moskaus weniger als Umsetzung des kommunistischen Internationalismus denn vielmehr als russischen Imperialismus. Ein gutes Beispiel hierfür bietet der Umgang mit einem der wichtigsten Feste der lettischen Volkstradition, dem Johannistag, dem Fest der Sommersonnenwende (Lettisch: Jāņu diena, auch Līgo diena – Fest der Freude – genannt). Das Feiern dieses Tages wurde 1960 verboten, was nicht nur in Lettland, sondern auch in Moskau Proteste hervorrief. Gegen ein solches Verbot sprachen sich in der sowjetischen Presse die Moskauer Literaten Lew Kopelew und dessen Frau Raissa Orlowa aus. Gemeinsam mit Ēvalds Sokols (dem Direktor des Instituts für Sprache und Literatur der Lettischen Sowjetrepublik) richteten sie 1961 einen Appell zur Verteidigung des Johannisfestes an das Zentralkomitee der KPdSU. Mehr als 30 lettische und Moskauer Intellektuelle unterschrieben diesen Aufruf, was letztlich dazu führte, dass die Moskauer Führung das Verbot zurücknahm. Bei der Verteidigung des Johannistages fanden Moskauer und lettische Intellektuelle erstmals zueinander und vereinten ihre Kräfte.

Dmitri Jermolzew und Ints Calītīs
Aus dem Polnischen von Gero Lietz
Letzte Aktualisierung: 08/17