Deutschland (DDR)

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Stephan Krawczyk bei einem Konzert am 27. Juni 1987 in der Ost-Berliner Samariterkirche

Geschichte der Opposition in der DDR

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Die Geschichte autoritärer oder totalitärer Regimes ist auch eine Geschichte von Opposition und Widerstand. Ein Staat mit totalitärem Anspruch provoziert und produziert entgegen seinen eigenen Intentionen unentwegt verschiedenste Formen widerständigen Verhaltens. Die dem System von der Mehrheit der Bevölkerung gleichzeitig jahrzehntelang entgegengebrachte Loyalität ist kein Indikator dafür, wie die Bevölkerung tatsächlich empfindet. Die SED-Führung schaffte es gerade noch, wie der englische Historiker Timothy Garton Ash Ende der 80er Jahre in der DDR beobachtete, die Körper der Menschen zu mobilisieren, aber nicht deren Herzen und Gedanken. Allerdings hat sich immer nur eine Minderheit aktiv und öffentlich gegen die Anmaßungen des „Maßnahmestaates“ gewehrt und versucht, diesen zu bekämpfen und die von den Herrschenden bewusst stillgelegte Gesellschaft zu mobilisieren.

Von der Errichtung der kommunistischen Diktatur nach 1945 bis zur Revolution gegen die Diktatur im Herbst 1989 dauerte es über 40 Jahre. Welthistorisch war dies nur ein Wimpernschlag, für die Betroffenen jedoch Schicksal. Niemand wird als Held geboren und schon gar nicht, um zeitlebens im Widerstand gegen übermächtige Staaten zu opponieren. Es gibt auch keine Lehrbücher, die Widerstand und Opposition lehren. Nur das Leben und seine Wechselfälle sowie das ethische Fundament, auf dem jemand steht, sind die Lehrmeister. Das Beispiel des Nationalsozialismus zeigt dies anschaulich.

Der größte Teil der deutschen Gesellschaft war in die Hitler-Diktatur verwickelt. Und es zählte zu einer folgenschweren Erblast der deutschen Geschichte, dass sich bis 1933 nur wenige demokratische Knospen und Blüten in der Gesellschaft entwickeln konnten, die von den Nationalsozialisten problemlos entwurzelt wurden. Der preußische Staat mit seinem auf die Obrigkeit und deren Repräsentanten ausgerichteten Denken hatte verhindert, dass sich in Deutschland bis 1933 eine wirkungsmächtige Tradition breit entwickelte, die die Ideen von 1789 und 1848 fortgeführt hätte. Als Hitler 1933 die Macht übernahm, war die deutsche Gesellschaft nicht nur nicht geschockt, sondern begrüßte mehrheitlich das totalitäre Staatswesen und unterstütze es nachhaltig. Bis zum Ende des Krieges 1945 basierte die Hitler-Diktatur auf der Unterstützung, Zustimmung, Loyalität oder wenigstens missmutigen Hinnahme des überwältigenden Teils der Bevölkerung. Erst als der Krieg ab 1941/42 mit Luftangriffen zunehmend auch Deutschland selbst betraf und zerstörte, begannen sich immer mehr Menschen still vom Regime abzuwenden. Aber zu offener Opposition, zum nachhaltigen Widerstand gegen das System bekannte sich immer nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung.

In den ersten Jahren der Diktatur, 1933–36, waren es vor allem die beiden verbotenen Arbeiterparteien SPD und KPD, die gegen die nationalsozialistische Diktatur Widerstand entfalteten. Sie mussten dafür einen hohen Blutzoll entrichten. Hinzu kam, dass viele Tausend Gegner des Systems das Land verlassen mussten, wollten sie ihr Leben schützen. Zwar wurde dem Regime auch aus der Kirche Widerstand entgegengesetzt, aber der verstand sich nur in einem kleinen Teil als politischer Widerstand. Zunächst ging es vor allem darum, die kirchliche Autonomie zu bewahren und den Staat an der Okkupation der beiden Kirchen zu behindern. Hinzu kam, dass sich Teile der Kirchen gegen die Judenverfolgung wandten. In der zweiten Phase der Diktatur, 1936–41, verringerte sich der politische Widerstand, da zum einen die KPD und SPD sowohl durch Verhaftungen als auch durch Emigration erhebliche Verluste zu beklagen hatten und zum anderen das Regime sich einer breiten Welle der Zustimmung sicher sein konnte, was durch die Kriegserfolge bis 1941 noch verstärkt wurde.

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 und dem allmählichen Rückschlag des Krieges nach Deutschland selbst begann sich ein breiterer Widerstand gegen die Diktatur zu entfalten und zu entwickeln, der nun über kommunistische und sozialdemokratische Kräfte hinaus relevante Teile der gesamten Gesellschaft umfasste: Dazu zählten Widerstandsgruppen des Militärs ebenso wie Kreise, die sich aus bürgerlich-demokratischen Milieus rekrutierten bzw. religiöse Motive für ihren Widerstand aufwiesen. Insgesamt aber war der politische Widerstand gegen das NS-Regime stets – gemessen an der Bevölkerungszahl – auf eine kleine Gruppe beschränkt. Schätzungsweise zählten zu den aktiven politischen Gegnern der nationalsozialistischen Diktatur etwa 10.000 Bürgerinnen und Bürger in Deutschland.

Vor diesem Hintergrund besaßen die deutschen Kommunisten 1945 ungeachtet ihrer totalitären Weltanschauung im Nachkriegsdeutschland zunächst einen moralischen Kredit, den weite Teile der Gesellschaft respektierten. Ihre Forderung, wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen zu schaffen, die niemals wieder eine solche Diktatur ermöglichten, stieß auf breite Zustimmung. Gleichwohl wurde bereits in den ersten Jahren deutlich, dass sie eine neue Diktatur am Vorbild der Sowjetunion aufbauten, was zu vielfältigen Widerstands- und Oppositionserscheinungen führte. Viele wollten nach den schrecklichen Diktatur- und Kriegserfahrungen einen echten Neuanfang. Der brutale Polizeiterror, den zunächst die sowjetischen Besatzungstruppen, dann sowjetische Geheimdienste und schließlich die politische Geheimpolizei in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bzw. der DDR ausübten, führte insbesondere in den späten 40er und den frühen 50er Jahren zu vielfältigem Widerstand gegen die kommunistische Diktatur. Für spätere Jahre aber war es wiederum typisch, dass nicht selten Widerstand und Opposition von jenen ausging, die in die SED-Diktatur selbst verstrickt waren oder zumindest als deren Anhänger galten.

Opposition und Widerstand, die während der gesamten Geschichte des „Kommunismus an der Macht“ zu den gesellschaftsprägenden Charakteristika zählten, existierten in den kommunistischen Staaten offiziell nicht, weil dafür nach Ansicht der Machthaber keine objektiven oder sozialen Grundlagen vorhanden seien. Vielmehr regiere die herrschende Partei, so die Parteiführer, im Sinne des gesamten Volkes, sodass jede Opposition objektiv gegen die Interessen des Volkes agiere. Bei strafrechtlichen Verfolgungen von Oppositionellen wurde geleugnet, dass es sich um politische Repressionen handele. Oppositionelle wurden als „gewöhnliche“ Verbrecher gebrandmarkt.

Die 50er Jahre waren entgegen den Verlautbarungen der Machthabenden aber reich an Opposition, Widerstand, aber auch an Verfolgungen, Repressalien und Verurteilungen. Ins kollektive Gedächtnis der ostdeutschen Bevölkerung einschließlich der SED-Führung prägte sich vor allem der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 ein. Die SED-Führung hatte damit 1953 vor Augen geführt bekommen, dass eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung gegen die kommunistische Herrschaft eingestellt war und diese nur erduldete. Der DDR-Führung war ebenso bedeutet worden, dass ihre Macht allein auf sowjetischen Bajonetten beruhte. Die Bevölkerung musste wie später die Polen, die Ungarn, die Tschechen und die Slowaken erfahren, dass die kommunistischen Machthaber so lange ihre Herrschaft ausüben würden, so lange sie die „internationalistische Hilfe“ der Roten Armee in Anspruch nehmen konnten.

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Früher Widerstand an der Universität Rostock: Die Rudergruppe der Universität bei einem Ausflug an Himmelfahrt 1951. Von den auf dem Foto Abgebildeten werden von einem sowjetischen Militärtribunal verurteilt: Alfred Gerlach (1. Reihe, 4. v. l., 25 Jahre), Otto Mehl (1. Reihe, 3. v. l., 25 Jahre), Karl-Alfred Gidowsky (2. Reihe, 4. v. l., Todesstrafe) und Hartwig Bernitt (3. Reihe, 2. v. l., 25 Jahre).

Die oppositionellen, widerständigen und regimekritischen Verhaltensweisen in der DDR-Geschichte lassen sich auf keinen Hauptnenner bringen. Ein Oppositions- und Widerstandsdogma gab es nicht (Karl Wilhelm Fricke). Trotz erheblicher Schwierigkeiten, Widerstand und Opposition schlüssig zu definieren und eine Typologie widerständigen Verhaltens zu erstellen, sollte zwischen der fundamentalen Gegnerschaft sozialdemokratischer, christlicher und anderer Gruppen bzw. Einzelpersonen in den späten 40er und 50er Jahren einerseits sowie zwischen den überwiegend auf Reformen gerichteten Gruppierungen der 70er und 80er Jahre andererseits unterschieden werden. Die zuerst genannte Gruppe von SED-Gegnern kämpfte bewusst gegen die kommunistische Parteidiktatur und die Sowjetisierung der SBZ, verfügte (so in den „Ostbüros“ von SPD, FDP und CDU, im Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen oder in der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit) über Ansprechpartner und Gesinnungsgenossen im westlichen Teil Deutschlands. Sie wollte die kommunistische Herrschaft stürzen und strebte nach parlamentarischer Demokratie und Wiedervereinigung. Sie war von Anfang an illegal und musste konspirativ arbeiten, während sich die oppositionellen Gruppierungen der 70er und 80er Jahre relativ offen entfalten konnten. Beide Grundmuster widerständigen Verhaltens gab es jedoch auch in den jeweils anderen Phasen, in denen fundamentale Gegnerschaft und Reformwille dominierten. Darüber hinaus sind die Übergänge fließend.

Ilko-Sascha Kowalczuk
Letzte Aktualisierung: 09/16