Erinnerungskultur in Deutschland

Mahnmale und Gedenkstätten zur Erinnerung an Widerstand und Verfolgung sowie für die Opfer der Diktatur in der SBZ/DDR entstanden in Deutschland nicht erst nach dem Untergang des SED-Regimes. In Westdeutschland und Westberlin gab es bereits bis 1989 über 60 Erinnerungszeichen, die vor allem an die deutsche Teilung, die Opfer des Grenzregimes oder an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 gemahnten. Der erste Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus wurde am 4. November 1951 in Berlin-Charlottenburg errichtet und geht zurück auf eine Initiative von ehemaligen Häftlingen der sowjetischen Speziallager, die nach ihrer Freilassung nach Westdeutschland flüchten konnten.

In der DDR gab es bis 1989 keine offiziellen Gedenkorte für Widerstand und politische Verfolgung nach 1945. Dort war das offizielle Erinnern, Mahnen und Gedenken ausschließlich den Opfern nationalsozialistischer Verfolgung gewidmet. Politisch instrumentalisiert und den Interessen der SED untergeordnet war es auf den kommunistischen Widerstandskampf gegen das NS-Regime ausgerichtet.

Den größten Raum in der – maßgeblich seit 1989/90 entstandenen – Erinnerungslandschaft zur zweiten Diktatur nimmt das Gedenken an die deutsche Teilung ein. Über 300 Gedenkstätten, Museen und Mahnmale erinnern entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze und am einstigen Verlauf der Berliner Mauer an die Teilung und ihre Opfer. Sie dokumentieren die Zwangsaussiedlungen ebenso wie die vielen, oft tödlich endenden Fluchtversuche über den „Eisernen Vorhang“. Schließlich rufen zahlreiche Markierungen im öffentlichen Raum die Friedliche Revolution und die Grenzöffnung im Herbst 1989 ins Bewusstsein.

Einen weiteren wichtigen Platz in der Topografie der Erinnerung nehmen die über 80 Orte ein, die Repression und Widerstand sowie den Opfern des stalinistischen Terrors in den 40er und 50er Jahren gewidmet sind. Hierzu gehören auch die „Gedenkstätten mit doppelter Ver­gangenheit“, um deren Neugestaltung es in den 90er Jahren heftige Kontroversen gab. Es handelt sich dabei sowohl um einstige nationalsozialistische Konzentrationslager wie Buchenwald oder Roten Ochsen“ in Halle, den Münchner Platz in Dresden, den Moritzplatz in Magdeburg, den Demmlerplatz in Schwerin oder die Gefängnisse in Bautzen, in denen vor und nach 1945 Opfer politischer Verfolgung eingesperrt waren. Der Umstand, dass in den Speziallagern und Gefängnissen der sowjetischen Besatzungsmacht sowohl NS-Funktionsträger als auch politische Gegner und Opfer von Denunziationen oder willkürlich Verhaftete unter menschenunwürdigen Bedingungen inhaftiert worden waren, von denen jeder Dritte die Haft nicht überlebte, macht die Problematik der „doppelten Erinnerung“ besonders deutlich. Die mehr als 35.000 Toten und jene, die mit zum Teil schweren gesundheitlichen Schäden die Haft überlebten, werden als Opfer eines unmenschlichen Haftregimes begriffen, derer es in angemessener Form zu gedenken gilt. Allein über 40 Erinnerungsorte, die in der Nähe von ehemaligen Lagern und Haftanstalten bzw. bei Massengräbern entstanden sind, leisten hierzu einen Beitrag.

Einen weiteren Schwerpunkt bilden Gedenkstätten und -zeichen, die an das in der DDR durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), das Ministerium des Innern oder die Volkspolizei begangene Unrecht erinnern. Hierzu zählen insbesondere die in ehemaligen Gefängnissen und anderen Dienstgebäuden der Staatssicherheit eingerichteten Ausstellungen und Dokumentationszentren. Zu nennen wäre hier stellvertretend das Museum in der „Runden Ecke“ in Leipzig, das nach der Besetzung der dortigen MfS-Bezirksleitung durch das örtliche Bürgerkomitee eingerichtet wurde. Auch in den vormaligen Haftanstalten und MfS-Zentralen in Berlin-Hohenschönhausen, in Magdeburg oder Halle sowie im ehemaligen MfS-Dienstsitz in der Berliner Normannenstraße mit der sogenannten „Mielke-Suite“ gibt es ständige Ausstellungen, die auf großes Besucherinteresse stoßen.

Daneben erinnern 50 Gedenkzeichen auf lokaler und regionaler Ebene an Verfolgung und Repression durch den Staatsapparat. Hierzu gehören auch Orte, die bis in die jüngste Vergangenheit beziehungsweise Gegenwart als Gefängnis genutzt werden; wie zum Beispiel Waldheim, Brandenburg oder Torgau. Zum Teil saßen dort seit dem 19. Jahrhundert sowie insbesondere in der NS-Zeit politische Häftlinge ein. Die Gebäude dienten auch zu DDR-Zeiten als Gefängnisse für politisch Verfolgte; teilweise sind es noch heute Justizvollzugsanstalten. In der Regel weisen Tafeln bzw. Gedenksteine auf die historischen Hintergründe der politischen Verfolgung an diesen Orten hin.

Eine große Gruppe bilden schließlich die mehr als 70 Erinnerungszeichen, die sich auf die Ereignisse des 17. Juni 1953 und seine Opfer beziehen. Über 50 weitere Mahnmale erinnern an die Ereignisse vom Herbst 1989, die schließlich die Öffnung der Berliner Mauer am 9. November sowie die deutsche Einheit ermöglichten.

Auch neue Formen bei der Kennzeichnung historischer Orte, die an politische Verfolgung, die deutsche Teilung, Opposition und Widerstand erinnern, sind entstanden. Hierzu zählen etwa das „Grüne Band“ entlang der einstigen 1381 Kilometer langen innerdeutschen Grenze sowie die „Geschichtsmeile Berliner Mauer“ entlang des Mauerverlaufs in Berlin und dessen Markierung im Straßenpflaster, die an die aus dem Berliner Stadtbild nahezu vollständig eliminierte Mauer erinnert.

Insgesamt gibt es in Deutschland mehr als 900 Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen, die an die Diktatur in der SBZ und in der DDR erinnern. Drei davon werden im Folgenden vorgestellt. Einen Überblick zu allen Erinnerungsorten vermittelt die von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur erarbeitete Publikation „Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR“, die im März 2016 in der dritten Auflage beim Ch. Links Verlag erschienen ist.

Vgl.: Museen und Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer der kommunistischen Diktaturen, hrsg. v. Anna Kaminsky, erarbeitet v. Anna Kaminsky, Ruth Gleinig und Lena Ens, Dresden 2018, S. 76–77.