Rainer Müller steht im Leipziger Raum für die Generation der Basisaktivisten, die um das Jahr 1982 erste Konfrontationen mit der Staatsmacht zu Zeiten der Friedensbewegung hatten, sich in diversen Bürgerrechtsgruppen engagierten und schließlich mit öffentlichen Aktionen die Massenproteste von 1989 gegen die SED-Herrschaft animierten.

Rainer Rudolf Müller wurde am 26. September 1966 in Borna bei Leipzig geboren und wuchs in Benndorf im Südharz auf. Trotz sehr guter schulischer Leistungen erhielt er 1983 keine Möglichkeit, das Abitur abzulegen, da er nicht an der obligaten Jugendweihe teilgenommen hatte, sich in der kirchlichen Jugendarbeit engagierte und als 15-Jähriger wegen Tragens des Aufnähers „Schwerter zu Pflugscharen“ in Konflikte mit den Repressionsorganen der DDR geraten war. Während seiner Maurerlehre beteiligte er sich 1984 an einem fünfwöchigen Streik für bessere Arbeitsbedingungen. Daraufhin erhielt er nach seinem Berufsabschluss 1985 keine Anstellung, obwohl das den Gesetzen der DDR widersprach. Er arbeitete dann in kirchlichen Einrichtungen in Borna südlich von Leipzig.

1984 beantragte Müller den waffenlosen Wehrdienst, kündigte 1986 seine Totalverweigerung an und wurde nicht einberufen. 1987 entzog ihm jedoch die Karl-Marx-Universität Leipzig wegen seiner Wehrdienstverweigerung die Studienzulassung, die er 1986 durch eine Sonderreifeprüfung für künftige Theologiestudenten erlangt hatte. Ein Jahr später begann er ein Studium am Theologischen Seminar Leipzig und arbeitete in den Semesterferien als Behindertenbetreuer und Altenpfleger. Vom Theologischen Seminar wurde er 1988 wegen seiner Kritik, die er im Rahmen der Friedensgebete in der Nikolaikirche am SED-freundlichen Kirchenkurs übte, exmatrikuliert. Er konnte an der staatlich nicht anerkannten kirchlichen Hochschule fortan nur noch Gasthörer sein. In Leipzig unterstützte der oppositionelle Arbeitskreis Gerechtigkeit (AKG), zu dessen Sprecherkreis er ab 1988 gehörte, den nun Erwerbslosen mit monatlich rund 125 Mark.

Müller arbeitete in verschiedenen Umwelt-, Friedens- und Menschenrechtsgruppen mit. Ab 1986 hatte er engeren Kontakt zur Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM), ab 1987 engagierte er sich im Arbeitskreis Solidarische Kirche, 1987–89 in der Umweltgruppe Borna, 1987 in der Arbeitsgruppe Menschenrechte (AGM) um Pfarrer Christoph Wonneberger, 1988/89 im ,Arbeitskreis Gerechtigkeit und zudem ab 1988 in der Arbeitsgruppe zur Situation der Menschenrechte in der DDR.

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) verfolgte ihn im Operativen Vorgang (OV) „Märtyrer“, plante Ende 1988 seine Inhaftierung (zusammen mit Gesine Oltmanns und Thomas Rudolph) und schreckte nicht davor zurück, ihn im Mai 1989 körperlich zu misshandeln. Mehrfach wurde er bei Demonstrationen festgenommen, inhaftiert, mit Aufenthaltsverboten oder Geldstrafen belegt. Während der Friedensbewegung hielt er Kontakte zu Kreisen in anderen Orten wie Großhennersdorf und Vipperow, wo er am Fasten für den Frieden teilnahm. Zudem galten seine Aktivitäten vornehmlich der Umweltpolitik. Er gab 1985–87 mit Hartmut Rüffert in Borna die Samisdat-Zeitschrift „Namenlos“ heraus. Die Umweltgruppe Borna vertrat er im Netzwerk „Frieden konkret“. Anlässlich einer Demonstration gegen das im Bau befindliche Atomkraftwerk Stendal wurde er festgenommen.

Leipzig avancierte ab 1988 zu einem Zentrum der Opposition. Die Massendemonstrationen, die das Ende der kommunistischen Diktatur besiegelten, fanden hier ihren Ausgang. Dies war das Ergebnis der fruchtbaren Zusammenarbeit mehrerer Leipziger Basisgruppen und ihrer auf Öffentlichkeit und Durchsetzung von Menschenrechten gerichteten Aktivitäten. Ausreiseantragsteller wurden nicht ausgegrenzt und damit das Widerstandspotenzial derer genutzt, die in der DDR nichts mehr zu verlieren hatten und zu existenzgefährdenden Aktivitäten bereit waren.

Nach den Verhaftungen und Zwangsausweisungen Berliner Oppositioneller im Januar 1988 verstärkten Thomas Rudolph, Bernd Oehler, Rainer Müller und andere Leipziger ihre Bemühungen um eine überregionale Koordinierung und riefen im Sommer 1988 den Sonnabendskreis ins Leben. Monatlich luden sie Vertreter von unabhängigen Bibliotheken, Samisdatredaktionen, Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtskreisen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Berlin nach Leipzig ein, um Erfahrungen und Informationsmaterialien auszutauschen, gemeinsame Aktionen vorzubereiten und politische Erklärungen zu verfassen.

Aus dem Sonnabendskreis ging die Arbeitsgruppe zur Situation der Menschenrechte in der DDR hervor, die am Internationalen Tag der Menschenrechte 1988 ihre Arbeit aufnahm. In dem Gründungsaufruf wurden grundlegende Bürgerrechte eingefordert. Informationen über Menschenrechtsverletzungen sollten zu gesellschaftlichen Veränderungen führen.

Mit Mahnwachen und Fürbittgottesdiensten wurden im November 1987 und im Januar 1988 die Freilassung der in Ost-Berlin Inhaftierten gefordert. Anfang 1989 riefen die Arbeitsgruppe Menschenrechte und der Arbeitskreis Gerechtigkeit zu einem DDR-weiten Aktionstag für die aus politischen Gründen Inhaftierten in der Tschechoslowakei auf. Müller lernte Tschechisch, um Oppositionsdokumente übersetzen und in der DDR in den Untergrundzeitschriften „Ostmitteleuropa“ und „Varia“ verbreiten zu können. In der Arbeitsgruppe Ostmitteleuropa des Arbeitskreises Gerechtigkeit hielt er mit Thomas Rudolph Kontakte in die ČSSR. Mit Petr Uhl, der die gemeinsame Gegenöffentlichkeit osteuropäischer Oppositioneller vorantrieb, wurden regelmäßig Informationen ausgetauscht. Auch in die meisten anderen Länder Ost- und Ostmitteleuropas bestanden stabile Kontakte zu Oppositionsgruppen.

 

Gerold Hildebrand
Letzte Aktualisierung: 08/16