Politisiert in den 60er Jahren und elektrisiert von den mannigfachen Ereignissen, die mit dem symbolträchtigen Jahr 1968 in Ost und West verbunden werden können, zählte Gerd Poppe in den 70er und 80er Jahren zu den schillerndsten, einflussreichsten und auch streitbarsten Köpfen der oppositionellen und subkulturellen Szene in Ost-Berlin. Er verweigerte sich bis 1989 langen Märschen durch Institutionen, gehörte zu den Wegbereitern der Revolution von 1989 und blieb auch seither streitbar und unangepasst.

In Anlehnung an die Charta 77 bildete sich Ende 1985/Anfang 1986 in Berlin die Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM), eine der wichtigsten Oppositionsgruppen in der DDR der 80er Jahre. Diese Gruppe, zu deren Mitbegründern neben Gerd und Ulrike Poppe auch Wolfgang Templin, Werner Fischer, Bärbel Bohley, Peter Grimm, Reinhard Weißhuhn und Ralf Hirsch gehörten, trat entschieden für Demokratie, Freiheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit in der DDR ein. Sie beteiligte sich an Aufrufen der osteuropäischen Opposition ebenso wie sie sich etwa für die Freilassung politischer Häftlinge engagierte. Die Mitglieder diskutierten auch über die Lösung der deutschen Frage, was damals angesichts der Blockkonfrontation und der gültigen Breschnew-Doktrin den meisten ostdeutschen Oppositionellen nur im Rahmen eines gemeinsamen Hauses Europas möglich schien.

Die IFM geriet 1988 an den Rand der Arbeitsunfähigkeit, nachdem einige ihrer bekanntesten Vertreter wie Wolfgang Templin, Bärbel Bohley und Werner Fischer aus der DDR ausgewiesen wurden. Dies geschah nach dem alljährlich abgehaltenen offiziellen Massenaufmarsch in Erinnerung an die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Im Januar 1988 hatten daran Oppositionelle und Ausreisewillige auch mit der in Anlehnung an einen Satz von Luxemburg gebildeten Losung „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ teilgenommen. Es kam zu über 160 Verhaftungen und der Abschiebung einiger prominenter Oppositioneller in den Westen.

Poppe war in den 80er Jahren Initiator, Autor, Mitverfasser und Mitunterzeichner einer ganzen Reihe von offenen Briefen, Aufrufen und Samisdat-Publikationen. Dazu zählen zum Beispiel der „Offene Brief Robert Havemanns an Breschnew“ (1981), die Antwort auf den Prager Aufruf vom 8. Juni 1985, die „Erklärung zum 30. Jahrestag der ungarischen Revolution“ (1986), der Brief der IFM an die Charta 77 (1987) sowie die Zeitschriften „Grenzfall“, „Ostkreuz“ oder „Spuren“.

Im März 1989 öffnete sich die Berliner Initiative für Frieden und Menschenrechte DDR-weit, was zwar keine große Resonanz erfuhr, aber Ausgangspunkt dafür war, dass sie im Herbst 1989 als eine der wesentlichen Gruppierungen in der gesamten DDR agieren und dabei zugleich auf eine mehrjährige Oppositionsarbeit zurückblicken konnte. Sie wurde neben den neuen Gruppierungen wie Neues Forum, „Demokratie Jetzt, Demokratischer Aufbruch, Böhlener Plattform/Vereinigte Linke oder der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP) zur politisch agierenden Triebfeder der ostdeutschen Revolution. Poppe zählte dabei zu jenen Akteuren, die 1989/90 in der Volksbewegung gegen die Diktatur zu den Führungspersönlichkeiten gerechnet wurden. Als einer der Sprecher der IFM war er Teilnehmer am Zentralen Runden Tisch von Dezember 1989 bis März 1990, wobei er sich insbesondere als Gründer der Arbeitsgruppe „Neue Verfassung der DDR“ für Elemente der direkten Demokratie und für die deutsche Einheit auf dem Wege der Einberufung einer deutschen Nationalversammlung aussprach, die eine neue Verfassung für Gesamtdeutschland ausarbeiten sollte (nach Artikel 146 des Grundgesetzes). Als die Regierung von Hans Modrow im Februar 1990 Oppositionelle zu Ministern ohne Geschäftsbereich berief, war Gerd Poppe einer von ihnen.

Nach den ersten demokratischen Wahlen in der DDR zog er als Abgeordneter in die DDR-Volkskammer ein, wobei er stellvertretender parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen war. Schon in dieser Zeit begann sich Poppe als Außenpolitiker zu profilieren, womit er seinen eigenen Intentionen aus den 80er Jahren folgte. Als er nach der Einheit von 1990 bis zum September 1998 für Bündnis 90/Die Grünen Mitglied des Deutschen Bundestages war, nahm er das Amt des außenpolitischen Sprechers wahr und vertrat seine Fraktion im Auswärtigen Ausschuss. Neben diesen Tätigkeitsfeldern ist es ihm bis heute ein wichtiges Anliegen, über die Geschichte der kommunistischen Diktatur aufzuklären. Er publizierte Aufsätze über die Oppositionsgeschichte und war Mitglied der Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages „Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ (1992–94) sowie „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit“ (1995–98). In der 1998 gegründeten Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ist Poppe ehrenamtliches Vorstandsmitglied.

Hauptsächlich aber galt und gilt Poppes Engagement dem Schutz und der Förderung von Menschen- und Bürgerrechten. Da seine diesbezügliche Arbeit parteiübergreifend geschätzt und geachtet wird, war es beinahe folgerichtig, dass er im November 1998 die neu geschaffene Position eines Beauftragten für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe beim Auswärtigen Amt übertragen bekam und diese bis März 2003 innehatte. Mit Gerd Poppe füllte nicht nur ein strikter Verfechter der Achtung und Einhaltung von Menschenrechten dieses Amt aus, sondern zudem ein Mensch, der selbst jahrzehntelang erfahren musste, was es heißt, wenn diktatorische Regime die Menschenrechte mit Füßen treten. Von April 2003 bis zum Frühjahr 2005 arbeitete Poppe als Berater der Heinrich-Böll-Stiftung für Projekte der Demokratisierungshilfe in Russland und im südlichen Kaukasus. Insofern hat sich mit diesen zuletzt genannten Tätigkeitsfeldern seine politische und oppositionelle Biografie in einem Maße abgerundet, wie es nur wenigen einstigen Oppositionellen vergönnt gewesen ist.

Ilko-Sascha Kowalczuk
Letzte Aktualisierung: 08/16