Künstlerin und Schriftstellerin. In der DDR aus politischen Gründen in Haft, Leiterin einer privaten Galerie in Erfurt, unangepasste Fotografin, Schriftstellerin und Videokünstlerin, Mitgründerin von „Frauen für Veränderung“, Mitinitiatorin der ersten Besetzung einer Stasi-BezirksverKünstlerin und Schriftstellerin. In der DDR aus politischen Gründen in Haft, Leiterin einer privaten Galerie in Erfurt, unangepasste Fotografin, Schriftstellerin und Videokünstlerin, Mitgründerin von „Frauen für Veränderung“, Mitinitiatorin der ersten Besetzung einer Stasi-Bezirksverwaltung im Dezember 1989.waltung im Dezember 1989.

Als 1988 die sowjetische Zeitschrift „Sputnik“ in der DDR verboten wurde, ging Stötzer in die Pathologie und beschrieb die Obduktion eines Mannes als Vorwegnahme der zu sezierenden Ordnung. Kurz darauf entwickelte sich im Herbst 1989 jene kaum vorhersehbare, von vielen Couragierten getragene Dynamik. Es entstand eine breite Bürgerbewegung. Um den Maler Matthias Büchner gruppierte sich das Erfurter Neue Forum. Die Psychologin Kerstin Schön, Gabriele Stötzer-Kachold und andere gründeten die Frauengruppe Frauen für Veränderung. In diesem Herbst sprach Gabriele Stötzer-Kachold auf den Erfurter Demonstrationen und holte im Januar 1990 „Biermann auf den Domplatz“.

Am Abend des 3. Dezember erreichte die Spitze des Neuen Forums, die bei Berlin in Grünheide tagte, die Information, der oberste Devisenbeschaffer der DDR, Alexander Schalck-Golodkowski, habe sich abgesetzt. Die Bürgerrechtler ergriffen die Initiative gegen die angelaufene Aktenvernichtung und Devisenveruntreuung, übermittelten per Telefon an Mitstreiter in allen Bezirken einen Aufruf, um Absetzbewegungen und Verschleierungsversuche zu verhindern. Matthias Büchner rief bei Manfred Ruge, dem späteren Oberbürgermeister von Erfurt, an. Noch in der Nacht wurde der Aufruf in der Stadt verbreitet.

Gabriele Stötzer erinnert sich: „Kerstin Schön weckte mich ganz früh am Morgen des 4. Dezember. Sie klingelte gegen 5.00 Uhr an der Tür und erklärte aufgeregt, es müsse etwas getan werden, die Stasi verbrenne seit Tagen Akten, das müsse gestoppt werden.“ Die führenden Bürgerrechtler Erfurts waren in Berlin, und so beschlossen die beiden Frauen spontan: „Die Stasi-Bezirksverwaltung muss besetzt werden.“ Zusammen mit Sabine Fabian und Claudia Bogenhardt liefen sie zunächst ins Rathaus, platzten in die außerordentliche Bürgermeisterwahl und verlangten, sofort die Aktenvernichtung durch die Staatssicherheit zu stoppen. „Es war ein eigenartiges Gefühl, als wir vier Frauen nach der entschieden vorgebrachten Forderung vor den ungläubig starrenden Abgeordneten standen. Die Runde schien beeindruckt. Sie erklärten, dass der Stadtrat für Inneres mit uns in Verhandlungen treten würde.“

Während Kerstin Schön und Sabine Fabian Arbeiter aus Großbetrieben zur Demonstration vor der Stasi-Zentrale in der Erfurter Andreasstraße mobilisierten, setzten Claudia Bogenhardt und Gabriele Stötzer-Kachold durch, dass der Bezirksstaatsanwalt den zuständigen Militärstaatsanwalt aus Berlin anforderte. „Die Zeit, bis er eintraf, war zu lang, wir drängten den Erfurter Bezirksstaatsanwalt mitzugehen, was er auch tat. Als wir in die Andreasstraße kamen, war der Stasi-Komplex von vielen Bürgern umstellt, die Bewacher hatten unter dem Andrang der Leute die Türen geöffnet, die ersten Leute hineingelassen. Die Menschen von draußen liefen beherrscht und vorsichtig durch die Etagen und stießen drinnen auf Chaos und Unordnung. Überall Akten, Schnipsel, in den Kellern brannten Öfen mit Papier. Wir versiegelten die Räume, in die von da ab keiner der aufgeregt herumirrenden Stasiangestellten mehr hinein durfte.“

Im Laufe des Nachmittags traf der Militärstaatsanwalt ein und versiegelte – nun rechtskräftig – die Türen. Bürgerrechtler organisierten die Bewachung der Räume und Sicherung der Akten. Aber vor allem waren es vier mutige Frauen, die in Erfurt mit ihrer spontanen Entscheidung zur ersten Besetzung einer MfS-Bezirksverwaltung Zeitgeschichte schrieben.

In der Zeit, in der Gabriele Stötzer täglich im Bürgerrat und Bürgerkomitee arbeitete, besetzte sie mit ihrer Künstlerinnengruppe ein vierstöckiges, stark sanierungsbedürftiges Haus in der Altstadt und etablierte darin das Erfurter Kunsthaus e. V. In ihrem Buch „erfurter roulette“ (1995) setzt sie die auseinanderdriftenden Interessen und neuen Spannungen dort so hintergründig wie drastisch in Szene.

Nach dem Ende der DDR erfolgte 1992 Gabriele Stötzers Rehabilitierung und Zuerkennung des Diploms. 1992 und 1994 unternahm sie Vortrags- und Lesereisen durch die USA. Nach wie vor schreibt sie und macht Kunst, Installationen und Objekte. Ihre Arbeit findet Anerkennung, was sich unter anderem an der Zahl der Stipendien, die ihr verliehen wurden, zeigt. 2013 wurde ihr für ihr bürgerrechtliches Engagement in der DDR und für ihre künstlerische Auseinandersetzung mit der Haft- und Diktaturerfahrung das Bundesverdienstkreuz verliehen. Heute lebt die Schriftstellerin in Erfurt und Utrecht.

Udo Scheer
Letzte Aktualisierung: 08/16