Freya Klier ist ein hervorragendes Beispiel für eine Künstlerin, die bewusst und dezidiert ihre gesellschaftliche Kritik sowohl künstlerisch als auch direkt und unmissverständlich politisch formulierte. Darin unterschied sie sich nicht nur von der überwiegenden Mehrheit der DDR-Künstler, sondern auch von den meisten „Szenekünstlern“ oder der „subkulturellen Avantgarde“, die völlig unpolitisch war. In der DDR galt sie nicht als oppositionelle Künstlerin, sondern vielmehr als eine künstlerisch-kreative Oppositionelle.

1985 begann Klier mit Untersuchungen und Befragungen zum Erziehungs- und Bildungssystem der DDR, in dem sie eine Wurzel der Diktatur zu erkennen glaubte. Ihre Befragungen von Jugendlichen, ab 1986 auch von Lehrern, eröffneten ihr ein Bild von der Gesellschaft, das geprägt war von Unehrlichkeit, Depression und Hoffnungslosigkeit. Gleichzeitig zeigte sich aber auch, dass die Grenzen der ideologischen Einflussnahme durch den Staat erreicht waren und die meisten Jugendlichen den Verführungsanmaßungen der SED in den 80er Jahren zumindest innerlich resistent gegenüberstanden. Diese Studien gingen in ihr 1990 vorgelegtes und viel beachtetes Buch „Lüg Vaterland. Erziehung in der DDR“ ein.

Klier verbreitete im Samisdat Erkenntnisse aus ihren Untersuchungen und stellte zudem bei Lesungen in Kirchen oder Privatwohnungen gesellschaftskritische Prosatexte und Stücke vor. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) observierte sie und Stephan Krawczyk im Operativen Vorgang (OV) „Sinus“. Beide waren neben den beruflichen Drangsalierungen auch umfangreichen „Zersetzungsmaßnahmen“ der Staatssicherheit ausgesetzt gewesen, die Klier auch psychisch zu schaffen machten.

Obwohl sie im Oktober 1986 der „Solidarischen Kirche“ – einer oppositionellen Gruppe, die versuchte, in der DDR ein landesweites Kontaktnetz der Gruppen aufzubauen, und kritisch zum SED-Staat Stellung bezog – beitrat, und 1987 auch deren Koordinierungsausschuss angehörte, stand Klier den Kirchen und vielen oppositionellen Basisgruppen kritisch gegenüber. Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen bemängelte sie die fehlende Solidarität und beklagte, dass die Gruppen zu wenig radikal dachten und handelten. Deshalb ist Klier auch weniger Gruppenzusammenhängen zuzuordnen, wenngleich sie mit den wichtigsten Oppositionellen in engem Kontakt stand. Da sie viel in der DDR herumkam, setzte sie sich intensiv für die landesweite Vernetzung oppositioneller Gruppen und Personen ein.

Im November 1987 wandten sich Klier und Krawczyk mit einem offenen Brief an SED-Chefideologen Kurt Hager. Dieser Brief fand in der DDR eine weite Verbreitung und wurde auch in westdeutschen Medien publiziert. Darin kritisierten sie den gesellschaftlichen Zustand in der DDR und forderten umfangreiche Reformen ein. Zur gleichen Zeit hatten beide beschlossen, am alljährlich im Januar abgehaltenen offiziellen Massenaufmarsch zu Ehren von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht mit eigenen Spruchbändern teilzunehmen. Ihr Ziel war es, auf den gesellschaftlichen Zustand kritisch hinzuweisen, aber auch auf die eigenen Berufsverbote aufmerksam zu machen. Da an dieser Demonstration am 17. Januar 1988 auch eine Reihe von Ausreisewilligen protestierend teilnehmen wollten, beschloss Klier jedoch, nicht zu dieser Veranstaltung zu gehen, um ihr eigenes Anliegen nicht mit den berechtigten Forderungen der Ausreisewilligen zu vermengen.

Dies nützte allerdings nichts, da das MfS die Aktion „Störenfried“ bereits Wochen zuvor genau geplant hatte. Zunächst wurden die Teilnehmer – insgesamt etwa 160 Personen – verhaftet, darunter Stephan Krawczyk, Vera Wollenberger und Herbert Mißlitz. Freya Klier wandte sich daraufhin mit einem viel beachteten und weit verbreiteten Appell an die Künstler in der Bundesrepublik und forderte diese auf, aus Solidarität nicht mehr in der DDR aufzutreten. Nur wenige Tage später nahm das MfS einige führende Oppositionelle, darunter neben Freya Klier auch Regina und Wolfgang Templin, Werner Fischer, Bärbel Bohley und Ralf Hirsch fest. Die SED-Medien entfachten zugleich eine Verleumdungskampagne gegen die Verhafteten; in der Bundesrepublik und der osteuropäischen Opposition kam es zu mannigfachen Solidarisierungserklärungen. Zugleich erklärten einige führende westdeutsche Politiker jedoch ihr Verständnis für die Maßnahmen. In der DDR-Gesellschaft selbst entwickelte sich die bis dahin größte Solidaritätswelle mit politischen Gefangenen seit 1953. Doch davon erfuhren die Inhaftierten selbst nichts, weil deren Rechtsanwälte inoffiziell für die Staatssicherheit tätig waren und sie über die wahre Situation im Unklaren ließen, ja sogar erklärten, es würde sich „draußen“ kein Mensch für ihr Schicksal interessieren. Um den angedrohten jahrelangen Gefängnisstrafen zu entgehen, entschlossen sich Freya Klier und Stephan Krawczyk, die DDR zu verlassen. Auch die anderen eingesperrten Oppositionellen verließen – zu unterschiedlichen Konditionen – die DDR. In der Bundesrepublik angekommen, mussten sie erkennen, dass sie hereingelegt worden waren. Sie erklärten nun, dass sie unter Druck gezwungen worden seien, die DDR zu verlassen, während einige maßgebliche linke DDR-Oppositionelle die beiden zu Verrätern abstempelten.

Seit ihrer Ausbürgerung aus der DDR lebt Klier in West-Berlin, wo sie bis heute als freischaffende Autorin, Regisseurin und Filmemacherin arbeitet. Sie kann auf ein reichhaltiges publizistisches Werk verweisen, wobei neben der Geschichte des Kommunismus und ihrer Bewältigung auch die nationalsozialistische Diktatur zu ihren Themen zählt. Zudem ist sie weiterhin politisch aktiv, arbeitet in der politischen Bildung, hält regelmäßig Vorträge vor Schülern und zählt zu den Gründungsmitgliedern des „Bürgerbüros“, einer Initiative in Berlin, die die Opfer des SED-Systems berät, unterstützt und eigene Aufarbeitungsprojekte verfolgt.

Ilko-Sascha Kowalczuk
Letzte Aktualisierung: 09/16