Freya Klier ist ein hervorragendes Beispiel für eine Künstlerin, die bewusst und dezidiert ihre gesellschaftliche Kritik sowohl künstlerisch als auch direkt und unmissverständlich politisch formulierte. Darin unterschied sie sich nicht nur von der überwiegenden Mehrheit der DDR-Künstler, sondern auch von den meisten „Szenekünstlern“ oder der „subkulturellen Avantgarde“, die völlig unpolitisch war. In der DDR galt sie nicht als oppositionelle Künstlerin, sondern vielmehr als eine künstlerisch-kreative Oppositionelle.

Am 4. Februar 1950 wurde Freya Klier als Kind einer Arbeiterin und eines Dekorateurs in Dresden geboren. Als ihr Vater 1953 in einem Gerangel seine Frau verteidigte und einen Mann schlug, kam er für ein Jahr ins Gefängnis – wie sich herausstellte, war der Geschlagene ein Volkspolizist. Freya und ihr Bruder mussten für ein Jahr in ein Wochenheim für Kinder, weil ihre Mutter strafversetzt im Schichtsystem arbeiten musste. Dieses Jahr prägte die beiden nachhaltig, zumal beide als Kinder eines politischen Häftlings betrachtet und entsprechend behandelt wurden.

1968 legte Freya Klier – für die DDR zu jener Zeit typisch – das Abitur ab und erwarb gleichzeitig einen Facharbeiterbrief als Maschinenbauzeichnerin. Ihre Schulzeit war gekennzeichnet von einem Dualismus, der für diese Generation prägend war: Obwohl Mitglied der Jungen Pioniere, nahm sie auch am außerschulischen Religionsunterricht teil, und später war sie trotz ihrer Mitgliedschaft in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) in der Jungen Gemeinde engagiert. Als ihr gerade 17-jähriger Bruder 1966 wegen angeblicher „Staatsverleumdung“ zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, wollte sie die DDR verlassen. Mit Bekannten aus einer schwedischen Theatergruppe plante sie ihre Flucht auf einem Handelsschiff mit einem gefälschten Pass. Kurz bevor das Schiff im Juli ablegte, wurde sie verraten und verhaftet. Sie erhielt 16 Monate Gefängnis, kam aber nach einem Jahr frei. Der Rest ihrer Strafe wurde zu zweijähriger Bewährung ausgesetzt.

In der Folgezeit schlug sich Klier als Postangestellte, Kellnerin und Disponentin durch. Wegen der Fürsprache einer Parteisekretärin konnte sie 1970 ein Schauspielstudium in Leipzig aufnehmen, das sie 1975 mit Diplom erfolgreich abschloss. Sie erhielt anschließend ein Engagement an einem kleinen Theater in Senftenberg. Da sie sich neben der Schauspielerei auch für Regiearbeit interessierte, begann sie 1978 in Berlin ein Regiestudium, das sie 1982 ebenfalls mit dem Diplom erfolgreich beendete.

In den 70er Jahren begann sich Klier für Kultur und Kunst Polens zu interessieren. Dies führte fast zwangsläufig auch zu einem kritischen Blick auf die Realitäten in den kommunistischen Staaten. Ihre Kritik versuchte sie fortan sowohl politisch als auch künstlerisch vorzubringen. Fast alle ihre zeitgenössischen Inszenierungen in DDR-Theatern erregten das Misstrauen und die Kritik der SED. Die meisten Stücke wurden nach kurzer Zeit entweder wieder abgesetzt oder so „uminszeniert“, dass nur noch wenig von der Handschrift Kliers übrig blieb. Dennoch erhielt sie 1984 einen Regiepreis für ihre Uraufführung des Stücks „Legende vom Glück ohne Ende“ von Ulrich Plenzdorf am Theater Schwedt, wo sie 1982–84 tätig war.

Klier inszenierte außerdem Stücke in Bautzen, Halle und am Deutschen Theater in Ost-Berlin. Auch als Mitglied des offiziellen Theaterverbandes wurde es ihr verwehrt, Einladungen zu Inszenierungen im Ausland (in Ungarn, den Niederlanden und der Bundesrepublik) anzunehmen. Der Grund hierfür dürfte gewesen sein, dass sie neben ihrer kritischen „offiziellen“ Theaterarbeit seit 1981 in der kirchlichen Friedensbewegung der DDR aktiv war. Sie engagierte sich im Pankower Friedenskreis (Ost-Berlin), der in der DDR-Oppositionsbewegung über viele Jahre hinweg zu den bekanntesten und aktivsten zählte. In diese politische Arbeit bemühte sich Klier stets, ihre künstlerischen Ambitionen zu integrieren. So inszenierte sie im Juli 1981 ein kleines Stück auf einem kirchlichen Friedensfest trotz der Androhung ihrer Hochschule, sie zu exmatrikulieren.

Um ihren künstlerischen Ansprüchen, die Situation in der Gesellschaft kritisch zu diskutieren, eine realitätsbezogene Basis zu geben, begann Freya Klier 1983 gezielt und heimlich Frauen zu deren Lebenssituation zu befragen. Sie war selbst ab 1973 alleinerziehende Mutter einer Tochter, sodass ihr schon aus dieser Erfahrung heraus der klaffende Widerspruch zwischen Propaganda und tatsächlicher Situation von Frauen in der Gesellschaft bewusst war. Mit ihrer Umfrage rüttelte sie an einem Tabu in der DDR. Denn demoskopische oder soziologische Befragungen waren nur einer verschwindend kleinen Minderheit von SED-treuen Wissenschaftlern erlaubt: Die Gefahr war zu groß, dass die „richtige Theorie“ von einer „falschen Empirie“ unterhöhlt würde.

Im Februar 1984 lernte Klier den Liedermacher Stephan Krawczyk kennen, der noch Anfang der 80er Jahre offiziell zu den hoffnungsvollen Nachwuchskünstlern gezählt hatte. Er erhielt 1981 einen Preis als bester Chansonsänger und war Mitglied der SED. Im April 1985 trat er aus der Partei aus und erhielt nur wenige Monate später ein landesweites Berufsverbot. Krawczyk war besonders für Jugendliche mit seinen kritischen Texten zur Identifikationsfigur geworden. Er galt als „Staatsfeind“ und „neuer Wolf Biermann“. Aber nicht nur Krawczyk, auch Klier wurde 1985 mit einem faktischen Berufsverbot belegt, was den Ausschluss aus dem Theaterverband nach sich zog. Beide erarbeiteten gemeinsam in den folgenden Jahren gesellschaftskritische Programme, mit denen sie vor allem in evangelischen Kirchen und Gemeinderäumen erfolgreich auftraten. Der Staat setzte die Kirchen unter Druck, solche Auftritte zu unterbinden. Immer mehr Kirchen- und Gemeinderäte verweigerten sich jedoch dieser Einflussnahme. Freya Klier und Stephan Krawczyk wurden zudem mit Ordnungsstrafen überhäuft.

 

 

Ilko-Sascha Kowalczuk
Letzte Aktualisierung: 09/16