Schriftsteller, bekanntester bulgarischer Satiriker, Verkörperung des zivilgesellschaftlichen Gewissens; eigentlicher Name: Dimitar Stojanow.

Radoj Ralin wurde 1923 in Sliwen geboren. Als Schüler war er Mitglied des Verbandes der Arbeiterjugend, der Jugendorganisation der Bulgarischen Kommunistischen Partei. Im Zweiten Weltkrieg meldete er sich 1944 freiwillig an die Front. Zurück in Bulgarien, wurde er 1945 in Sofia Zeuge der systematischen Verleumdungskampagne der Kommunisten gegen die „bürgerliche“ und „reaktionäre“ Intelligenz. Besonders nahe ging ihm die Hetze gegen den Dichter Atanas Daltschew. Die Repressalien gegen Anna Achmatowa und Michail Soschtschenko in der UdSSR sowie der Prozess gegen das kommunistische Regierungsmitglied Trajtscho Kostow, der des Verrats an der UdSSR beschuldigt wurde, ließen Ralin an der Richtigkeit der kommunistischen Ideologie zweifeln.

1949 erschien sein erstes Buch mit dem Titel „Stichotvorenija“ (Gedichte), das sofort von der kommunistischen Kritik gebrandmarkt. Fortan zog jede größere künstlerische oder soziale Aktivität Ralins wütende Angriffe des Regimes nach sich. Zum Beispiel wurde sein Versuch vereitelt, in Sliwen eine Zeitschrift mit dem Titel „Smjana“ herauszugeben.

Von September 1949 bis August 1951 hielt sich Ralin im Rahmen eines Kulturaustausches in der Tschechoslowakei auf. Nach der Rückkehr war er fast ein Jahr lang arbeitslos, nur mit viel Mühe gelang es ihm, eine Anstellung in der Redaktion des Satiremagazins „Stăršel“ (Hornisse) zu bekommen. Dies war das einzige Magazin, in dem eine wenn auch nur verdeckte Kritik an den Machtverhältnissen möglich war. Ralin rief ein der Zeitschrift nahestehende Satiretheater ins Leben. Dort wurde die Premiere des Stücks „Misija v Evropa“ (Mission in Europa), in dem die strengen Vorgaben des sozialistischen Realismus aufs Korn genommen wurden, im März 1953 enthusiastisch gefeiert. Nach mehr als 40 Aufführungen musste das Stück jedoch auf persönliche Anordnung des damaligen Ersten Sekretärs der Kommunistischen Partei Walko Tscherwenkow vom Spielplan genommen werden. Das gleiche Schicksal ereilte 1955 sein Stück „Sofija naša, zdravej!“ (Unser Sofia, sei gegrüßt!). Auch die Produktion seines Films „Laura“ wurde unterbunden. 1956 erschien Ralins Buch „Srogo poveritelno“ (Streng geheim), das die Parteipresse als „fremdes Werk, das sich im Fahrwasser kleinbürgerlicher Zügellosigkeit bewegt“, verunglimpfte. Ähnlich erging es 1960 seinem Buch „Bezopasni igli“ (Sicherheitsnadeln). Die künstlerischen Arbeiten Ralins wurden zur Zielscheibe nicht enden wollender Attacken.

Schon bald wurde Ralin zum bekanntesten Satiriker Bulgariens, der nicht davor zurückschreckte, die kommunistische Staatsmacht in der Öffentlichkeit zu kritisieren und die vom Staat mit Füßen getretene Freiheit und Gerechtigkeit zu verteidigen. Viele Jahrzehnte hindurch stellte er für den durchschnittlichen Bulgaren die Verkörperung des zivilgesellschaftlichen Gewissens dar.

1961 verlor Ralin seine Arbeit in der Redaktion des Satiremagazins „Stăršel“, fing im Literaturmagazin „Literaturni novini“ an, musste aber auch dort bald wieder aufhören. Ab Anfang 1963 arbeitete er für eine Filmproduktionsgesellschaft. Sein in Zusammenarbeit mit Waleri Petrow entstandenes Stück „Improvizacija“ (Improvisation) war von Anfang an äußerst populär, wurde dann aber zensiert und schließlich ganz verboten. Der im gleichen Jahr nach Ralins Drehbuch produzierte Film „Neverojatna istorija“ (Unglaubliche Geschichte) kam erst mit erheblicher Verspätung in die Kinos.

1967 begann Ralin, mit dem Verlag Bălgarski pisatel zusammenzuarbeiten. Die Machthaber versuchten, ihn für sich zu vereinnahmen und zugleich durch die Gewährung von Privilegien und Auszeichnung mit Preisen in den Augen der Öffentlichkeit zu diskreditieren. Parteichef Todor Schiwkow höchstpersönlich schickte ihm Glückwunschkarten. Die Antwort des Künstlers auf derlei Bemühungen waren bissige Epigramme.

1968 gab Ralin gemeinsam mit dem Zeichner Boris Dimowski eine Sammlung paraphrasierter Volkssprüche unter dem Titel „Luti čuški“ (Peperoni) heraus. Das Buch stellte den unumstrittenen Höhepunkt der damaligen politischen Satire dar. Es verschwand schon bald aus dem Buchhandel und wurde zu einer bibliophilen Kostbarkeit, unter anderem weil es die Zeichnung eines Schweineschwänzchens in der Gestalt der Unterschrift von Parteichef Schiwkow als Illustration zu dem Epigramm „Ein voller Bauch studiert nicht gern“ enthielt.

Iwan Spassow
Aus dem Polnischen von Gero Lietz
Letzte Aktualisierung: 06/17