Blaga Dimitrowa

Blaga Dimitrowa, 1922-2003

Blaga Nikolova Dimitrova

Блага Николова Димитрова

Schriftstellerin, die in ihren Werken Themen wie Menschenrechte, Demokratie und Gewissensfreiheit behandelte und dafür behördlichen Schikanen ausgesetzt war.

Dimitrowas Roman „Lice“ war auch Thema einer eigens anberaumten gemeinsamen Plenartagung des Kulturausschusses und der Leitungsebenen der bulgarischen Künstlerverbände. Bogomil Rajnow, Präsidiumsmitglied des Ausschusses und erster stellvertrtender Vorsitzender des Bulgarischen Schriftstellerverbandes, sah in dem Buch einen „Ausdruck ideologisch-schöpferischer Ratlosigkeit“, eine „Anschwärzung unserer Wirklichkeit“, die eine Verletzung des Klassenstandpunkts der Partei darstelle. Einzelne positive Rezensionen ernstzunehmender Kritiker wurden nicht abgedruckt. Geschah dies doch einmal, verloren die verantwortlichen Redakteure alsbald ihre Arbeit. Im Endeffekt landete der Roman im „Giftschrank“ und war neun Jahre lang verboten – ähnlich wie die Bibel oder die Epigramme des Satirikers #Radoj Ralin.

Auf der ersten unabhängigen Protestkundgebung am 18. November 1989 in Sofia trugen Demonstranten außer Protestplakaten auch zwei Bücher: „Fašismăt“ (Faschismus) von #Schelju Schelew und „Lice“ von Blaga Dimitrowa. Die späteren „Lice“-Ausgaben (1990, 1997) enthielten alle zuvor als „feindlich“ eingestuften Passagen, darunter die Bekenntnisse eines hochrangigen Parteifunktionärs: „Kennst du nicht das Geheimnis des Aufstiegs? […] Mit dem Fleck auf der Weste weiter voran! Bist Du befleckt, kannst Du sicher sein. Du wirst gehorchen! […] Denn so ein Fleck ist wie ein Knopf im Fahrstuhl. Jemand drückt den Knopf und du fährst nach oben. Bist du allerdings nicht artig, drücken sie den Knopf erneut und es geht abwärts. Es geht nur um die Fähigkeit, den Fleck entsprechend zu nutzen!“

Zum Gesamtwerk Dimitrowas gehören nicht zuletzt drei Gedichtbände, in denen sie die menschliche Würde vor der Leere des Totalitarismus verteidigte, sowie Übersetzungen dänischer, schwedischer und deutscher Literatur.

Nach Einleitung der Perestroika in der UdSSR kam es auch in Bulgarien zu einem politisch-gesellschaftlichen Tauwetter. Dimitrowa war Gründungsmitglied des Gesellschaftlichen Komitees für den Schutz der Umwelt von Russe (März 1988) und des Klubs für Glasnost und Perestroika (November 1988). Von Zuhause aus übermittelte sie wiederholt Kommentare zur politischen Situation in Bulgarien an ausländische Rundfunksender wie Radio Freies Europa, die Deutsche Welle und die BBC.

Am 19. Januar 1989 nahm Dimitrowa anlässlich des Staatsbesuches von François Mitterand in Bulgarien gemeinsam mit anderen führenden bulgarischen Intellektuellen an einem Frühstück mit dem französischen Staatspräsidenten teil. An der Teilnahme an einem Essen mit der Präsidentengattin Danielle Mitterand wurde sie jedoch vom Staatssicherheitsdienst gehindert.

Am 4. Juli 1989 verfasste Dimitrowa ihren berühmten Essay „Imeto“ (Name), in dem es um den sogenannten Prozess der Wiedergeburt ging. Alexej Scheludko, Mitglied des Klubs für Glasnost und Perestroika, übermittelte den Text an den französischen Diplomaten Yves Manville, der ihn dann in westlichen Rundfunksendern verbreiten ließ. Dimitrowa war auch Initiatorin einer Solidaritätserklärung für den inhaftierten #Václav Havel, die von 102 Intellektuellen unterzeichnet und in Radio Freies Europa verlesen wurde. Zu den Unterzeichnern gehörten die Schriftsteller Iwan Radojew, #Radoj Ralin, Michail Welitschkow, Waleri Petrow (Mitglieder des Bulgarischen Schriftstellerverbandes), #Schelju Schelew, die Literaturwissenschaftlerin Elka Konstantinowa, die Schauspieler Ilka Safirowa und Bogdan Glischew sowie der Philosoph Dejan Kjuranow. Auf Einladung von Danielle Mitterand nahm Dimitrowa am 2. Juni 1989 in Paris an einer internationalen Menschenrechtskonferenz teil. Zeitgleich organisierten die Behörden vor Dimitrowas Haus eine Kundgebung, auf der die Losung „Verräter raus aus dem Land!“ skandiert wurde. Dimitrowas Mann Wassilew, Chefredakteur der von der Union Demokratischer Kräfte herausgegebenen Zeitung „Demokracija“, hatte man bereits am 5. Mai 1989 verhaftet.

Nach dem Ende der kommunistischen Diktatur in Bulgarien war Dimitrowa 1991–94 Abgeordnete der Nationalversammlung. Am 19. Januar 1992 wurde sie Vizepäsidentin Bulgariens (Staatspräsident wurde #Schelju Schelew). 1993 trat sie jedoch von diesem Amt zurück.

Dimitrowas Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt, sie selbst wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. Der polnische PEN-Club ehrte sie 1977 für ihr übersetzerisches Gesamtwerk, ihr wurden der schwedische Lundkvist-Preis (1986) und der deutsche Herder-Preis (1992) verliehen. 1993 erhielt sie den französischen Orden für Verdienste um die Freiheit. 1995 wurde sie für ihre Verdienst im Unabhängigkeistkampf des vietnamesischen Volkes geehrt. Sie war Mitglied der Stiftung Offene Gesellschaft und des Soros-Kunstzentrums.

Silwija Borisowa
Aus dem Polnischen von Gero Lietz
Letzte Aktualisierung: 08/17