Schriftstellerin, die in ihren Werken Themen wie Menschenrechte, Demokratie und Gewissensfreiheit behandelte und dafür behördlichen Schikanen ausgesetzt war.

Blaga Dimitrowa wurde 1922 in Bjala Slatina geboren. Nach dem Abitur in Sofia studierte sie Slawische Philologie an der Universität Sofia. Ihre akademische Laufbahn setzte sie in der Sowjetunion (in Leningrad und Moskau) fort, wo sie 1950 den Doktortitel erlangte. Sie war anschließend Redakteurin in der Lyrikabteilung der vom Bulgarischen Schriftstellerverband herausgegebenen Monatsschrift „Septemvri“. 1952–54 arbeitete sie in Südbulgarien in den Rhodopen, wo sie Stoff für ihren ersten Roman „Patuvane kam sebe si“ (Die Reise zu uns selbst, 1965) sammelte.

1962 arbeitete Dimitrowa als Redakteurin im Verlag Bulgarski pisatel des Bulgarischen Schriftstellerverbandes, wo sie sich für die Veröffentlichung von Werken junger Autoren einsetzte, die staatlicherseits kein hohes Ansehen genossen, darunter Konstantin Pawlow, Stefan Zanew und Nikolaj Kantschew. Nach einer intellektuellenfeindlichen Rede von Parteichef Todor Schiwkow wurde die Herausgabe der Bücher jedoch gestoppt, woraufhin Dimitrowa als Zeichen ihres Protestes die Arbeit im Verlag aufkündigte. Die bereits geplanten Bände erschienen später, allerdings in einer zensierten Fassung. Dimitrowa arbeitete fortan für den Verlag Narodna kultura. 1966 lektorierte sie den Gedichtband „Beležnik“ (Aufzeichnungen) des Dichters Stefan Getschew, gegen den eine vernichtende ideologische Kampagne lief. Die Kritik richtete sich auch gegen Dimitrowa als Lektorin des Bandes.

Während des Vietnamkrieges besuchte sie mehrfach das vom Krieg zerstörte Land. Aus diesen Erfahrungen heraus entstanden ihre Bücher „Osadeni na ljubov“ (Verurteilt zur Liebe, 1969), „Strašnijat săd“ (Das Jüngste Gericht, 1969) und „Podzemno nebe“ (Unterirdischer Himmel, 1972). Sie adoptierte ein vietnamesisches Waisenkind. Nach der Selbstverbrennung von Jan Palach und der Niederschlagung des Prager Frühlings durch den Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei im August 1968 verfasste sie das Gedicht „Jan Palach“, das sie handschriftlich an den Bulgaristen Miloš Vojta in der Tschechoslowakei schickte (das Manuskript ist nicht erhalten). Sie pflegte Kontakte zu Lumír Čivrný, Milan Uhde und anderen Intellektuellen der tschechoslowakischen Opposition.

Die 70er Jahre waren für Dimitrowa von besonderer Aktivität gekennzeichnet. Sie schrieb mehrere Bücher, mit denen sie zur Gewissensbildung der Bulgaren beitragen wollte. Angesichts jahrzehntelanger offizieller tendenziöser Geschichtsklitterung in Bulgarien gaben Dimitrowa und ihr Ehemann, der Literaturkritiker Jordan Wassilew, 1975 die Bücher „Mladostta na Bagrjana“ (Die Jugend der Bagrjana) und „Dni černi i beli“ (Schwarze und weiße Tage) heraus. Diese stellten eine Biografie der bulgarischen Dichterin Elisaweta Bagrjana (1893–91) dar. Erinnerungen der Dichterin sowie Gespräche mit ihr lagen den Büchern zugrunde. Da in ihnen auch zahlreiche von der offiziellen kommunistischen Propaganda verleugnete Kultur- und Literaturschaffende ihren Platz fanden, wurden die Bände zuerst von der offiziellen Kritik zerrissen und dann auf den Index gesetzt. Die Autoren galten fortan als „Fälscher der historischen Wahrheit“ und als „Ideologieschmuggler“.

Die Schärfe der staatlichen Reaktionen war auch auf eine positive Rezension von #Georgi Markow am 15. Juli 1975 in Radio Freies Europa zurückzuführen. Markow hatte kritisch bemerkt, dass in offiziell veröffentlichten Tagebüchern von Partisanen und politischen Erinnerungen die Sicht der Partei eine menschliche Sichtweise komplett verdrängt habe, was den allgemeinen Eindruck von Fälschungen hinterlasse. Der größte Vorzug der Bücher von Dimitrowa und Wassilew sei daher seine menschliche Glaubwürdigkeit. Eine Übersetzung der Bücher für das Ausland wurde nicht genehmigt, obgleich Jugoslawien, Rumänien und Polen Interesse bekundeten. Das Erscheinen des dritten Bandes „Bagrjana i nejnite spatnicy“ (Bagrjana und ihre Weggefährten) wurde von der Zensur verhindert.

1981 veröffentlichte Dimitrowa nach vier Jahren erfolgloser Bemühungen schließlich ihren Schlüsselroman „Lice“ (Das Gesicht) über das kommunistische Regime und die Verheerungen, die es in der Persönlichkeit der Menschen anrichtete. Die Ungarische Revolution von 1956 und das Echo darauf in Bulgarien hatten sie zu diesem Roman inspiriert. Obwohl das Buch nur in einer zensierten Form erscheinen konnte, wurde der größte Teil der Auflage von 30.000 Exemplaren schnell wieder aus dem Buchhandel entfernt, nachdem kommunistische Kritiker es als „schwarzseherisch“ und „parteifeindlich“ gebrandmarkt hatten. In der vom Bulgarischen Schriftstellerverband herausgegebenen Wochenzeitschrift „Literaturen front“ erschien 1982 in Nr. 23 anonym ein vernichtender Artikel mit dem Titel „Über die Wahrheit in unserem Leben und über ein gewisses Buch“. Bereits zuvor waren hier beleidigende Beiträge über „Lice“ erschienen, die nahelegten, das Buch sei von feindlichen ausländischen Kräften inspiriert worden.

Silwija Borisowa
Aus dem Polnischen von Gero Lietz
Letzte Aktualisierung: 08/17