Nach dem Bruch mit den Ostblockstaaten Anfang der 60er Jahre leitete das albanische Regime die Phase der sogenannten zweiten Revolution ein. Hauptzielscheibe der Repressalien waren nun gesellschaftliche Gruppen, die vom herrschenden System als anachronistisch eingestuft wurden: Bauern, die sich weigerten, den Produktionsgenossenschaften beizutreten, sowie Geistliche aller Konfessionen. 1967 beschloss die Regierung, sämtliche Kirchen zu schließen und die Geistlichen von ihren Pflichten zu entbinden. Fortan war die Ausübung von Religion gleichbedeutend mit „feindlicher Propaganda“ und damit ein Verbrechen gegen den Staat. Zur Kategorie der „Staatsfeinde“ zählten fortan alle Personen, die verbotene religiöse Praktiken weiterführten, und auch solche, die religiöse Literatur besaßen oder Gegenstände, die dem religiösen Kult dienten. Zu den grausamsten und auch international bekanntgewordenen Beispielen aus diesem Kapitel albanischer Geschichte zählt der Fall des katholischen Priesters Shtjefën Kurti, der 1971 zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, weil er ein Kind getauft hatte.

In dem ab 1977 geltenden Strafgesetzbuch drohten für Staatsverrat – und als solcher galt unter anderem auch der Versuch, Albanien zu verlassen – 15 bis 17 Jahre Haft. In der Praxis war es zudem sehr oft so, dass Gefängnisstrafen unter jedem noch so nichtigen Vorwand verlängert wurden. Die Rechte waren extrem eingeschränkt, während der Gerichtsverhandlungen wurden sie nur selten von entsprechend ausgebildeten Rechtsanwälten verteidigt. Statt die Interessen ihrer Mandanten im Blick zu haben, konzentrierten sich die Verteidiger in viel größerem Maße auf ideologisch geprägte Überlegungen. Auch die Dienstvorschriften für die Gerichte sah explizit vor, sich bei Beschlüssen von den Prinzipien des Klassenkampfes leiten zu lassen.

Der Versuch, die letzten „religiösen Relikte“ komplett auszumerzen, scheiterte jedoch. Die in den Schutz der häuslichen Privatsphäre verlegten religiösen Praktiken entzogen sich der Kontrolle des Sicherheitsapparates. In den 80er Jahren bescheinigte selbst die Parteiführung ihrer antireligiösen Politik einen nur unzureichenden Erfolg. Letztlich führte das dazu, dass nach und nach die „ehemaligen Geistlichen“ aus den Gefängnissen und Arbeitslagern entlassen wurden.   Für die Zeit ab den 60er Jahren ist es schwierig, überhaupt von organisierten, bewussten Formen des politischen Widerstandes in Albanien zu sprechen. Die Furcht davor, denunziert oder wegen einer Unterlassung angeklagt zu werden, sowie die Angst um das Schicksal der eigenen Familie leisteten unterwürfigen Verhaltensweisen Vorschub. Unabhängig von der allumfassenden Kontrolle durch die Geheimpolizei Sigurimi beteiligte sich auch die Gesellschaft selbst aktiv daran, faktische und potenzielle Systemfeinde aufzuspüren. Viele Albaner machten aus Angst oder Konformismus mit, andere aus Missgunst oder Karrierismus. In einem Staat, der ein einziges falsches Wort oder fehlende Aktivität als Verbrechen einstufte, wurden aus mitunter gänzlich unverfänglichen und oft zufälligen Verhaltensweisen rebellische Taten.

Selbst die politischen Gefangenen in Albanien lassen sich mit Kategorien der bewussten Opposition oder des politischen Dissidententums, wie sie zur Beschreibung der anderen kommunistischen Länder verwendet werden, nur sehr schwer beschreiben. Gemäß der stalinistischen Devise „lieber einhundert Unschuldige erschießen als einen Schuldigen am Leben lassen“ reichte hierzulande ein mit fingierten Beweisen angereichertes Gerücht oder eine Denunziation, um einen Menschen für Dutzende von Jahren hinter Gitter zu bringen. Repressalien ausgesetzt war auch das literarische Milieu, dem eine besondere Rolle bei der Formung der neuen, kommunistischen Mentalität zugedacht war. Zu den politischen Gefangenen gehörte unter anderen Kasëm Trebeshina, der in einem offenen Brief an Enver Hoxha die Kulturpolitik des Staates kritisiert hatte. Aus politischen Gründen inhaftiert war auch Fatos Lubonja, dessen private Aufzeichnungen als Beweise für seine staatsfeindliche Haltung herangezogen wurden. Die beruflich aktiven Schriftsteller, mit dem Liebling des Regimes Ismail Kadare an der Spitze, füllten die ihnen zugedachte Rolle dagegen perfekt aus: Sie verherrlichten das bestehende System.

Tadeusz Czekalski
Aus dem Polnischen von Gero Lietz
Letzte Aktualisierung: 05/17