Glossar

Gefängnis von Tschistopol

Gefängnis von Tschistopol (Čistopolskaja tjur‘ma), einer Kreisstadt in der Tatarischen Sowjetrepublik, etwa 800 Kilometer östlich von Moskau. 1978 brachte man alle politischen Gefangenen aus dem Wladimir-Gefängnis dorthin. Bis Ende der 80er Jahre wurden in Tschistopol unter anderem wegen sogenannter „antisowjetischer Agitation und Propaganda“ für schuldig befundene, angeblich „besonders gefährliche Staatsverbrecher“ festgehalten, die zu Gefängnis- und nicht zu Lagerhaft verurteilt worden waren. Hinzu kamen Häftlinge, die wegen „Verstößen gegen die Lagerordnung“ aus Straflagern hierher verlegt wurden. 1986 starben im Gefängnis Tschistopol die politischen Häftlinge Mark Morosow und Anatoli Martschenko.

Generation der Sechziger

Umgangssprachliche Bezeichnung für Angehörige der unangepassten schöpferischen Intelligenz der Ukraine (hauptsächlich Schriftsteller und Künstler), die auf der Welle des Tauwetters von 1956 eine informelle Bewegung für die Wiedergeburt der ukrainischen Sprache und Kultur ins Leben riefen. Die „Sechziger“ (šistdesjatnyky) wandten sich gegen die Russifizierung ihres Landes und die Fälschung der ukrainischen Nationalgeschichte. Sie forderten eine Wiederaneignung des offiziell beschwiegenen literarischen Erbes: der ukrainischen Klassiker des 19. Jahrhunderts und der als „erschossene Wiedergeburt“ bezeichneten verfolgten Schriftsteller der 20er und 30er Jahre.

Vertreter der Generation der Sechziger waren zum Beispiel Ihor Kalynec, Iwan Dschuba, Jewhen Swerstiuk, Iwan Switlyczny, Wjetscheslaw Tschornowil, Michailo Horn, Walentyn Moros, Hryhori Kotschur, Alla Horska, Iwan Dratsch und Les Taniuk. Sie durchliefen in der Regel eine Entwicklung von der kulturellen und ästhetischen Kritik am sozialistischen Realismus hin zum Widerstand gegen das Regime auch in nationalen und Menschenrechtsfragen. Sie schufen die Fundamente einer unabhängigen Publikationspraxis und gründeten halboffizielle Kulturinstitutionen wie den Klub der schöpferischen Jugend.

Gesellschaft für Wissenschaftliche Kurse

Im September 1978 gegründete unabhängige wissenschaftliche Vereinigung, die das Ziel verfolgte, das staatliche Monopol in der Hochschullehre zu durchbrechen. Die Gesellschaft für Wissenschaftliche Kurse (Towarzystwo Kursów Naukowych; TKN) bot Vorlesungen, Seminare und andere Kurse an und gab außerdem Literatur heraus. Die Kurse fanden in Privatwohnungen und kirchlichen Räumlichkeiten statt. In den Lehrveranstaltungen wurden Themen aufgegriffen, die im offiziellen akademischen Diskurs fehlten: Es ging um Literatur und Kultur (Referenten: Tomasz Burek, Andrzej Werner, Wiktor Woroszylski), Geschichte und Ideengeschichte (Władysław Bartoszewski, Bohdan Cywiński, Jerzy Jedlicki, Adam Michnik), Soziologie (Jan Strzelecki, Andrzej Tyszka), Philosophie (Stefan Amsterdamksi) und Ökonomie (Tadeusz Kowalik).

Die Gesellschaft sah sich in der Tradition der unabhängigen Lehre und organisierte zahlreiche private Seminare, ab 1977 dann die sogenannte Fliegende Universität (Latający Uniwersytet), in deren Rahmen Vorlesungsreihen stattfanden. Deren Name und Organisationsform knüpften an die Zeit der Teilungen Polens an. Die am 22. Januar 1978 formal gegründete Gesellschaft für Wissenschaftliche Kurse übernahm die Schirmherrschaft über diese Veranstaltungen und organisierte weitere. Zu ihren Mitgliedern zählten Vertreter der wichtigsten akademischen Zentren Polens, sie kamen unter anderem von der Universität Warschau, der Jagiellonen-Universität Krakau, der Nikolaus-Kopernikus-Universität Thorn (Toruń) und der Katholischen Universität Lublin (Mirosława Chamcówna, Izydora Dąmbska, Michał Głowiński, Stanisław Hartman, Maria Janion, Adam Kersten, Marian Małowist, Henryk Wereszycki und andere). Unter ihnen waren auch einige Mitglieder der Polnischen Akademie der Wissenschaften wie Waclaw Gajewski, Konrad Górski oder Edward Lipiński sowie etliche prominente polnische Schriftsteller wie Stanisław Barańczak, Marian Brandys, Kornel Filipowicz, Tadeusz Konwicki und Wisława Szymborska.

Die Arbeit der Gesellschaft für Wissenschaftliche Kurse leitete ein Programmrat (Rada Programowa). Diesem gehörten Stefan Amsterdamski, Bronisław Geremek, Aldona Jawłowska, Jerzy Jedlicki, Jan Kielanowski, Waldemar Kuczyński und andere an; Sekretäre des Rates waren Andrzej Celiński und später Wojciech Ostrowski.

Die Gesellschaft richtete auch eine Stipendienkommission ein (Hanna Buczyńska-Garewicz, Barbara Skarga, Marek Barański, Władysław Kunicki-Goldfinger, Jan Józef Lipski, Jacek Woźniakowski), die dank der Unterstützung ausländischer Wissenschaftler und des Fonds des KSS „KOR“ in der Lage war, Nachwuchswissenschaftler finanziell zu fördern, die aufgrund ihres oppositionellen Engagements keine Chance hatten, von offiziellen Institutionen gefördert zu werden.

Von Anfang an erfreuten sich die für alle offenen Vorlesungen unter den Studierenden großer Beliebtheit. Ab Herbst 1978 wurden sie jedoch von Mitarbeitern der Staatssicherheit und der Miliz massiv behindert, teilweise schickte die Partei auch Schlägertrupps in die Veranstaltungen, die sich aus Mitgliedern des offiziellen Sozialistischen Studentenverbandes rekrutierten. Nach einigen tätlichen Übergriffen auf Kursteilnehmer rückten die Veranstalter von der offenen Form ab. Fortan fanden die Seminare als geschlossene Veranstaltungen statt, an der nur eine bestimmte Anzahl von Studenten teilnehmen konnte. Mit der Gründung der Solidarność wurde der offene Charakter der Kurse wiederhergestellt.

Etliche der Vorlesungen und der akademischen Seminare wurden in gedruckter Form oder als Tonbandaufnahmen publiziert. Für die Veröffentlichung sorgte das Unabhängige Verlagshaus NOWA im Rahmen der Schriftenreihe „Zeszyty Naukowe TKN“ (Wissenschaftliche Hefte der Gesellschaft für Wissenschaftliche Kurse).

Marek Kunicki-Goldfinger

Gesellschaftliches Komitee für die Wissenschaft

Unabhängiges, 1983–89 existierendes Gremium im Untergrund. Ziel des Gesellschaftlichen Komitees für die Wissenschaft (Społeczny Komitet Nauki; SKN) war die Organisierung eines konspirativen Wissenschaftsbetriebes sowie die Unterstützung für Personen, die die Hochschulen zwangsweise verlassen mussten. Finanziell gefördert wurden Wissenschaftler und Studierende, denen es aus politischen Gründen verwehrt war, unabhängige wissenschaftliche Forschung zu betreiben. Es wurden Programme für die wissenschaftliche Lehre erarbeitet und Übersetzungen fremdsprachiger Bücher und Aufsätze angefertigt, um so dem Bedarf in Wissenschaft, Bildung und Kultur entgegenzukommen.

Im Rahmen dieses Programms erarbeitete das Komitee Berichte zum Zustand der Forschungslandschaft und zum Ausmaß politischer Repressionen an den Hochschulen. Es förderte Forschungsprojekte zu den Folgen der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986, zur Umweltverschmutzung in der Ostsee und zu den gesundheitlichen Auswirkungen der oberschlesischen Industrie. Im Komitee erarbeitete man wissenschaftliche (mathematische) Methoden zur Ermittlung der tatsächlichen Wahlbeteiligung, die dann von der Untergrund-Solidarność angewandt wurden. 1985 bereitete das Gesellschaftliche Komitee für Wissenschaft einen internationalen Protest von mehr als 100 westlichen Forschern und Intellektuellen vor, der sich gegen die Pläne der polnischen Regierung richtete, die Hochschulautonomie zu beschneiden. Erarbeitet wurden außerdem ein Ehrenkodex für Wissenschaftler und eine Wissenschaftsreform für die polnischen Hochschulen, die nach den halbfreien Parlamentswahlen im Juni 1989 umgesetzt wurde.

Das Komitee gab auch Bücher und Zeitschriften heraus, unter anderen den „Serwis Informacyjny Społecznego Komitetu Nauki“ (Informationsservice des Gesellschaftlichen Komitees für die Wissenschaft), den „Almanach Humanistyczny“ (Humanistischer Almanach) und „Aletheia“.

Das Umfeld des Komitees konnte auf Erfahrungen zurückgreifen, wie sie in der inoffiziellen Gesellschaft für Wissenschaftliche Kurse, im halblegalen Gesprächskreis „Erfahrung und Zukunft“ (Doświadczenie i Przyszłość; DiP) und in den legalen Strukturen der Hochschul-Solidarność gesammelt worden waren. Nach Ausrufung des Kriegsrechts wurde das Komitee Teil der gesellschaftlichen Bewegungen im Untergrund, zu denen auch die Arbeitsgruppe „Unabhängige Bildung“ (Zespół Oświaty Niezależnej mit Krystyna Starczewska, Edward Wieczorek), das Komitee für Unabhängige Kultur (Komitet Kultury Niezależnej mit Teresa Bogucka, Andrzej Osęka, Aleksander Wojciechowski), der Gesellschaftliche Gesundheitsausschuss (Społeczna Komisja Zdrowia mit Zofia Kuratowska), das Helsinki-Komitee (mit Stefan Starczewski, Marek Nowicki) sowie der Rat für Nationale Bildung (Rada Edukacji Narodowej mit Anna Radziwiłł, Jerzy Szacki) gehörten. Die drei erstgenannten Organisationen konstituierten gemeinsam mit dem Gesellschaftlichen Komitee für die Wissenschaft den Zusammenschluss OKN (Oświata – Kultura – Nauka/Bildung – Kultur – Wissenschaft) als Gremium, das die Aufgabe hatte, die aus dem Ausland ins Land strömenden Finanzmittel unter den Organisationen aufzuteilen. Ihre Vertreter im Ausland waren Leszek Kołakowski, Eugeniusz Smolar sowie Irena und Jan Piotr Lasota.

Dem Gesellschaftlichen Komitee für die Wissenschaft gehörten unter anderen an: Stefan Amsterdamski, Janusz Grzelak, Zygmunt Łuczyński, Barbara Malak, Michał Nawrocki, Barbara Stanosz, Witold Karczewski, Klemens Szaniawski (inoffizieller Vorsitzender), Andrzed Ziabicki und Jerzy Wocial. Mit dem Komitee kooperierte die unabhängige, 1982 etablierte Stipendienkasse (Kasa Pomocy Stypendialnej), in der sich neben Komiteemitgliedern auch Władysław Kunicki-Goldfinger, Barbara Skarga, Antoni Rey, Benedykt Zientara und Andrzej Wyrobisz engagierten. Das Gesellschaftliche Komitee verfügte über Ableger an allen wichtigen polnischen Hochschulstandorten: in Krakau, Breslau, Danzig, aber auch in Lublin, Posen, Lodz, Stettin und in Oberschlesien.

Marek Kunicki-Goldfinger

Gesellschaftsvertrag

Politisches Programm, das im Juni im Umfeld der ungarischen Untergrund-Zeitschrift „Beszélő“ (Sprecher) erarbeitet und publiziert wurde. Die Autoren waren János Kis, Ferenc Kőszeg und Ottilia Solt. Das Programm des Gesellschaftsvertrages (Társadalmi Szerződés) bestand aus drei Teilen:

  1. Handeln in der Krise;
  2. Was fordern wir? (I. durch die Verfassung garantierte Einschränkung der Allmacht der Partei, unabhängige Gesetzgebung, eine reale Regierungsverantwortung; II. gesetzlich garantierte Freiheit; III. Arbeitnehmerrechte, Recht zur Gründung von Gewerkschaften; IV. soziale Absicherung, eine entsprechende Sozialpolitik; V. Bürgerrechte);
  3. Breiterer Kontext.

 

Im Vergleich zu vorherigen programmatischen Vorstellungen der Opposition war der jetzt vorliegende Text des Gesellschaftsvertrages konsistenter und zugleich radikaler. Aufgrund der Veröffentlichung des Gesellschaftsvertrages lehnte das nationalkonservative Lager ein zweites Treffen in Monor ab.

Glasnost-Kundgebung

Erste Menschenrechtsdemonstration in der Sowjetunion. Sie fand am 5. Dezember 1965, dem offiziellen Feiertag der sowjetischen Verfassung auf dem Puschkin-Platz in Moskau statt. Der Mathematiker und Dichter Alexander Jessenin-Wolpin hatte die Demonstration angeregt und gemeinsam mit Jelena Strojewa und Waleri Nikolski das Flugblatt „Graždanskoe obraščenie“ (Bürgerappell) verfasst, vervielfältigt und mit Hilfe der Mitglieder der Gruppe SMOG mehrere Hundert Exemplare davon in der Hauptstadt verteilt. Darin wurde zur Teilnahme an der Kundgebung aufgerufen und von den Behörden gefordert, dass der Prozess gegen Andrei Sinjawski und Juli Daniel in Übereinstimmung mit der Verfassung öffentlich stattfinden solle.

An der Demonstration nahmen unterschiedlichen Angaben zufolge zwischen mehreren Dutzend bis 200 Personen teil. Sie wurde von der Polizei auseinandergetrieben, mehrere Personen wurden verhaftet. Die Kundgebung auf dem Puschkin-Platz fand seitdem jedes Jahr als Schweigedemonstration zur Unterstützung politisch Verfolgter statt. 1977 wurde aufgrund der neu verabschiedeten sowjetischen Verfassung und des deshalb verschobenen Feiertages die Kundgebung auf den 10. Dezember verlegt. Dies war der Tag der Menschenrechte, der aus Anlass der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte begangen wird. Die Glasnost-Kundgebung gilt als Beginn der Menschenrechtsbewegung in der UdSSR.

Goma-Bewegung

Die Goma-Bewegung (Mișcarea lui Goma) entstand in Rumänien als Kreis von Personen, die den Schriftsteller #Paul Goma unterstützten. #Paul Goma konnte in den 70er Jahren nur im Westen publizieren, in Rumänien durften seine Werke nicht erscheinen. Im Januar 1977 wandte er sich in einem Brief an den tschechoslowakischen Schriftsteller Pavel Kohout. In diesem Brief, dessen Wortlaut von Radio Freies Europa verbreitet wurde, brachte er seine Unterstützung für die Charta 77 in der Tschechoslowakei zum Ausdruck. Einige Tage später wandte er sich in einem Brief an Parteichef Nicolae Ceaușescu, in dem er diesem vorschlug, das tschechoslowakische Dokument ebenfalls zu unterzeichnen. #Paul Goma wurde damals zum Vorbild für viele Menschen, die ebenfalls aktiv werden wollten. Ergebnis der gemeinsamen Bemühungen war ein weiterer Brief, diesmal an die Teilnehmer der Belgrader KSZE-Folgekonferenz. In diesem Schreiben wurde die Verletzung der Menschenrechte in Rumänien angeprangert. Ihn unterschrieben unter anderen #Paul Gomas Ehefrau Ana Maria Năvodaru, die Maler Carmen und Sergiu Manoliu und die Musiker Emilia und Erwin Gesswein. Ceaușescu verurteilte die Initiative aufs Schärfste.

Im Februar 1977 legten die Behörden den Unterzeichnern die sofortige Ausreise aus Rumänien nahe, Miliz- und Securitate-Kräfte umstellten Gomas Wohnung. Trotzdem solidarisierten sich immer mehr Menschen mit dem Schriftsteller, insgesamt hatte er ungefähr 200 Unterstützer (später stellte sich heraus, dass ein Teil von ihnen lediglich die Ausreise aus Rumänien anstrebte; das Gerücht hatte sich nämlich verbreitet, dass alle Unterstützer Gomas von den Behörden einen Pass erhalten würden). Ende März 1977 gab #Paul Goma dem französischen Fernsehen ein Interview und wurde unmittelbar darauf am 1. April 1977 verhaftet. Nachdem sich im Westen viele Menschen für ihn eingesetzt hatten, kam er am 6. Mai 1977 aus der Haft frei und konnte Rumänien am 20. November 1977 verlassen.

„Grani“

Russischsprachige Vierteljahresschrift über Literatur, Kunst, Wissenschaft und gesellschaftspolitisches Denken, die zwischen 1946 und 1998 vom Volksarbeitsbund der russischen Solidaristen (Narodno-trudovoj sojuz rossijskich solidaristov) herausgegeben wurde. In „Grani“ erschienen Texte, die aufgrund der Zensurbeschränkungen im Land nicht erscheinen konnten. Die Zeitschrift wurde in Westdeutschland gedruckt und in die Sowjetunion geschmuggelt. Sie zu besitzen und zu verbreiten sowie in ihr zu publizieren zog Repressionen der Staatsorgane nach sich. Nach 1990 wurde die Zeitschrift legal in Moskau gedruckt und in der Sowjetunion vertrieben.

Gruppe für den gesellschaftlichen Dialog

Demokratische Nichtregierungsorganisation in Rumänien, in der sich ehemalige Oppositionelle zusammengeschlossen hatten. Die Gruppe für den gesellschaftlichen Dialog (Grupul pentru Dialog Social) wurde im Januar 1990 von namhaften Intellektuellen, darunter Radu Filipescu, Ana Blandiana und #Doina Maria Cornea, gegründet. Die Gruppe gibt die für den öffentlichen Meinungsbildungsprozess wichtige Wochenschrift „22“ heraus, die nach dem Tag des Sturzes des Ceaușescu-Regimes am 22. Dezember 1989 benannt ist. Sie verleiht außerdem seit 1994 jedes Jahr Preise an Persönlichkeiten, die sich um die Demokratie in Rumänien verdient gemacht haben.