Glossar

„Verstand schafft Leiden. Portraits von zwanzig ‚Kriminellen‘“

Erste jenseits der Zensur herausgegebene ukrainische Sammlung von Quellen, die 1967 von Wjatscheslaw Tschornowil zusammengestellt wurde. Sie enthielt Materialien über die erste Verhaftungswelle ukrainischer Intellektueller 1965/66. Unter dem Titel „Verstand schafft Leiden. Portraits von zwanzig ‚Kriminellen‘“ (Lycho z rozumu. Portrety dvacaty „zločynciv“) fasste die Dokumentation biografische Skizzen von 20 politischen Häftlingen, ihre Gerichtsurteile, Briefe, Petitionen, literarischen Werke und Grafiken zusammen. Dem Band war außerdem eine Liste von Gefangenen des DubrawLags (mordwinische Lager) beigefügt, die sich zwischen 1942 und 1954 am Kampf um die Unabhängigkeit der Ukraine beteiligt hatten, sowie von Ukrainern, die für ihre religiösen Überzeugungen verurteilt worden waren. Das Buch wurde in viele Sprachen übersetzt und der Autor mit einem internationalen Journalistenpreis ausgezeichnet.

„Vestnik russkogo christianskogo dviženija“

Russische Zeitschrift für religionsphilosophische, politische und literarische Themen. Der „Vestnik russkogo christianskogo dviženija“ (Bote der Russischen Christlichen Bewegung) ist die Zeitschrift der „Russischen Studentischen Christlichen Bewegung“, einer religiösen und sozialen Vereinigung, die in Westeuropa und den USA aktiv ist und 1923 unter der Leitung des internationalen CVJM (YMCA) gegründet wurde. Sie erscheint ab 1925 in Paris im Verlag YMCA-Press und trug verschiedene Titel, darunter „Bote der Russischen Studentischen Christlichen Bewegung“ (Vestnik russkogo studenčeskogo christianskogo dviženija). Unter ihrem heutigen Titel erscheint sie seit 1975.

Im „Vestnik russkogo christianskogo dviženija“ erscheinen theologische und philosophisch Aufsätze sowie Nachrichten aus dem christlich-orthodoxen Gemeindeleben im Westen. Redakteur ist seit 1955 de facto und seit 1970 auch offiziell Nikita Struwe. Durch Vermittlung von Jewgeni Barabanow erschienen ab Ende der 70er Jahre regelmäßig aus der Sowjetunion erhaltene Texte von Alexander Solschenizyn, Igor Schafarewitsch und Dmitri Dudko sowie Dokumente des Christlichen Komitees zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen in der UdSSR (Christjanskij komitet zaščity prav verujuščich v SSSR). Die Zeitschrift wurde illegal in die Sowjetunion geschmuggelt und dort als Kopien weitläufig in christlich-orthodoxen Kreisen verbreitet. Veröffentlichungen im „Vestnik“ wurden in politischen Prozessen gegen Oppositionelle als eigene Anklagepunkte eingebracht. Seit 1990 erscheint die Zeitschrift frei in Russland.

„Veče“

Unabhängige gesellschaftspolitische Zeitschrift mit einem patriotischen, christlich-orthodoxen Profil, die in der Sowjetunion zwischen 1971 und 1974 herausgegeben wurde. „Veče“ (Volksversammlung) erschien in zehn auf der Schreibmaschine vervielfältigten Ausgaben mit je rund 300 Seiten. Gründer und Redakteur der ersten neun Ausgaben war Wladimir Ossipow, Redakteur der zehnten Nummer war Iwan Owtschinnikow. Die Zeitschrift wurde offen herausgegeben und der Name und die Adresse des Herausgebers waren auf der Umschlagseite angegeben. Zu den ständigen Autoren zählten unter anderen Dmitri Dudko, Gennadi Schymanow und Leonid Borodin.

„Veče“ druckte Artikel, historische Essays, Prosa und Literaturkritik. Die programmatische Zielsetzung der Zeitschrift fasste der redaktionelle Beitrag „Kampf mit der sogenannten Russophilie oder Weg zur Selbstzerstörung des Staates“ (Bor‘ba s tak nazyvajemym rusofilstvom ili put‘ gosudarstvennogo samoubijstva) zusammen, der als Reaktion auf einen Artikel des ZK-Mitglieds und späteren Architekten der Perestroika, Alexander Jakowlew in der „Literaturnaja Gazeta“ vom 15.11.1972 entstanden war. Darin wurde die neoslawophile Strömung in Literatur und sowjetischer Publizistik kritisiert. Eine Textsammlung verschiedener Ausgaben druckte der Exilverlag Posev nach.

„Vokno“

Tschechoslowakische Samisdatzeitschrift, die seit 1979 von František Stárek (unter dem Pseudonym „Čuňas“) mit einem Kreis von Helfern herausgegeben wurde. „Vokno“ (Fenster) wurde als „Zeitschrift für eine andere und alternative Kultur“ (Časopis po druhou a jinou kulturu) gegründet, um das staatliche Informationsmonopol zu durchbrechen, unter dem vor allem die junge Generation litt. Die Zeitschrift befasste sich vorwiegend mit abseitigen und nichtkonformistischen Kulturereignissen in Literatur und Bildender Kunst. Autoren waren unter anderem Ivan M. Jirous (Pseudonym: „Magor“) und Egon Bondy (eigentlich Zbyněk Fišer). „Vokno“ erschien in einer Auflage von mehreren hundert Exemplaren zumeist dreimal jährlich. Bis zur ihrer Einstellung 1995 erschienen rund 300 Ausgaben der Zeitschrift, die im Laufe der Zeit zu einer der wichtigsten tschechoslowakischen Samisdatpublikationen wurde.

Für Herausgabe und Vertrieb der Zeitschrift kamen mehrere Personen ins Gefängnis. František Stárek musste sich mehrere Male vor Gericht verantworten. 1989 wurde er in einer vom Innenministerium vorbereiteten Fernsehsendung als Krimineller verunglimpft. Die Redaktion von „Vokno“ gab in der zweiten Hälfte der 80er Jahre auch die Zeitschrift „Voknoviny“ (in etwa „Fenster-Nachrichten“) heraus und war am „Originální videojournal“ beteiligt. Letzteres veröffentlichte Informationen zu den gesellschaftspolitischen und kulturellen Aktivitäten der Opposition.

Volksarbeitsbund der russischen Solidaristen

Russische politische Exilpartei, die 1930 gegründet wurde und mehrfach ihren Namen gewechselt hat. Den gegenwärtigen Namen trägt sie seit 1948. In den 30er Jahren wurde sie als Jugendorganisation einer Militärorganisation „weißer“ Emigranten – der „Union aller Russischen Militärverbände“ (Russkij Obšče-Voinskij Sojuz) – gegründet und stand von ihrer ideologischen Ausrichtung her radikalen rechten Diktaturen in Europa nahe. Das Programm des „Volksarbeitsbundes der russischen Solidaristen“ (Narodno-trudovoj sojuz rossijskich solidaristov) sah als letzten Ziel den Sturz des kommunistischen Regimes vor sowie die Gründung eines korporativen Staates. Während des Zweiten Weltkrieges kollaborierte ein Teil der Leitung mit den Deutschen. 1945 nahm die Partei ihre Tätigkeit in Westdeutschland wieder auf. Sie gab unter anderem die Zeitschriften „Posev“ und „Grani“ heraus und verfügte über den Verlag Posev sowie den Radiosender „Freies Russland“ (Svobodnaja Rossija), der auf das Gebiet der UdSSR ausgestrahlt wurde. Die Solidaristen verbreiteten propagandistische Literatur unter sowjetischen Matrosen und Touristen.

Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre gründeten die Solidaristen eigene Zellen in der Sowjetunion, schmuggelten ihre Publikation ins Land und knüpften Kontakte mit oppositionellen Kreisen. Einige Dissidenten wie Juri Galanskow, Rostislaw Jewdokimow und Waleri Schenderow wurden Mitglieder des „Volksarbeitsbundes“, andere wie Alexander Ginsburg, #Anatoli Lewitin-Krasnow und Wladimir Bukowski nutzten deren Kanäle, um ihre Texte in den Westen zu bringen. Die Unterstellung, Kontakte zum Volksarbeitsbund russischer Solidaristen zu besitzen, wurde vom KGB genutzt, um die Dissidentenbewegung zu diskreditieren, was zum Beispiel während des Prozesses der Vier geschah. Solche Kontakte waren Anfang der 70er Jahre Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen in Dissidentenkreisen und unter sympathisierenden Intellektuellen. Es gelang nicht, den Widerspruch zwischen dem Streben des Volksarbeitsbundes zur Konspiration und die programmatische Offenheit der Menschenrechtsbewegung zu überwinden. 1990 wurde der Volksarbeitsbund offiziell in der UdSSR zugelassen. Zwischen 1992 und 1994 zogen die Partei und die Redaktion der Zeitschrift von Frankfurt am Main nach Moskau um.

Vorfall mit einem französischen Lastwagen

Im Frühjahr 1981 stoppte die tschechoslowakische Staatssicherheit an der Grenze zur Bundesrepublik Deutschland einen französischen Lastwagen, der ausländische Zeitschriften und Literatur für tschechoslowakische Bürgerrechtler transportierte. Dabei wurde auch ein Verzeichnis tschechoslowakischer Dissidentennamen gefunden, woraufhin zwischen dem 6. und 12. Mai 1981 rund 50 Dissidenten verhaftet wurden. 15 wurden angeklagt, staatsfeindliche Aktivitäten zu betreiben. Die Behörden verhörten in diesem Zusammenhang insgesamt etwa 150 Personen. Ende März 1982 saßen Jiří Ruml, Milan Šimečka und Ján Mlynárik noch immer im Gefängnis. Auf Druck der internationalen Öffentlichkeit und westlicher Politiker (unter anderem von Amnesty International, dem österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky und dem deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt) wurden sie bis Ende Mai 1982 aus der Haft entlassen. Zu einem Gerichtsprozess gegen sie kam es nicht mehr.