Glossar

Charta 77

Eine der ersten Bürgerrechtsbewegungen im Ostblock. Die Hilfsaktion verschiedener oppositioneller Gruppen (hauptsächlich Eurokommunisten, Liberale und Kirchenaktivisten) zugunsten der 1976 inhaftierten Musiker der Undergroundband „Plastic People of the Universe“ trug mit zur Entstehung der Bürgerrechtsbewegung Charta 77 in der Tschechoslowakei bei. Die kommunistische Regierung verpflichtete sich mit ihrer Unterschrift unter die KSZE-Schlussakte von Helsinki zur Einhaltung der Menschen- und Bürgerrechte; im September 1976 ratifizierte das tschechoslowakische Parlament diese internationalen Verträge. Damit bestand in der Tschechoslowakei eine legale Grundlage für die Einforderung dieser Rechte. Eine entsprechende Petition der Charta 77 wurde noch vor ihrer Veröffentlichung am 1. Januar 1977 von 242 Personen unterschrieben.

Die Bürgerrechtsbewegung Charta 77 verstand sich selbst als freie, informelle und offene Gemeinschaft von Menschen mit unterschiedlichen Anschauungen, Religionszugehörigkeiten und Berufen, die der Wille einte, für die Einhaltung der Menschen- und Bürgerrechte in der Tschechoslowakei und weltweit einzutreten. Erste Sprecher der Bewegung wurden Václav Havel, Jiří Hájek und Jan Patočka, die auch die späteren Texte der Charta 77 stellvertretend für alle anderen Unterzeichner unterschrieben. Bis November 1989 entstanden so weitere 572 Dokumente.

Gegen die Unterstützer der Charta 77 ergriff der Staat zahlreiche repressive Maßnahmen. Dazu gehörte auch eine Desinformationskampagne, in deren Verlauf eine Reihe bekannter Künstler die sogenannte „Anticharta“ unterschrieben, in der sie indirekt Aussagen der Bürgerrechtler verurteilten und das kommunistische Regime unterstützten. 1979 wurden einige Mitglieder der Charta 77 und des Komitees zur Verteidigung der zu Unrecht Verfolgten (Výbor na obranu nespravedlivě stíhaných; VONS) zu Gefängnisstrafen verurteilt. Die nächste Verfolgungswelle setzte 1981 im Zusammenhang mit dem Vorfall mit einem französischen Lastwagen ein. Dutzende Unterzeichner der Charta verschwanden damals im Gefängnis. Bis November 1989 unterzeichneten rund 2.000 Personen die ursprüngliche Petition der Charta 77, ungefähr 300 von ihnen mussten ihr Land aus politischen Gründen verlassen. Im Unterschied zum tschechischen Landesteil waren die Charta 77 und ihre Veröffentlichungen in der Slowakei weniger populär. Dort unterschrieben nur zehn Personen die Petition.

Bis 1987 verstand die Bürgerrechtsbewegung sich und ihr Handeln als grundsätzlich unpolitisch. Erst in den letzten zwei Jahren vor der Samtenen Revolution entwickelte sich aus der Charta 77 nach und nach eine politische Opposition im engeren Sinne.

Christliches Komitee zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen in der UdSSR

Menschenrechtsorganisation, die am 27. Dezember 1976 in Moskau vom orthodoxen Kaplan Gleb Jakunin, vom Diakon Boris Chajbulin und von Viktor Kapitantschik gegründet wurde. Kapitantschik war bis zum 12. März 1980 Sekretär des Komitees. Das Ziel des „Christlichen Komitees zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen in der UdSSR“ (Christjanskij komitet zaščity prav verujuščich v SSSR) war es, Informationen über die Situation von Gläubigen in der Sowjetunion zu sammeln und zu verbreiten. Das Komitee arbeitete eng mit der Moskauer Helsinki-Gruppe zusammen, mit deren Hilfe es Kontakte zu Baptisten, Pfingstkirchlern, Adventisten und Katholiken aufnahm. Zuvor hatte es zwischen Orthodoxen und Protestanten keinerlei Kontakte gegeben.

Das Komitee half dabei, Informationen über die Einschränkung der Religionsfreiheit in den Westen zu leiten. Es veröffentlichte 64 Dokumente über Fälle, in denen Rechte von Gläubigen verletzt wurden. Nach dem Vorbild des Komitees wurde 1978 in Litauen das Katholische Komitee zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen (Tikinčiųjų teisėms ginti katalikų komitetas) gegründet. In Rumänien entstand das „Christliche Komitee zur Verteidigung der religiösen Freiheiten“. Nach der Verhaftung seiner Mitglieder 1979 und 1980 stellte das „Christliche Komitee zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen in der UdSSR“ seine Tätigkeit ein.

„Chronik der laufenden Ereignisse“

Informationsbulletin der Menschenrechtsbewegung, das unter Umgehung der Zensur in Moskau herausgegeben. Die erste Nummer der „Chronik der laufenden Ereignisse“ (Chronika tekuščich sobytij) erschien mit Datum vom 30. April 1968, also in dem Jahr, das durch die UN zum Jahr der Menschenrechte erklärt worden war. Bis 1983 erschienen insgesamt 63 Ausgaben (Nr. 1–58, 60–64) . Ausgabe 59 wurde vom KGB konfisziert. Die 64. Ausgabe, welche auf den 30. Juni 1982 datiert, erschien erst 1983. Aufgrund der Verhaftung des Redakteurs Juri Schychanowitsch konnte die bereits fertiggestellte 65. Ausgabe mit dem Datum vom 31. Dezember 1982 im Herbst 1983 nicht mehr veröffentlicht werden.

Die Redaktion fertigte jeweils acht maschinengeschriebene Exemplare mit einem Umfang von anfänglich 10 bis 20 Seiten und zum Ende hin 150 bis 200 Seiten an, von denen in Moskau und anderen Städten der UdSSR Abschriften angefertigt wurden. Die Gesamtauflage betrug mehrere Hundert Exemplare. Die Zusammensetzung der Redaktion änderte sich aufgrund der anhaltenden Verfolgung durch den KGB ständig. Initiatorin und Redakteurin der ersten zehn Ausgaben der Zeitschrift war Natalja Gorbanewskaja. Sie entwickelte auch das Profil der detaillierten Berichte und der unparteiischen Kommentierung der Ereignisse. Nach ihrer Verhaftung im Dezember 1969 wurde die „Chronik“ von Anatoli Jakobson, Juri Schychanowitsch, Gabriel Superfin, Sergei Kowaljow, Alexander Lawut, Tatjana Welikanowa, Jelena Smorgunowa und Boris Smuschkewitsch herausgegeben. Die Namen der Redakteure wurden nicht offen angegeben mit Ausnahme der drei Mitglieder der Initiativgruppe zur Verteidigung der Menschenrechte in der UdSSR (Tatjana Welikanowa, Sergei Kowaljow und Tatjana Chodorowitsch). Letztere gaben die Zeitschrift nach der behördlich erzwungenen Einstellung und einer anderthalbjährigen Unterbrechung im Mai 1974 neu heraus.

Für die Beteiligung an der Herausgabe oder die Verbreitung des Bulletins kamen folgende Personen vor Gericht: Juri Schychanowitsch (zwei Mal), Pjotr Jakir, Wiktor Krasin, Gabriel Superfin, Sergei Kowaljow und Tatjana Welikanowa. Vertreter außerhalb der UdSSR war Pawel Litwinow. Die „Chronik“ wurde im Ausland vom Posev-Verlag nachgedruckt, die Nummern 1 bis 27 wurden in einer zweibändigen Edition durch die Herzen-Stiftung in Amsterdam herausgegeben und ihre Übersetzung erschien 1972 bis 1974 in drei Bänden in London. Ab 1974 erschienen die weiteren Nummern auf Russisch und Englisch im New Yorker Verlag Khronika Press, der speziell zu diesem Ziel von Pawel Litwinow und Edward Klein gegründet worden war. Nachdrucke wurden zurück in die Sowjetunion gebracht und viele Materialien über westliche Radiostationen verbreitet, die wichtigste Rolle bei der gesellschaftlichen Konsolidierung der Bewegung im Umfeld der „Chronik“ spielte jedoch die Verbreitung im Samisdat.

Informationen über Verstöße gegen Bürgerrechte und gesellschaftlichen Widerstand gegen Repressionen erhielt die Redaktion von ihren Lesern und Unterstützern, die das Bulletin vervielfältigten, sowie von unabhängigen Menschenrechtsorganisationen, die über eigene Informationsquellen verfügten. Das Netzwerk der Unterstützer, die die „Chronik“ abschrieben und verteilten sowie die Berichterstatter, die mit der Zeitschrift zusammenarbeiteten, bildeten die grundlegende Infrastruktur der Menschenrechtsbewegung. Viel Platz nahmen Berichte über die Situation in Litauen und der Ukraine, die Bewegung der Krimtataren und die Verfolgung der Gläubigen ein. Die „Chronik der laufenden Ereignisse“ stellte die vollständigste und glaubwürdigste Informationssammlung über die Aktivitäten der Dissidenten und über politisch Verfolgte in der UdSSR in den Jahren von 1968 bis 1972 dar. Alle Ausgaben des Bulletins sind auf einem eigenen von der Vereinigung Memorial betriebenen Webportal zugänglich. Memorial bereitet außerdem eine vollständige kommentierte Ausgabe der „Chronik“ vor.