In diesem Jahr kehren etwa 35.000 Menschen der DDR den Rücken. Mit der ungewöhnlich hohen Zahl bewilligter Ausreiseanträge will die DDR-Führung den Druck aus der Gesellschaft abschwächen. Die Zahl der Ausreiseanträge wächst jedoch weiter rasant, und die Antragsteller organisieren sich zunehmend politisch, um ihre Interessen wahrzunehmen. Sie tun dies unter anderem innerhalb kirchlicher Gruppen und verursachen damit sowohl in diesen Gruppen als auch in den offiziellen Kirchengremien eine tiefe Krise.

Konstituierung der Gruppe „Oświata – Kultura – Nauka“ (Bildung – Kultur – Wissenschaft) durch Zusammenwirken der Arbeitsgruppe für Unabhängige Bildung (Zespół Oświaty Niezależnej), des Komitees für Unabhängige Kultur (Komitet Kultury Niezależnej), des Gesellschaftlichen Komitees für die Wissenschaft (Społeczny Komitet Nauki; SKN), des Gesellschaftlichen Gesundheitsausschusses (Społeczna Komisja Zdrowia) sowie des polnischen Helsinki-Komitees.

In Warschau gründet Stanisław Stomma den öffentlichen Klub für Politisches Denken „Dziekania“. An den politischen Diskussionen, die in einem Gebäude der Warschauer Kurie stattfinden, nehmen Vertreter oppositioneller Kreise teil, die einer Fortsetzung der Arbeit im Untergrund (auch der Untergrundarbeit der Solidarność) kritisch gegenüberstehen. Folgende Gruppen wirken in diesem Kontext mit: „Res Publika“ (Damian Kalbarczyk), die Redaktion der Zeitschrift „Polityka Polska“ (Aleksander Hall) und ehemalige Vertreter der Vereinigung PAX (Przemysław Hniedziewicz). Zu Gast im Klub sind auch unabhängige Intellektuelle wie Stefan Kisielewski, Krzysztof Kozłowski und Henryk Krzeczkowski vom „Tygodnik Powszechny“ oder der Chefredakteur der Krakauer Zeitschrift „13“, Mirosław Dzielski.

Offizieller Beginn des sogenannten Prozesses der Wiedergeburt. Bis 1987 kommen dabei nach offiziellen Angaben 17 Menschen zu Tode. Die Anzahl politischer Gefangener steigt auf etwa 10.000. Im Lager Belene werden 5.000 Menschen inhaftiert.

Piotr Bartoszcze, Aktivist der im Untergrund agierenden Bauern-Solidarność, wird in der Nähe von Inowrocław in Kujawien von unbekannten Tätern ermordet. Trotz Einstellung der Ermittlungen wird dieser Fall von vielen mit Aktivitäten des Staatssicherheitsdienstes in Verbindung gebracht.

Sieben inhaftierte Mitglieder des Landesausschusses der Solidarność und vier Mitglieder des ehemaligen KSS „KOR“ lehnen ein Angebot der Staatsmacht ab, freizukommen, wenn sie ihre oppositionelle Tätigkeit einstellen oder sich für eine gewisse Zeit ins Ausland begeben würden.

In Danzig, Łódź, Nowa Huta und Warschau kommt es bei Solidarność-Demonstrationen zu Zusammenstößen mit der Miliz.

Im Haftkrankenhaus von Perm stirbt der ukrainische politische Gefangene Olexi Tychy.

Der Regionale Exekutivausschuss der Solidarność für die Region Łódź wird berufen. Dem Ausschuss gehören Marek Czekalski, Jerzy Dłużniewski, Marek Edelman, Rafał Kasprzyk und Ryszard Kostrzewa an.

Die Charta 77 veröffentlicht das Dokument „Recht auf Geschichte“ (Pravo na dějiny), das unter Historikern einen langjährigen Streit auslöst. Der Text macht die Unterschiede in den ideologischen Standpunkten innerhalb der Bürgerrechtsbewegung deutlich und kündigt bereits künftige politische Trennlinien an.

Während der Wahlen zu den Nationalräten finden auf Betreiben von Konrad Bieliński vom Regionalen Exekutivausschuss Masowien der Solidarność unabhängige Messungen der Wahlbeteiligung statt. Danach hätten in Warschau an der Wahl lediglich 40–60 % der Wahlberechtigten teilgenommen (gegenüber 75 % laut offiziellen Angaben). Im Frühjahr hatte die im Untergrund agierende Solidarność landesweit zum Wahlboykott aufgerufen, dessen Erfolg sie als Gradmesser für die gesellschaftliche Unterstützung betrachtete.

In Warschau beginnt die Gerichtsverhandlung gegen die Mitglieder des ehemaligen KSS „KOR“, Jacek Kuroń, Adam Michnik, Henryk Wujec und Zbigniew Romaszewski, denen vorgeworfen wird, den gewaltsamen Sturz der Gesellschaftsordnung Volkspolens angestrebt zu haben. Der Prozess wird nach dem ersten Tag nicht weiter fortgesetzt und die Anklage im Rahmen einer Amnestie fallen gelassen.

Das Parlament beschließt eine Amnestie für politische Gefangene, in deren Rahmen die meisten Verurteilten und Festgenommenen freikommen (insgesamt mehr als 600 Personen, unter ihnen auch die führenden Persönlichkeiten der Solidarność). Weiterhin in Haft bleiben jedoch Oppositionelle, die nach dem Strafrecht verurteilt worden sind oder denen „Staatsverrat“ vorgeworfen wird (unter anderen auch Bogdan Lis).

Im Haftkrankenhaus von Tschussowoi (Permer Lager) stirbt der ukrainische Dissident Juri Litwin.

Unweit von Toruń wird der Priester und bekannte Solidarność-Seelsorger Jerzy Popiełuszko von drei Mitarbeitern des Staatssicherheitsdienstes ermordet. Der Mord erschüttert die Gesellschaft. Im ganzen Land entstehen von Aktivisten der Opposition initiierte Bürgerkomitees, die sich gegen Gewalt wenden. An der Beisetzung von Jerzy Popiełuszko nimmt auch Lech Wałęsa teil. Die Beerdigungsfeierlichkeiten werden zu einer Großdemonstration zur Unterstützung der Solidarność, an der Tausende von Menschen teilnehmen.

In Warschau erscheint die erste Ausgabe der Wochenzeitschrift „Przegląd Wiadomości Agencyjnych“ (Agentur-Nachrichtenrundschau), die bald zu einer der wichtigsten Zeitschriften der Solidarność wird. In der Redaktion arbeiten Stanisława Domagalska, Jan Dworak, Jan Doktór, Andrzej Kaczyński und Ernest Skalski mit.

Eine gemeinsame Erklärung der unabhängigen Friedensbewegungen der DDR und der Tschechoslowakei erscheint. In dem Text sprechen sich ostdeutsche und tschechoslowakische Oppositionelle vehement gegen die Ausweitung und Vergrößerung sowjetischer Raketenbasen in beiden Staaten aus. Die Unterzeichner wollen ein Europa ohne Atomwaffen vom Ural bis zum Atlantik.

Władysław Frasyniuk schreibt in einem offenen Brief an die Mitglieder und Unterstützer der Solidarność: „Wenn wir nachhaltige politisch-gesellschaftliche Veränderungen wollen, wenn wir eine wahrhaft selbstverwaltete und unabhängige Gesellschaft aufbauen wollen, erwarten uns noch Jahre hartnäckiger Arbeit – darüber müssen wir uns im Klaren sein. Unsere Hoffnung müssen letztendlich wir selbst sein, wir selbst müssen schon heute unsere Selbstbestimmtheit organisieren. […] Unser übergeordnetes Ziel ist die Wiedergeburt unserer Gewerkschaft, ist die Wiedereinführung des Rechts auf gewerkschaftlichen Pluralismus in Polen.“